Nur: Berlin ist nicht Leipzig. Und Zimmermann trat kein leichtes Erbe an. Die Deutsche Oper, in den Siebziger und Achtziger Jahren "Flaggschiff" der deutschen Musiktheater und eines der ersten Häuser Europas, war unter dem alternden Generalintendanten Götz Friedrich gegenüber der in Berlin Mitte angesiedelten Staatsoper in mancherlei Hinsicht ins Hintertreffen geraten. Das nach dem Krieg historistisch rekonstruierte, relativ kleine Opernhaus unter den Linden hatte unter Stabführung von Daniel Barenboim im Laufe der Neunziger Jahre immer größere Portionen der öffentlichen Zuwendungen, schließlich den Löwenanteil ergattert; die Zuwendungen für den großen Dampfer in Charlottenburg wurde kontinuierlich abgesenkt - 1998 beispielsweise auf 80,6 DM Millionen gegenüber 86,6 DM für das kleine Juwel ein paar Kilometer weiter östlich.
Die Saison 2001/2002 hätte der Deutschen Oper einen Aufbruch zu neuen Ufern bringen müssen. Zimmermann selbst schürte bei seinem Amtsantritt in Berlin mit immer neuen Ankündigungen allzu große Erwartungen. In fast grenzenloser Selbstüberschätzung schwadronierte er vor Medienvertretern seines besonderen Vertrauens davon, dass er Woody Allen als Opernregisseur an die Deutsche Oper holen und Steven Spielberg für den "Ring des Nibelungen" verpflichten werde – die amerikanischen Freunde wussten noch nicht einmal von solch zweifelhaftem Glück.
Zimmermann, der allenthalben auf mehreren Hochzeiten tanzt (auch in Dresden und München ist er fortdauernd als Manager neuer Musik tätig), mag die Herausforderungen der Berliner Generalintendanz unterschätzt haben. Mit dem, was er in seiner ersten Spielzeit präsentierte – von Nono bis Cherubini – vermochte er im Westen der Stadt nicht zu überzeugen und im Osten keine neue Liebe zu wecken.
Das Haus hätte eine zielstrebige, straffe und perspektivenreiche Führung benötigt, wurde aber eher dilatorisch moderiert. De ohnedies prekäre finanzielle Lage der Deutschen Oper hat sich nicht etwa, wie zu erwarten, verbessert, sondern dramatisch zugespitzt. Da konnte nun die zu rabiatem Sparkurs gezwungene Landesregierung nicht mehr lange fackeln. Der keineswegs freiwillige Abgang kommt fast unerwartet früh.
Mit der bevorstehenden Entscheidung wird auch der seit langem schwelende Prestige- und Machtkampf zwischen dem Theaterdirektor und seinem Generalmusikdirektor Thielemann zu dessen Gunsten entschieden. Möglicherweise aber, und das wäre das entscheidende, wird nun der Weg frei für das große Revirement in der Berliner Musiktheaterlandschaft, das seit Anfang der 90er Jahre überfällig ist (denn die Stadt verfügt über allzu große Überkapazitäten und über zu wenig wirklich Innovatives im Opern-Sektor).
Wohin dieser Weg, gesäumt von Spar-Zwängen, dann freilich mittelfristig oder à la longue führt, ist gegenwärtig ganz und gar offen. Es kommt darauf an, wie die Blicke nach vorn gerichtet und dass nicht noch einmal eklatante personelle und kulturpolitische Fehlentscheidungen getroffen werden.
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