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StartseiteCampus & KarriereProteste nach Selbstverbrennung eines Studenten13.11.2019

FrankreichProteste nach Selbstverbrennung eines Studenten

Nachdem sich ein Student in Lyon selbst verbrannt hatte, fanden in ganz Frankreich Studierenden-Proteste gegen problematische finanzielle Verhältnisse statt. In seinem Abschiedsbrief erklärte der 22-Jährige seinen Selbstmord laut einer Vereinskameradin mit seiner prekären Lebenslage.

Von Suzanne Krause

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Studentenproteste in Lille (picture alliance / NurPhoto / Nicolas Lee)
"Prekarität ist tödlich – Solidarität lebensnotwendig" lautet das Motto der französischen Studierenden (picture alliance / NurPhoto / Nicolas Lee)
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In Paris haben gestern Nacht mehrere Dutzend Studierende den Hof des Hochschulministeriums besetzt und Ministerin Frédérique Vidal zum Rücktritt aufgefordert - bis die Polizei die Gruppe auseinandertrieb. So endete der gestrige Aktionstag, bei dem Studierendenvereine im ganzen Land zu Kundgebungen aufgerufen hatten. Allen voran Solidaires étudiant-e-s – denn dort engagierte sich der Studierende, dessen Fall derzeit durch die Medien geht, für bessere Alltagsbedingungen im Hochschulbereich.

Der 22-Jährige, der sich in Lyon in Brand gesteckt hatte, lebte selbst in sehr prekären Verhältnissen. Seine Kommilitonen berichteten bei der Protestaktion auf dem Campus der Universität Paris Saint-Denis über seine Versuche, unter diesen Bedingungen sein Studium der Politikwissenschaft abzuschließen.

"Prekarität ist tödlich – Solidarität lebensnotwendig"

In zwei Anläufen sei es ihm nicht gelungen, das zweite Jahr erfolgreich zu absolvieren, beim dritten Versuch wurde seine "Bourse", also das Bafög gestrichen, er blieb mittellos zurück. Sophie Lapoix von Solidaires étudiant-e-s:

"Unser Kamerad hat einen Abschiedsbrief auf Facebook hinterlassen. Darin erklärt er den Grund für seine Verzweiflungstat: die prekäre Lage, die sein Leben wie das von manch anderem Studierenden prägt."

An Mauern und Strommasten auf dem Campus pappen neue Aufkleber: "Prekarität ist tödlich – Solidarität lebensnotwendig." Ein Slogan, dem Thomas und Chloé zustimmen. Ihren Nachnamen mögen sie nicht nennen:

"Auch mein Alltag ist immer wieder sehr prekär. Deshalb kann ich mich mit der Verzweiflungstat des Gewerkschafters in Lyon voll identifizieren. Wir müssen uns gegen solche Lebensumstände auflehnen, sie bekämpfen. Den meisten um mich herum geht es nicht besser als mir, mein bester Freund hat einen Masterabschluss in der Tasche und findet keinen Job. Für die Miete arbeitet er in einem Fastfood-Restaurant."

Für die Miete arbeitet auch Jurastudentin Chloé in einem Burger-Laden. Denn von ihren Eltern erhält sie keinerlei Unterstützung:

"Morgens um drei erst habe ich Feierabend. Und einige Stunden später sitze ich schon wieder im Hörsaal. Dieser Rhythmus greift die Gesundheit an. An manchen Tagen könnte ich nur da sitzen und heulen."

Staatliche Finanzhilfen für Studierende

Mehr als jeder dritte Studierende in Frankreich ist gezwungen, neben dem Studium zu arbeiten. Das betrifft selbst diejenigen, die eine "bourse", also Bafög, erhalten. Diese staatliche Finanzhilfe wurde zwar kürzlich um ein Prozent aufgestockt. Doch vom deutschen Bafög-Höchstsatz von bis zu 735 Euro monatlich können Studierende in Frankreich nur träumen. Im Privatradio RTL erklärte gestern Melanie Luce, Präsidentin der wichtigsten Studierendengewerkschaft FAGE:

"Der Höchstsatz bei uns beläuft sich auf rund 450 Euro pro Monat. Das liegt unter der Armutsgrenze. Wir sagen: Dem finanziellen Fördersystem ist die Luft ausgegangen, es muss dringend reformiert werden."

Um so mehr, als letztes Jahr in Frankreich das Wohngeld gekürzt und dessen Berechnungsgrundlage geändert wurde. Zum Nachteil vieler Studierender, so die Gewerkschaften. Bei der gestrigen Kundgebung von Solidaires étudiant-e-s in Paris forderte Paola Toutous von der Regierung Sofortmaßnahmen:

"Die Beschlagnahmung leerstehender Wohnungen für die Unterbringung von Studierenden und die Freigabe von Notgeldern für Bedürftige."

Auf ein offizielles Statement der Regierung in Paris warten die Studierenden bislang vergeblich.

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