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"Frauen haben gelernt, sich schwierigen Situationen anzupassen"

Zehn Informatikstudenten aus Iran, sechs junge Frauen und vier junge Männer, schreiben an der Uni Rostock ihre Masterarbeit. Medizin und Ingenieurwissenschaften studieren sogar mehr Frauen als Männer. Die iranischen Frauen profitieren vom leistungsorientierten Bildungssystem der Heimat.

Von Olaf Baale |
    Die iranischen Studenten treffen sich im Rostocker Innovations- und Gründerzentrum, im Versammlungsraum des Lehrstuhls für Rechnerarchitektur. Am Tisch sitzen sechs junge, europäisch gekleidete Frauen, drei tragen ein Kopftuch, die Männer tragen Jeans und T-Shirt. Die Atmosphäre ist locker, Gesprächsthema sind die Masterarbeiten, wie die computergestützte Vorhersage und Analyse epileptischer Anfälle, die automatische Erkennung von Eckbällen bei Fußballaufzeichnungen oder – das Masterthema der 24 Jahre alten Solmaz - die Minimierung des Energieverbrauchs von Schaltkreisen. Die Zusammenstellung der Studentengruppe – sechs Frauen, vier Männer – entspricht der Situation in Iran: Bis zu 60 Prozent der Studierenden im ingenieurwissenschaftlichen Bereich sind Frauen.
    Solmaz Hajmohammodi:

    "Die Menschen in Iran stellen sich gern schwierigen Aufgaben. Ich denke, das gilt besonders für Frauen. Frauen haben gelernt, sich schwierigen Situationen anzupassen."

    Bildung hat in Iran einen hohen Stellenwert. Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 30 Jahre. Jedes Jahr wollen mehr als zwei Millionen junge Menschen – Iran hat 74 Millionen Einwohner – studieren. Alle Interessenten müssen sich einer sehr anspruchvollen, landesweiten Aufnahmeprüfung stellen, und hier schneiden Frauen oft besser ab als Männer. Das führte in populären Studienfächern wie Medizin zu einem Frauenanteil von 80 Prozent. Daraufhin wurde im Medizinbereich eine Männerquote von 40 Prozent eingeführt.
    Die Gründe, warum Frauen so gut abschneiden, meint Fatemeh Shirbani, 25 Jahre alt, sind vielfältig.

    "Einer der Gründe, warum so viele Frauen nach oben kommen, ist, dass sich die besten Studenten in Iran schon während der Schulzeit für naturwissenschaftliche Fächer entscheiden. Folglich werden sie später Ingenieure."

    Das iranische Bildungssystem belohnt Leistungen, und das ohne Ansehen der Person. Mädchen profitieren davon. Im Berufsleben wird es etwas schwieriger, denn auch Iran ist eine patriarchalische Gesellschaft. Zwar wird die Arbeit von Mann und Frau in der Regel gleich bezahlt, doch zu bestimmten Berufen haben Frauen schwieriger Zugang.
    Wie sieht Fatemeh Shirbani ihre Zukunft?

    "Ich will arbeiten. Nach dem Masterstudium möchte eine Doktorarbeit schreiben, und dann werde ich arbeiten, so stelle ich mir meine Zukunft vor."

    Vielleicht, sagt Fatemeh, wird sie auch heiraten und Kinder haben, an ihrem Entschluss ändert das nichts. Es ist schwierig, doch es ist möglich, Beruf und Familie miteinander zu verbinden. Iranische Männer halten sich zugute, ihre Frauen seien intelligenter und kreativer als die anderer Nationalitäten. Tatsächlich gibt es Parallelen zur hiesigen Situation, auch wenn in Deutschland gerade mal 12 Prozent der Informatikstudenten Frauen sind.
    Djamshid Tavangarian, Inhaber des Lehrstuhls Rechnerarchitektur an der Universität Rostock, kommt aus Iran.

    "Ich kann bestätigen, dass auch in Deutschland Frauen in Ingenieurwissenschaften, in Informatik sehr gute Arbeit leisten. Ich muss sagen, meine besten Doktoranden sind tatsächlich Frauen. Warum das jetzt so ist – ich glaube, das ist das Stehvermögen der Frauen, ihr großes Interesse und ihre Bestreben, zu einem Ergebnis zu kommen."

    Djamshid Tavangarian hat das Programm für die iranischen Masterstudenten organisiert. Gefördert werden die Forschungsaufenthalte vom Deutschen Akademischen Austauschdienst und aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung. Neben den Themen der Masterarbeiten interessiert Djamshid Tavangarian besonders die gesellschaftliche Situation in Iran: auf der einen Seite die stark religiös, patriarchalisch geprägte Gesellschaft, auf der anderen Seite ein Bildungssystem, dass Frauen fördert.

    "Das Ansehen der Frauen steigt. Sie sehen, dass sie vieles besser können. Damit muss die Gesellschaft zurechtkommen. Das wird sicherlich nicht ohne Folgen bleiben."