Samstag, 02. Juli 2022

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Franz Kafka und das deutsch-jüdische Erbe Prags

Nach dem Zweiten Weltkrieg wandelte sich in Prag auch die Sprache: Das Prager Deutsch war seltener in den Straßen zu hören. Die Literaturwissenschaft ließ die deutschsprachige Tradition der Stadt außen vor, obwohl sie Autoren von Weltrang hervorgebracht hat. Deshalb ist die erste tschechische Kafka-Biografie so bedeutungsvoll, geschrieben von einem der wichtigsten Kafka-Kenner Tschechiens: Josef Cermák.

Von Christina Janssen | 20.10.2010

Mit seiner Kafka-Biografie hat sich Josef Cermák einen Lebenstraum erfüllt. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich der Prager Literaturhistoriker mit Leben und Werk dieses Autors. Nun hat er all sein Wissen in einem opulent ausgestatteten Band zusammengefasst:

"In den 1950er-Jahren hatte ich das Glück, als junger Redakteur des Odeon-Verlags mit dem berühmten Übersetzer aus dem Deutschen Erik Adolf Saudek zusammenarbeiten zu können. Und dieser Mann war mit der Nichte Franz Kafkas verheiratet, sodass ich in dieser Familie, wo ich viele Wochen verbracht habe, vieles über Kafka erfahren konnte, die Manuskripte ansehen und so weiter. Und das war eigentlich der Beginn meines professionellen Interesses an Franz Kafka."

Das war zu kommunistischen Zeiten nicht ungefährlich: In den Jahren bis zur Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 konnte Cermák zwar unbehelligt forschen. Danach landete er dann aber unfreiwillig im germanistischen Untergrund:

"Kafka wurde paradoxerweise zum Staatsfeind erklärt. Und in den 70er- und 80er-Jahren konnte man nicht viel unternehmen hier. Da war Publikationsverbot hier. 15 Jahre wurde keine Zeile aus Kafkas Werk hier publiziert. Aber wir haben halb-geheim mit Kollegen aus ganz Europa, vor allem aus Deutschland mitgearbeitet. Hartmut Bender und viele andere. Und in dieser Zeit habe ich auch viel durchgeschmuggelt, aber wir haben nicht gehofft, dass wir uns noch einmal frei mit Kafkas Werk befassen können."

Auch deshalb sei Franz Kafka überall in der Welt beheimatet, nur nicht in Tschechien. Ins Bewusstsein seiner Landsleute sei Kafka immer nur auf dem Umweg über den Westen vorgedrungen, sagt Josef Cermák:

"Bei uns existiert eigentlich kein originelles Kafka-Buch, das die ganze Biografie und das ganze Werk irgendwie zusammenfassen würde, nicht wahr. Wir haben zwar Übersetzungen einiger Bücher - daran war ich persönlich immer beteiligt. Aber eine tschechische Biografie existiert bis heute nicht. Also als ich diesen Vorschlag bekam, dass ich ein kleines Buch über Kafka schreiben sollte, da hab ich mir gesagt, da werde ich eine Biografie schreiben, die eigentlich den Zutritt zu Kafkas Werk den tschechischen Lesern erleichtern würde. Weil Kafka für die Tschechen ein sehr, sehr schwieriger Autor ist, nicht wahr."

Es falle seinen Landsleuten schwer, die deutsch-jüdische Prager Kultur auch mit Stolz als Teil der eigenen Geschichte zu betrachten, sagt Cermák, einer der Mitbegründer der Prager Franz-Kafka Gesellschaft. Mit seinem Buch möchte er Kafka gewissermaßen nach Prag zurückzuholen. Ein breites Publikum, so die Hoffnung, soll den Autor durch neue Blickwinkel für sich entdecken - durch beinahe intime Einblicke in seine Lebensweise und seinen Arbeitsstil. Und so bietet Cermáks Biografie, der eine Mappe mit 30 Faksimiles beigefügt ist, nicht nur dem tschechischen Lesepublikum einen neuen Zugang. Vor allem im Bildteil könne man einiges entdecken, was noch nie publiziert worden sei, so Cermák. Ansichtskarten oder Fotos etwa, die Kafka an seine Familie geschickt habe.

"Und im Text selbst findet man einige neue Entdeckungen bestimmter Tatsachen - zum Beispiel über Prag und die Wohnungen Kafkas in bestimmten Häusern. Da ist es mir gelungen, in den Archiven vieles zu ergänzen."

"Der Kampf namens Schreiben" - so lautet der tschechische Titel der Biografie, die von der Kritik überschwänglich gelobt wurde. Mit diesem Buch, schreibt ein Prager Rezensent, begleiche die tschechische Literaturwissenschaft gewissermaßen eine Jahrzehnte alte Schuld. Und keinem Autor hätte das besser gelingen können als Josef Cermák. Der Gerühmte selbst glaubt indessen nicht, dass mit seinem Werk nun alles über Kafka gesagt sei:

"Na, überhaupt nicht, mein Gott. Es ist nur eine Kleinigkeit!"