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StartseiteBüchermarktFreiheit oder Kapitalismus. Ulrich Beck im Gespräch mit Johannes Willms20.11.2000

Freiheit oder Kapitalismus. Ulrich Beck im Gespräch mit Johannes Willms

Suhrkamp, 293 S, DM 34,-

"Freiheit oder Kapitalismus" - ein solcher Titel verblüfft um so mehr, wenn man weiß, daß der Hauptautor des Buches Ordinarius für Soziologie an der Universität München ist und der Gesprächspartner Chef des Feuilletons der Süddeutschen Zeitung.Natürlich soll der Titel provokativ an den alten CDU-Wahlkampfspruch "Freiheitoder Sozialismus" erinnern. Konzentriert sich subversiv sozialistisches Gedankengut neuerdings just in Münchens intellektuellen Chefetagen?

Hans-Martin Schönherr-Mann

Natürlich nicht.Vielmehr möchte der Historiker und Journalist Johannes Willms dazu beitragen, daß sich die Gedanken und Theorien seines Freundes Ulrich Beck in einer verständlicheren Sprache präsentieren. Der Interessierte soll sich nicht mehr an der akademisch trockenen Schreibweise von Becks bekanntestem Buch "Risikogesellschaft" langweilen müssen. In der Tat gibt das vorliegende Buch in Gesprächsform einen einführenden und gut nachvollziehbaren Überblick über die beckschen Ideen.

Warum aber der Titel "Freiheit oder Kapitalismus"? Politisch sind Ulrich Becks Theorien nämlich nicht so einfach in einem Links-Rechts-Schema zu verorten, obwohl er im Kapitalismus insoweit eine Bedrohung der Freiheit sieht, als sich dieser - neoliberal und global entfesselt - der politischen Kontrolle zunehmend entzieht. Angesichts von ökonomischen Globalisierungstendenzen, die beispielsweise nicht nur den Abbau des Sozialstaats erzwingen, sondern die nationalstaatliche Macht insgesamt schwächen, steht zumindest in Frage, inwieweit sich Demokratie und freie Marktwirtschaft gegenseitig brauchen. Der Titel will also auf die Bedrohung hinweisen, meint aber keinen absoluten Gegensatz. Johannes Willms stellt fest:

"Die Entwicklung ist janusköpfig.Ich will damit sagen, daß der Kapitalismus, wie wir ihn heute haben, längst ausgewandert ist aus dem Container des Nationalstaates, wie Ulrich Beck sagen würde. D.h., ich kann ihn gar nicht mehr politisch einhegen. Er folgt schon seiner eigenen Logik, und seine eigene Logik ist einfach die der Profitmaximierung, und das ist natürlich eine Logik, die bar jeder Moral ist. Das ist ja das schöne an Logik. Das kann positive und negative Effekte haben. Die Frage ist, wie man die positiven Effekte davon isolieren kam und die negativen Effekte vermeiden."

Imgrunde formuliert sich damit ein wesentliches Ziel der Bemühungen Ullrich Becks. Ausgangspunkt aber ist natürlich der Blick auf die Gesellschaft, den Beck gegenüber den gängigen soziologischen Theorien allerdings zu wandeln versucht. Denn in den letzten Jahrzehnten verloren die traditionellen sozialen Institutionen zunehmend an Bedeutung, man denke vor allem an Ehe und Familie, aber auch an Standesorganisationen, Gewerkschaften oder an die politischen Parteien.Viele Menschen vornehmlich in der westlichen Welt - aber unter Globalisierungsbedingungen zunehmend auch weltweit - verlieren tendenziell ihre sozialen Bindungen. Wo bisher dem Menschen bestimmte Berufs- und Lebenswege weitgehend vorgezeichnet waren, sind sie heute häufig gezwungen, eigene Aktivitäten zu entfalten und individuelle Entscheidungen zu treffen. Diesen Prozeß bezeichnet Beck mit dem Begriff der Individualisierung - ein Begriff, der nicht mit dem Wort Individualismus verwechselt werden darf, das individuelle Befreiung und Selbstverwirklichung propagiert. Nicht so der Begriff der Individualisierung. Johannes Willms:

"Da haben wir in der Tat eine Individualisierung, und das ist ja das schöne Beispiel - ich erinnere an das Buch von Kaufmann, dem französischen Soziologen, über das Problem der schmutzigen Wäsche. Wer wäscht, wenn beide berufstätig sind, die Wäsche? Wer macht die Haushaltsarbeit? Nicht nur, daß sich in der Moderne die alten Rollenverhältnisse auflösen. Wenn auch die Frau berufstätig ist, ist es klar, daß sie nicht auch noch Hausfrau sein kann, und da wird die schmutzige Wäsche auf einmal zu einem Problem: Wer macht den Haushalt? Wer den Abwasch? Wenn man die Individuallsierung so nimmt, als Auflösung von alten Kleingruppenverbänden, die die Gesellschaft konstituiert hat, dann sind wir voll in der Individuallsierung. Nur die Individuallsierung im klassischen Begriff, daß das einzelne Individuum in seiner - mit Leibnitz gesprochen - Monade dann einen Kosmos ausmalt, in dem es lebt und sich entfaltet und mit anderen Monaden dann in Freiheit kommuniziert. Das ist Unfug. Und das sieht Ulrich Beck auch so. Das wird ihm ja immer vorgeworfen, daß eine Gesellschaft von bloßen Ichlingen - das ist ja das bekannte Missverständnis von ihm - nicht denkbar ist."

Gegenüber seinen früheren Schriften, in denen Ulrich Beck den Prozeß der Individualisierung für den einzelnen eher als Zwang und als risikoreich schildert, betont er im vorliegenden Gespräch mit Johannes Willms stärker die Chancen, die die Individuallsierung bietet. Was soll man noch anderes den globlisierenden Tendenzen einer neoliberal entfesselten Ökonomie entgegenstellen, wenn die traditionelle Politik an Macht verloren hat und sich die Hoffnungen auf das Proletariat schon seit langem aufgelöst haben? Es bleibt nur der einzelne Bürger, der weltweit gezwungen ist, sein Leben selber zu organisieren und sich damit als Nukleus einer neuen Weltgesellschaft jenseits der Nationnalstaaten andeutet. Diesen beckschen Hoffnungen gegenüber bleibt Johannes Willms allerdings skeptisch:

"Wie eine Politik aus der Individualisterung entstehen soll, dieser voluntaristische Überschlag, das halte ich in der Tat für einen schwachen Punkt. Wie soll das gehen? Die Realität ist ja gekennzeichnet durch eine Globalisierung der großen Interessen, die sich längst globalisiert haben. Nehmen sie das bekannte Beispiel der OPEC-Staaten. Nehmen Sie die Staaten, die in der Weltbank das sagen haben. Das ist eine Handvoll. Die haben bestimmte Interessen, die in sich auch wiederum widersprüchlich sind, aber gegenüber dritten bilden sie eine Interessensfront.Wie wollen sie gegen diese globalisierten Interessen mit einer individualisierten Politik, die dagegen Einreden hat - Stichwort NG0s - sich auf Dauer durchsetzen können?"

Für Ulrich Beck dagegen präsentiert sich der Prozeß der Individualisierung einerseits in internationalen Akivitäten von sogenannten Nicht- Regierungsorganisationen (NG0s) genauso, wie in Bürgerinitiativen im regionalen oder kommunalen Bereich. Dabei müssen deren Aktivitäten gar nicht explizit politisch sein - man denke an Selbsthilfegruppen beispielweise von Rentnern oder Homosexuellen. Unter Individualisierungsbedingungen lösen sich die selbstverständlichen Umgangsformen des Alltags auf, muß alles permanent neu verhandelt werden, und sei es nur, wer Zuhause des anderen Wäsche wäscht. Wenn zudem unter Globalisterungsbedingungen die traditionelle Politik an Einfluß verliert, dann gewinnen die Aktivitäten der Bürger wie auch die ökonomischen der Unternehmen eine Art - Beck nennt es subpolitischen Charakter, was das Gewicht der Politik vermindert. Aus solchen Aktivitäten heraus sollte Politik neu gestaltet, neu erfunden werden- Das ist die becksche Botschaft, die er im vorliegenden Gesprächsband stärker als früher betont. Johannes Willms:

"Das ist ja schon eine Anstrengung, ein solches Theoriegebäude, wie es Urich Beck zu entwickeln versucht. Das ist imgrunde eine zeitgemäße Fundierung der Soziologie. Das ist der Versuch, das alte Muster von Max Weber durch ein neues zu ersetzen. Max Weber hat ja noch im Nationalstaat gedacht. Ulrich Beck sagt, wir müssen global denken.Wir müssen die Soziologie in ihrer Begrifflichkeit völlig neu fundieren. Wenn man ein solches Unterfangen hat, wenn man das sacrificium intellectus begehen muß, eine Utopie, eine Zielvorstellung zu entwickeln, auf die das Ganze hinausläuft, damit das Ganze nicht nur am Boden steht, sondern auch an der Decke hängt, und man die Dimension des Ganzen hat. Ich glaube, sein Individuallsierungsbegriff hat diese Bedeutung, daß er eine Zielvorgabe, die positiv besetzt ist, geben will."

Trotzdem hängt der Begriff der Individualisierung im Denken von Urich Beck nicht nur mit dem Begriff der Globalisierung, sondern auch weiterhin mit dem Begriff der Risikogesellschaft zusammen, die sich sowohl auf technologische Risiken als auch vor allem auf Gefahren bezieht, die der gesellschaftliche Wandel hervorbringt. Globalisierung heißt einerseits weltweite Herrschaft der Kapitalmärkte, heißt andererseits aber auch weltweite Kommunikation der Bürger, die gemeinsame kosmopoltische Interessen entfalten, ob in Rio, Tokio oder Paris. Damit lösen sich die traditionellen Gesellschaftsstrukturen indes nicht nur auf - es entstehen auch Gegenbewegungen, die politisch, sozial oder religiös die traditionellen Lebensweisen retten, d.h. neu fundamentieren wollen. Häufig bedrohen diese fundamentalistisch eine neu entstehende kosmopolitische Gesellschaft, was Ulrich Beck genauso betont wie Johannes Willms:

"Die Politik, die sich neu erfinden muß, steht, selbst wenn sie das Bewußtsein hat, sich neu erfinden zu müssen, in dem Moment vor der Herausforderung oder vor der Schwierigkeit, den Prozeß ihrer Neuerfindung inhaltlich auch an ihre Adressaten, also an die Wähler, zu vermitteln, die den Kopf voll haben mit Versatzstücken alter Mentalität Also muß ich die erst wieder knacken, und da genau kommt der Punkt, wo zum Beispiel Integrationsideologien auf einmal wieder gefährlich werden können. Ein neuer Faschismus oder meinetwegen auch Komnmunitarismus, also alle diese Vergemeinsschaftungsideologien, die dann auftauchen, um den Leuten dann sozusagen den Abschied von alten Gewohnheiten, von alten Gewißhheiten zu erleichtern, zu sagen, bitte habt Vertrauen zueinander, findet zusammen und wir werden es gemeinsam lösen, und ich bin euch der Führer und sage, wo es ins gelobte Land geht. Das ist genau das Problem.Wie schnell modernisiert sich der einzelne dann, um den Herausforderungen der zweiten Moderne gewachsen zu sein.

"Zweite Moderne" heißt das zentrale Schlagwort im Denken Ulrich Becks, das er dem postmodernen Zeitgeist entgegenstellt, der die Moderne verabschieden möchte.Ulrich Beck geht statt dessen von einer strukturellen Veränderung der Moderne aus. Die erste Moderne ist noch gekennzeichnet durch Industriewelt und Nationalstaat, die zweite Moderne durch neoliberal entfesselte Kapitalmärkte, die Informationstechnologien, somit durch Globalisierung, damit verbunden eine Schwächung traditioneller politischer Ordnungen und Individualisierungsprozesse.In der zweiten Moderne ist die Welt unübersichtlich und chaotisch geworden. Das verlangt von allen Beteiligten ein hohes Maß an Reflexions- und eigener Orientierungsleistung. Das muß nicht nur im postmodernen Sinne zur Politikverdrossenheit, somit zur Entpolltisierung führen. Vielmehr sieht Ulrich Beck just darin eine Chance zur Neuerfindung und Neugestaltung der Politik aus diesen Aktivitäten heraus. Daher bezeichnet er die zweite Moderne auch als reflexive Moderne. Dazu Johannes Willms:

"Die zweite Moderne ist natürlich einer seiner Zentralbegriffe. Ich bin da etwas skeptischer, ich glaube, daß das, was er erste Moderne nennt, sich in Teilen noch gar nicht durchgesetzt hat. Wir haben noch große Residuen der ersten Moderne, die von der ersten Moderne überhaupt erst noch modernisiert werden müssen. Die Moderne ist immer ein Prozeß der Veränderung, nicht notwendigerweise der Verbesserung oder der Versittlichung der Menschheit. Aber es ist immer ein Veränderungsprozeß.Wir haben auch immer das Phänomen der Ungleichzeitigkeit, wie es Ernst Bloch nannte, und wir werden es immer haben. Zweite Moderne ist natürlich ein Versuch, begrifflich ein Phänomen zu fassen, von Erscheinungen, von Wahrnehmungen, die nicht mehr nur in das orthodoxe Raster der ersten Moderne hineinfallen."

Urich Beck wehrt sich mit dem Begriff der zweiten Moderne gegen das postmoderne Wort vom Ende der Politik, beschreibt damit aber imgrunde dieselben Prozesse, die er auch nur teilweise anders deutet. Führen die subpolitischen Aktivitäten der Bürger nicht auch zu einer Reduktion traditioneller politischer und staatlicher Tätigkeit, somit zu einer Beschränkung der Politik, wenn auch nicht unbedingt zu deren postmodernem Ende?

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