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StartseiteHintergrundFremd in der neuen Heimat18.04.2007

Fremd in der neuen Heimat

Russische Juden in Deutschland

Im Januar 1991 einigten sich die Regierungschefs von Bund und Ländern darauf, die sowjetischen Juden als so genannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kommen zu lassen. Die Einwanderer erhielten damit den Status von Flüchtlingen nach der Genfer Flüchtlingskonvention mit Anspruch etwa auf Unterbringung, Sprachkurse, Sozialhilfe. Doch die Integration am Arbeitsmarkt gelang bei den 200.000 russischsprachigen Juden, die nach Deutschland kamen, nur schlecht.

Von Markus Rimmele

Die Neue Synagoge in Berlin, Oranienburger Straße, Bezirk Mitte (AP Archiv)
Die Neue Synagoge in Berlin, Oranienburger Straße, Bezirk Mitte (AP Archiv)
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" Meine Eltern haben mir bereits vorher erzählt, dass sie einen Antrag gestellt haben darauf, dass wir umziehen können nach Deutschland. Irgendwann später dann haben wir die Zusage bekommen, und ich kann mich noch an den Moment erinnern, als mein Vater den Brief geöffnet hat, und er hat sich wahnsinnig darüber gefreut. Er hat Luftsprünge gemacht und war total glücklich darüber. Wirklich erst da wusste ich, dass es jetzt so weit ist, dass wir wirklich umziehen werden."

Maria Singer. Die attraktive junge Frau mit den langen braunen Haaren trinkt Kaffee in einem Berliner Einkaufszentrum. Sie kam mit sieben Jahren aus St. Petersburg, dem früheren Leningrad, nach Deutschland. Heute ist sie 21, studiert Russisch und Deutsche Literatur.

" Ich verließ die ehemalige Sowjetunion wegen der schrecklichen wirtschaftlichen Situation. Wir hatten auch Angst vor einer Revolution oder einem Bürgerkrieg wie im früheren Jugoslawien. Es war sicher sinnvoll, fünf oder zehn Jahre lang weg zu sein. Aber: die Leute haben den einen Stress gegen einen anderen eingetauscht. Der Stress der Emigration ist auch belastend."

Kirill Erehman verließ Russland 1992, kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Zunächst ging er zum Studium in die Vereinigten Staaten, zog dann aber zu seinen Eltern. Die waren zuvor von St. Petersburg nach Berlin ausgewandert. Kirill Erehmann ist heute 36 Jahre alt, verheiratet und Vater einer zehnjährigen Tochter. Auf dem deutschen Arbeitsmarkt konnte er nie Fuß fassen. Im Wohnzimmer steht ein Klavier, im Bücherschrank ein großer Moskau-Bildband.

" Ich bin aus der Ukraine, aus Kiew gekommen. Ich habe da als Musiklehrerin an der Schule gearbeitet ungefähr 15 Jahre. Das ist mein Beruf, und mit diesem Beruf bin ich nach Deutschland gekommen. Die Möglichkeit, nach Europa zu kommen, das war für mich sehr interessant, sage ich so. Das neue Leben, das ist für mich sehr interessant. Bestimmte Angst hatte ich überhaupt nicht. Von der Natur bin ich Europa-Mensch."

Marina Paschanova ist Chorleiterin im Treffpunkt Hatikva, einem jüdischen Kultur- und Bildungszentrum in Berlin. 1993 kam sie mit ihrer Tochter nach Deutschland, heute ist sie 46 Jahre alt. Sie hat kurze Locken, dirigiert energisch und lacht gern. Der Chorprobenraum ist ihr Reich.

Maria Singer, Kirill Erehman, Marina Paschanova. Drei Menschen, deren Leben ganz anders verlaufen wären, hätte die letzte DDR-Volkskammer im Jahr 1990 nicht einen folgenreichen Beschluss gefasst. Die Volksvertreter gewährten den Juden aus der Sowjetunion Einreise und ständigen Aufenthalt in der DDR, als Geste der Wiedergutmachung. Die liberale Aufnahmepraxis wurde ins wiedervereinigte Deutschland übernommen. Im Januar 1991 einigten sich die Regierungschefs von Bund und Ländern darauf, die sowjetischen Juden als so genannte Kontingentflüchtlinge nach Deutschland kommen zu lassen. Die Einwanderer erhielten damit den Status von Flüchtlingen nach der Genfer Flüchtlingskonvention mit Anspruch etwa auf Unterbringung, Sprachkurse, Sozialhilfe.

Zuwanderungsberechtigt waren alle Personen, die nach amtlicher sowjetischer Zuordnung so genannter "jüdischer Nationalität" waren oder von mindestens einem jüdischen Elternteil abstammten. Auch nichtjüdische Ehepartner und Kinder durften einreisen. Christoph Bergner, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesinnenministerium und Beauftragter für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten:

" Vor dem Hintergrund des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte zwischen 33 und 45 ist natürlich der Wunsch jüdischer Zuwanderer, nach Deutschland zu kommen, ein Vertrauensbeweis, dem sich die damaligen Verantwortlichen verständlicherweise nicht verschließen wollten. Es war das bewusste Ziel, das auf ein sehr kleines und punktuelles Maß geschrumpfte jüdische Leben wieder zu stärken. Und wenn man jetzt das Fazit zieht, muss man sagen: Wir können schon dankbar registrieren, dass nach den Jahren des Holocaust in Deutschland wachsendes jüdisches Leben wieder da ist, dass gewissermaßen die Nazibarbarei in dieser Frage nicht das letzte Wort behält."

Mit dem Zerfall der Sowjetunion setzte eine beispiellose Auswanderungswelle der Juden ein. Lediglich ein Drittel der ursprünglichen jüdischen Bevölkerung auf dem Territorium der ehemaligen UdSSR lebt noch heute dort. Eine Million Menschen zogen nach Israel, 350.000 in die Vereinigten Staaten und etwa 200.000 nach Deutschland. Die Bundesrepublik wurde zum drittwichtigsten Aufnahmeland für die russischsprachigen Juden. Die Kontingentflüchtlinge wurden nach dem so genannten Königsteiner Schlüssel auf die Bundesländer verteilt. Mehr als 22 Prozent zogen nach Nordrhein-Westfalen, gefolgt von Bayern mit knapp 14 Prozent. Das Moses-Mendelssohn-Zentrum in Potsdam hat unter Beteiligung US-amerikanischer und israelischer Wissenschaftler jüngst eine soziologische Studie über die zugewanderten Juden aus den GUS-Staaten vorgelegt. Die Untersuchung vergleicht die Integration in Israel, den USA und Deutschland. Olaf Glöckner ist einer der Autoren.

" Das Profil dieser Immigrantengruppe ähnelt sich in Amerika, in Israel und in Deutschland weitgehend. Wir haben es mit einer Gruppe zu tun, die beruflich hoch qualifiziert ist, also etwa 70 Prozent der Zuwanderer bringen eine akademische Ausbildung mit. Die Gruppe kommt hauptsächlich aus russischen Städten, Großstädten der früheren Sowjetunion, aus diesem Gesamtterritorium, sie ist kulturell sehr interessiert ... "

... und mit zum Zeitpunkt der Einwanderung durchschnittlich 45 Jahren bereits relativ alt. So ähnlich die Zuwanderergruppen in den drei Ländern untereinander sind, so unterschiedlich sind die Aufnahmegesellschaften. Heute, anderthalb Jahrzehnte nach dem Beginn der jüdischen Emigration, leben die Einwanderer in den drei Staaten unter völlig verschiedenen Bedingungen. Beispiel Arbeitsmarkt. Hier scheint die Integration vor allem in Deutschland schlecht zu funktionieren.

" Da fällt natürlich auf, dass die russischen Juden am besten auf dem amerikanischen Arbeitsmarkt klarkommen mit einer Beschäftigungslosigkeit von nur drei Prozent. Die Arbeitslosenrate der russischen Juden in Israel liegt bei zehn Prozent. Und in Deutschland - und das ist natürlich ein erschreckender Wert, wenn man vergleicht, dass sich das berufliche und demographische Profil dieser Gruppe in allen drei Ländern ähnelt -, dass die russischen Juden in Deutschland zu 40 Prozent arbeitslos sind."

" Mein Abschluss wurde hier nicht anerkannt. Also habe ich in der Gebäudereinigung gearbeitet, dann habe ich eine Weile Sozialhilfe bekommen, und es schließlich mit verschiedenen Teilzeitjobs versucht. Eine Vollzeitarbeit war nicht zu kriegen, nicht einmal im Reinigungsgewerbe. Jede Art Job ist schwer zu bekommen in Deutschland."

Kirill Erehman hat Psychologie studiert. Heute hilft er hin und wieder an einer Hotelrezeption aus. Ansonsten ist er arbeitslos. Heimisch ist er in Deutschland bis jetzt nicht geworden. Die deutsche Sprache versteht er, zum Sprechen aber fehlt die Übung, sagt er. Da er nicht berufstätig ist, hat er kaum Kontakt zu Deutschen, bewegt sich vornehmlich im russischsprachigen Immigrantenmilieu. Mangelnde Sprachkenntnisse, ein angespannter Arbeitsmarkt, psychischer Stress durch die kulturelle Entwurzelung: das Zusammenspiel dieser Faktoren macht es für Tausende jüdische Zuwanderer sehr schwer, in Deutschland beruflich Fuß zu fassen. Etliche mussten zudem die Erfahrung machen, dass ihre akademische Ausbildung in der Sowjetunion hierzulande nichts wert ist. Staatssekretär Christoph Bergner.

" Die mangelnde Anerkennung akademischer Abschlüsse ist ja ein generelles Problem für Zuwanderer, die aus dem ehemaligen Ostblock insgesamt kommen. Meine Beobachtung ist, wenn ich beispielsweise die Situation bei Lehrern sehe, dass die Frage der Anerkennung auch immer die jeweilige Arbeitsmarktsituation widerspiegelt. Ich habe festgestellt, dass Bundesländer, die einen Überhang in der Besetzung von Lehrerstellen haben, mit der Anerkennung von Lehramtsabschlüssen sehr viel restriktiver sind. Das heißt, die Anerkennung der Abschlüsse ist in Deutschland auch eine Widerspiegelung der Arbeitsmarktlage, die wir in den letzten Jahren hatten."

Viele der jüdischen Zuwanderer hatten gute oder gar leitende berufliche Positionen in der Sowjetunion inne. In Deutschland mussten sie sich damit abfinden, dass sie ihren alten Beruf nicht mehr ausüben konnten. Hannelore Altmann ist zuständig für den Bereich Berufliche Integration im Berliner Treffpunkt Hatikva. Paradoxerweise wird den jüdischen Immigranten ihre überdurchschnittlich hohe Qualifikation zum Verhängnis, sagt Altmann. Der deutsche Arbeitsmarkt ist undurchlässig für zugewanderte Akademiker, zumal wenn Sprachdefizite bestehen. Die Immigranten wurden durch Umschulungen und Qualifizierungen in andere Bereiche gedrängt.

" Da sind sehr oft Qualifizierungen vorgenommen worden, die vorbei an den Talenten, Fähigkeiten, mitgebrachten Ressourcen vor allen Dingen vorbei umgeschult wurden, also mehr oder weniger runtergeschult wurden. Das heißt, wir haben jetzt zum Beispiel viele Ingenieure oder andere Akademiker, die dann einfach in Bürokommunikationsumschulungen gesteckt wurden. Und das hat natürlich negative Auswirkungen gehabt. Ich glaube, darunter leiden die meisten."

Zwar existieren auch Qualifizierungs- und Förderprogramme für zugewanderte Akademiker. Die Otto-Benecke-Stiftung etwa nimmt sich mit Kursen und Beratung gezielt dieser Gruppe an - mit großem Erfolg. Doch das Angebot reicht bei weitem nicht aus. Vielen Wissenschaftlern bleibt die nötige Förderung, um sich auf dem Akademikermarkt integrieren zu können, versagt. Ein hohes Wissenspotenzial ist somit in Deutschland ungenutzt. Die Israelis verfahren anders, wie Olaf Glöckner beschreibt.

" Man bringt die Leute direkt an die Uni, obwohl sie da keine academic position haben. Sie können aber die dortigen Forschungslabors und Arbeitsgruppen mit nutzen. Beispielsweise beim Weizmann-Institut in Rehovot, wo also die russischen Physiker und Mathematiker mittlerweile die Spitze halten. Es hat natürlich eine sehr positive Rückwirkung auch auf die Wissenschaftslandschaft in Israel. Und das wird in Deutschland im Moment mehr oder weniger übersehen."

Berufliche Degradierung und Dauerarbeitslosigkeit trüben offensichtlich auch das Deutschlandbild der Zuwanderer. Der Studie des Moses-Mendelssohn-Zentrums zufolge identifizieren sich in den USA und in Israel 70 Prozent der russisch-jüdischen Immigranten stark oder sehr stark mit der Aufnahmegesellschaft. In Deutschland tun dies nur elf Prozent. Die Integrationsprobleme belasten auch die persönlichen Beziehungen der Zuwanderer. Die innerfamiliären Strukturen verändern sich nach der Emigration häufig radikal. Auch in der Familie von Kirill Erehmann. Während er arbeitslos ist und von der deutschen Umwelt zurückgezogen lebt, ist seine Frau erwerbstätig und versorgt die Familie.

" Das ist eine sehr unangenehme Situation für die Familie. Es ist ja nicht normal, wenn die Frau arbeitet und der Mann nicht. Aber auch daran gewöhnt man sich. Eine gute Seite meiner Ausbildung, der Psychologie, ist ja, dass ich mich mental gesund halten kann und die Familie normal bleibt."

Vor allem viele Männer kommen mit dem Bruch durch die Emigration und mit dem neuen Umfeld nicht zurecht, sagt Marina Paschanova.

" Die Männer in der ehemaligen Union Sovietique, die spielten immer Hauptrolle überwiegend in der Familie, hatten bestimmte Position in Gesellschaft. Da sollten die von diese Position ganz schön runterspringen, unter dem Tisch sitzen und Sprache lernen. Für viele Männer, es fällt sehr schwer. Und für die Frauen, das fällt viel leichter, weil die Frauen, die hatten immer Aufgabe zu überleben. Und die machen gerade das hier in Deutschland. Die Männer zwischen 40 und 50, das ist wirklich schwer. Die können wirklich viel Arbeit leisten. Aber die sitzen zu Hause, ganz schön ruhig vorm Fernseher und denken: Wie bin ich unglücklich. Die Frauen haben keine solchen Möglichkeiten. Die haben keine Zeit dafür."

Marina Paschanova hatte Glück und fand die Chorleiterstelle im jüdischen Bildungszentrum. Sie ist zupackend, lässt Klagen ihrer Landsleute nicht gelten. Viele seien mit einer zu großen Erwartungshaltung nach Deutschland gekommen. Sie strengten sich nicht genug an, Deutsch zu lernen, wollten aber trotzdem ihre gewohnten Berufe ausüben. Sie selbst fühlt sich wohl in Berlin, besitzt längst die deutsche Staatsbürgerschaft, sei jetzt wohl eine deutsche Jüdin, wie sie schmunzelnd sagt. Religiös ist sie nicht.

" Ich bewahre jüdische Kultur, ich entwickele die jüdische Kultur, ich verstehe meine jüdische Abstammung. Aber so fest lege ich nicht meine Identität. Das spielt für mich keine große Rolle. Ich bin offen für jede Religion. Aber bin ich nicht religiös. Ich bin nicht damit aufgewachsen."

Die meisten der Zuwanderer kamen mit sehr geringem Wissen und geringer Bindung an das Judentum nach Deutschland. Nicht einmal die Hälfte der Immigrierten sind Mitglieder in den jüdischen Gemeinden geworden. Die jüdischen Institutionen in Deutschland leisten seit 16 Jahren eine höchst komplizierte doppelte Integrationsarbeit. Einerseits versuchen sie, über Sprachkurse, Bildungsangebote, Beratung und Sozialeinrichtungen den Zugezogenen den Weg in die deutsche Gesellschaft zu erleichtern. Zum anderen müssen sie die Masse der Neumitglieder selbst verkraften und integrieren, müssen die Menschen ganz neu an die eigene Religion heranführen. Die russischsprachigen Mitglieder stellen längst die Mehrheit in den Gemeinden. Immer wieder kommt es zu heftigen kulturellen und Interessenskonflikten zwischen Neuen und Alteingesessenen. Gideon Joffe, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

" Selbstverständlich hatten wir sehr zu kämpfen mit der Integration. Wenn man bedenkt, dass die Gemeinden innerhalb von zehn Jahren um das Doppelte oder Dreifache gewachsen sind, kam es in der Tat zu einer, ja, man kann auch sage: Überforderung. Wenn zwei Drittel oder drei Viertel unserer Mitglieder aus zugewanderten Menschen bestehen, gibt es natürlich auch häufig Kommunikationsprobleme, denn die eine Gruppe besteht aus russischsprachigen Menschen, und die andere Gruppe aus alteingesessenen deutschsprachigen Menschen. Und häufig gibt's dann Konflikte darüber, dass man weniger Russisch reden soll, mehr Deutsch. Das sind so die Probleme, mit denen eine Religionsgemeinschaft, die jüdische, zu kämpfen hat."

Ein weiteres Problem für die Gemeinden ist der Umgang mit religiös gemischten Familien. In der Berliner Gemeinde etwa haben 30 Prozent der Mitglieder einen nichtjüdischen Ehepartner. Schwierig wird es, wenn nur der Vater Jude ist.

" Entsprechend den Gesetzen des Judentums werden nur die Kinder einer jüdischen Mutter als Juden angesehen. Und wenn nur der Vater mit seiner nichtjüdischen Frau herkommt, die noch zwei Kinder haben, haben die drei Mitglieder der Familie keinen Anspruch auf Aufnahme in einer jüdischen Gemeinde. "

Seit zwei Jahren erleben die Gemeinden eine Verschnaufpause bei der Immigration. Mit dem Inkrafttreten des Zuwanderungsgesetzes am 1. Januar 2005 verlor die Kontingentregelung ihre Gültigkeit. Die neuen Zuwanderungsbestimmungen für die Juden aus den GUS-Staaten sind strenger. Christoph Bergner:

" Die Regelungen bestehen darin, dass zum einen ein Mindestmaß an deutschen Sprachkenntnissen verlangt wird. Dass zum zweiten eine Integrationsprognose in den Arbeitsmarkt gegeben ist, dass die Voraussetzungen, eigenen Lebensunterhalt in Deutschland zu erwerben, geprüft werden. Und dass die jüdischen Vereinigungen selbst über die Integrationsprognose in die jüdische Gemeinschaft befinden."

Die neuen Bestimmungen sind noch nicht in Kraft, sondern hängen wegen formaler Probleme im Gesetzgebungsverfahren fest. Somit ist die jüdische Zuwanderung im Moment de facto gestoppt. Es wird aber deutlich: Sowohl der deutsche Staat als auch die jüdischen Institutionen wollen in Zukunft nur noch solche Zuwanderer aufnehmen, die leicht zu integrieren sind und tatsächlich zum jüdischen Leben beitragen. Schließlich kamen schon viele Tausend Menschen als Kontingentflüchtlinge, die kein Interesse am Judentum zeigen oder gar nicht jüdisch sind.

Maria Singer ist keine Jüdin. Sie ist orthodoxe Christin wie ihre russische Mutter. Ihr jüdischer Vater ist nicht besonders religiös, das Judentum spielt keine Rolle in ihrer Familie. Und doch gehört Maria Singer zur Einwanderergruppe der jüdischen Kontingentflüchtlinge. Sie hat kaum noch Erinnerungen an Russland, erzählt sie, war nie wieder dort seit der Auswanderung. In Deutschland fühlt sie sich zu Hause. Was sich die Zuwanderer zunächst für sich selbst erhofften, erfüllt sich häufig erst für ihre Kinder: Integration, beruflicher Aufstieg, Wohlstand. Vieles spricht sogar dafür, dass die zweite Generation sehr erfolgreich sein wird. Die Zuwanderer haben einen ausgeprägten Bildungseifer mitgebracht.

" Bildung - eine sehr, sehr wichtige Rolle, wie bei den allermeisten russischen Familien und auch bei den jüdischen Familien ganz wichtig. Also dass wir beide, mein Bruder und ich, Abitur machen, das stand schon immer außer Frage. Auch das mit dem Studium wurde nicht zur Diskussion gestellt. Wir waren in irgendwelchen Kunstkreisen, dann habe ich angefangen Geige zu spielen, nach sieben Jahren dann aufgehört. Jetzt spiele ich Klavier seit fünf Jahren ... eine sehr wichtige Rolle."

70 Prozent der Kinder aus russisch-jüdischen Familien besuchen das Gymnasium und wollen studieren. Dieser Wert liegt weit über dem deutschen Durchschnitt und dem anderer Migrantengruppen. Auswanderung als Chance für die Kinder.

" Ich denke schon, dass es ein sinnvoller Schritt war, der am Anfang zwar etwas schwierig ausgefallen ist, aber im Endeffekt war das doch vorteilhaft, weil hier hat man doch eine weitere Perspektive, was überhaupt das Leben an sich angeht. Wir werden Deutschland bereichern, hoffe ich, vielleicht mit unseren Ideen. Ich gehe sowieso davon aus, Multikulti ist das Beste. Ja, die Mischung macht's halt."

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