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StartseiteCampus & KarriereFreiwillig Hauptschule04.06.2012

Freiwillig Hauptschule

Bayerische Eltern entscheiden sich für die Mittelschule

Seit in Baden-Württemberg beim Übertritt von der Grundschule auf eine weiterführende Schule der Elternwille gilt, schicken immer mehr bayerische Eltern ihre Kinder lieber ins Nachbarland auf ein Gymnasium oder eine Realschule, als auf eine bayerische Mittelschule. Einige Eltern schauen sich jedoch den Übertrittskampf ganz gelassen an.

Von Susanne Lettenbauer

In Bayern können Schüler auf eine kombinierte Grund- und Mittelschule. (AP)
In Bayern können Schüler auf eine kombinierte Grund- und Mittelschule. (AP)

"Also ich weiß, da gibt es nette Lehrer, denn das ist die große Schule da hinten und da sind wir manchmal auch zum Unterricht, sie haben einen großen Schulhof und sie ist einfach gut."

Selbstbewusst sitzt Tobi Krätz am Küchentisch. Ab September wird er in die Mittelschule von Garmisch-Partenkirchen gehen. Die meisten seiner Mitschüler werden das Gymnasium besuchen, er nicht. Mit einem Notenschnitt von 2,33 könnte auch er sich alle bayerischen Schularten aussuchen. Er geht lieber auf die Mittelschule:

"Am Anfang wollte ich aufs Gymnasium, aber dann hat die Mama gesagt, dass man dort viel lernen muss. Dann ist mein Freund auf's Gymnasium gekommen und hatte nicht mehr so viel Zeit und dann dachte ich – Mittelschule."

Im Wohnzimmer stehen zwei Pokale von seinen letzten Turnieren. Wann immer es geht, trainiert der Viertklässler in der Eissporthalle von Garmisch Eiskunstlaufen. Dafür hätte er am Gymnasium keine Zeit mehr, dafür und auch für seine Freunde nicht. Das sähe er an den anderen Schülern, die am Gymnasium sind. Auch die Realschule käme nicht infrage:

"Also bei der Realschule sind mir die Klassen zu groß, da kann ich mich schlechter konzentrieren und bei der Mittelschule hat man mehr Freizeit."

Dass die kombinierte Grund- und Mittelschule gleich in der Nähe liegt, ihr Sohn das Gebäude also kennt, war nicht der ausschlaggebende Grund für Mutter Kerstin Kraetz, ihren Sohn an der Mittelschule anzumelden. Eher schon der staatliche Druck, bereits in der vierten Klasse über das Leben des Kindes zu entscheiden. Diesen Wettlauf will sie nicht mitmachen:

"Ich bin eine von diesen schlechten Eltern, die es nicht gibt oder die so blöd sind ihre Kinder unter Wert zu verkaufen, aber ich sage, ich tue es aus Überzeugung, weil es für mein Kind das Beste ist."

Dass ihr Sohn Probleme bekommen könnte, wegen der guten Noten glaubt Kerstin Krätz, selbst Abiturientin vor vielen Jahren, auf keinen Fall. Natürlich sollte er ab der 7. Klasse auf den sogenannten M-Zweig, eine Art Realschulzweig innerhalb der Mittelschule, damit er die Schulzeit nicht zu einfach nur absitze. Danach könnte er die Fachoberschule besuche und hätte dann auch das allgemeine Abitur. An der Mittelschule gehe es ihr viel mehr um soziale Belange:

"Das war doch in den ganzen Grundschuljahren auch so, dass es von eins bis vier alles gab. In Tobis Klasse war es so: Es hat sich gemischt. Jeder hat mal die beste Arbeit geschrieben und jeder hatte mal einen ganz schlechten Tag und wurde vom Rest der Klasse wieder aufgebaut. Und das fand ich klasse. Er hat so ein Wesen mit Kindern umzugehen und auch mit Erwachsenen, das er die auf einem ganz anderen Level abholt, als auf seine Noten reduziert zu werden. Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass das ein Problem wird bei ihm."

Die Geborgenheit der Grundschule - mit Klassenlehrersystem, Vormittagsunterricht und weniger Fachwissensvermittlung – diese Zeit noch ein wenig hinauszuzögern, das ist der wichtigste Grund für die 15 Familien, die sich nach einem Aufruf des bayerischen Elternverbandes als freiwillige Mittelschulbefürworter gemeldet haben.

"Ich bin Mathilde Hartinger, bin in Oberding an der Mittelschule und gehe in die 5. Klasse. Na die wissen das schon, dass ich mit 1,66 dahin gegangen bin. Zuerst haben sie mich schon gefragt, warum bist da dahingegangen, du hättest es doch anders machen können, aber jetzt akzeptieren sie es."

Sie müsse schon etwas für die Schule tun, beteuert Mathilde Hartinger aus Gaden bei Freising. Es würde ihr nicht alles zufliegen, außerdem brauche sie die Zeit am Nachmittag für sich und ihre Freunde. außerdem, sagt Mutter Rosemarie Hartinger, müsse man bedenken:

"Dass diese Mittelschule vom Stoff her gar nicht so sehr den Realschulen hinterhinkt. Das sei auch mal ein Gedankenstoß, dass ich sage, die Mittelschule und die Realschule sind sich gar nicht so fremd."#

Warum den Kindern nicht mehr Zeit geben für ihre Entwicklung, fragen Rosemarie Hartinger und ihr Mann, ein höherrangiger Polizeibeamter am Flughafen München. Vor einigen Jahren wären sie noch gegen eine Gesamtschule gewesen, heute nicht mehr. Ihre älteste Tochter besucht das Domgymnasium in Freising, ihre mittlere Tochter Mathilde geht seit September auf die Mittelschule, trotz einem Notenschnitt von 1,66:

"Ja also wir haben uns am Anfang schon rechtfertigen müssen. Also da ist man das eine oder andere Mal schon angesprochen worden, warum und weshalb. Wenn man dann darauf eingegangen ist das zu erklären, dann war es: Ja, ihr habt schon recht. Aber wenn es um die eigenen Kinder ging, dann haben sie es anders gemacht."

Das eigentliche Problem liege bei den Arbeitgebern, monieren Familie Krätz und Familie Hartinger. Wenn heute für eine Lehre bevorzugt Gymnasiasten genommen, Mittelschüler aber als Verlierer dargestellt würden, sei der Druck auf die Eltern verständlich. Eine Verlängerung der Grundschulzeit auf sechs Jahre und dann eine Differenzierung sei der einzige Weg. Genau der Vorschlag, mit dem die Bayern SPD in den Landtagswahlkampf geht.

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