Mittwoch, 28. September 2022

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Freie Wähler auf Wahlkampftour

Die Freien Wähler sind 2008 mit über zehn Prozent in den bayerischen Landtag eingezogen. Nun können sie sich sogar vorstellen, nach den Wahlen im nächsten Jahr mit SPD und Grünen zu regieren - trotz Anti-Euro-Kurs und Europakritik.

Von Michael Watzke | 13.09.2012

    Ein Bierzelt im niederbayerischen Karpfham. Hier ist Hubert Aiwanger auf Wahlkampftour:

    "Grüß Gott, kann ich was für Sie tun?"

    "Nein, eigentlich nicht."

    Viel tun kann Hubert Aiwanger derzeit tatsächlich nicht. Denn erstens humpelt der Vorsitzende der Freien Wähler noch, nach einem Achillessehnenriss beim Fußballspielen.

    "Drei bis vier Wochen, am Ende mit so einem Stützstiefel, damit hab ich mich rumgequält. Aber ich hab ihn sehr schnell abgelegt und wieder versucht, auf eigenen Beinen zu gehen. Hab’s auch geschafft!"

    Schlimmer ist für Aiwanger derzeit aber seine politische Machtlosigkeit. Er wettert gegen die Eurorettung – und die Freien Wähler verlieren in den Umfragen. Er klagt gegen den Rettungsschirm – und steht als Verlierer da.

    "Wir Freien Wähler sehen dieses Urteil mit eineinhalb weinenden Augen und sagen ganz klar, das ist für die Zukunft eine Riesengefahr für die deutschen Staatsfinanzen."

    Auf dem Volksfest in Karpfham dagegen jubeln die niederbayerischen Bauern, die auf Einladung der Freien Wähler in die Schwaimer Hütte gekommen sind:

    "Diese europäische Rettungspolitik, wo man Verschuldungshaftung für mehrere 100 Milliarden Euro übernimmt. Und am Ende gar nicht genau weiß, was man unterschrieben hat. Da wenn drei Bauern gesessen hätten, wäre nicht so viel Blödsinn passiert wie mit diesen Hunderten Bankern und Experten …"

    Auf dem Land, unter den Bauern, hat Hubert Aiwanger seine treuesten Anhänger. Er ist selbst gelernter Landwirt. Auf dem elterlichen Hof in Niederbayern lässt er sich gern mit den Ferkeln fotografieren.

    "Wo sollen wir uns hinstellen? Wo sind die meisten Kameraleute? Gut, dann gehen wir da hin!"

    Zuletzt ließ sich Hubert Aiwanger mit Ferkel und Christian Ude ablichten, dem SPD-Spitzenkandidaten für die bayerische Landtagswahl 2013. Aber er sei auch zu anderen Ferkeleien bereit, grinst Aiwanger.

    "Natürlich steht dem nichts im Wege, wenn der Herr Seehofer vorbeikommt und ein Ferkelbild machen will, dann drücke ich auch ihm ein Ferkel in die Hand. Er braucht nur anzuklopfen."

    Das Kokettieren mit den Koalitionsabsichten kommt bei den Grünen und Sozialdemokraten in Bayern nicht gut an. Die brauchen die Freien Wähler nämlich, wenn sie nächstes Jahr die CSU-Regierung ablösen wollen. Aber Aiwangers Anti-Euro-Kurs passt nicht zu Rot-grün. SPD-Generalsekretärin Natascha Kohnen fordert:

    "Die sollen sich endlich mal wieder zu dem bekennen, was sie eigentlich mal waren. Zu ihren Werten, zu ihren Inhalten, zu ihren Zielen."

    Die Stärken der Freien Wähler lagen stets in der Kommunalpolitik. Niemand stellt in den kleinen Gemeinden so viele Bürgermeister. Allerdings nur in Bayern. Hubert Aiwanger will aber im kommenden Jahr zur Bundestagswahl antreten.

    "Ich war gestern in Niedersachsen. Im Raum Hannover. In Ronnenberg ganz genau, und auch die waren begeistert von meiner Rede. Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich glaub, dass wir deutschlandweit Klartext sprechen müssen. Also, wir sind auf dem richtigen Weg."

    Davon hat Aiwanger längst nicht alle Parteifreunde überzeugt. Viele fürchten, dass die Freien Wähler ihre Wurzeln verlieren. Dass sie finanziell ausbluten. Und dann ist da noch Aiwangers Spitzenkandidat für die Bundestagswahl: Stephan Werhahn, Ex-CDU-Mitglied und ein Enkel Konrad Adenauers.

    "Wir sind in jeder Hinsicht doppelt Spitze!" "Das hat er gut gesagt. Wir ergänzen uns ganz gut und verstehen uns auch ganz gut. Ich glaub, wir sprechen mit einer Zunge. Bayern und der Bund sind ja nicht auseinanderzudiskutieren. Und wir sind überzeugt, dass seine Finanz- und Wirtschaftskompetenz uns gut tut."

    Doch Werhahn, ein kühler Investment-Manager aus Norddeutschland, fällt im bayerischen Bierzelt glatt durch. In Karpfham unterbricht er seine technokratische Rede mehrfach, weil ihn die Bierzeltbedienungen ablenken:

    "Dadurch, dass Kapitalien hin- und her fließen können, durch diese Freiheit … Okay, nachdem Pommes bestellt wurden, mach ich jetzt mit Europa weiter … Das ist ein zentrales, äh, zentralisiertes, bürokratisches Europa … Noch ’ne Currywurst! Okay, ich mach trotzdem weiter. Europa ist mir momentan wichtiger als Currywurst."

    Wie wichtig ist Europa den Freien Wählern wirklich? In Bayern mehren sich die Stimmen, die Aiwanger Populismus vorwerfen. Auf den Anti-ESM-Demos, die der Freie-Wähler-Chef jeden Montag in München abhielt, tummelten sich örtliche NPD-Größen. Auch wenn Aiwanger versicherte:

    "Wir sind keine Extremisten oder Berufsdemonstranten, sondern wir sind Leute, die sich Sorgen um die Zukunft dieses Landes machen, meine Damen und Herren."

    Bisher durfte Aiwanger seine Auftritte mit Eurokritiker Hans-Olaf Henkel im angesehenen "Haus der bayerischen Wirtschaft" abhalten. Doch das hat dessen Chef Bertram Brossard nun gestoppt. Aus Sorge ums Image. Aiwanger hatte ein paar Mal zu häufig das Wort "D-Mark" in den Mund genommen.

    "Wir fordern jetzt nicht aktiv die Wiedereinführung der D-Mark, sondern wir sehen diese Möglichkeit dann gegeben, wenn der Euroraum zerbröselt. Und ich glaube, dass es mittelfristig durchaus eine Option ist, um Schlimmeres zu verhindern."

    Die D-Mark soll auch für Hubert Aiwanger persönlich Schlimmeres verhindern: ein Debakel bei den Wahlen 2013.