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Fremdeinflüsse dominieren die Wahl

Olympische Geschichte wiederholt sich alle zwei Jahre. Die Bedeutung des Evaluierungsberichtes wird bei jeder Olympiabewerbung, ob Sommer oder wie diesmal Winter 2018, enorm überhöht.

Von Jens Weinreich | 10.05.2011

Denn die Arbeit der Evaluierungskommission, die diesmal von der Schwedin Gunilla Lindberg geleitet wurde, soll der Weltöffentlichkeit ein faires, sauberes, an technischen Kriterien orientiertes Verfahren suggerieren. Das gibt es aber nicht. Damit ist nicht die Lauterkeit der Kommissionsmitglieder in Frage gestellt, sondern das gesamte Procedere.

Jeder in der Branche weiß, dass die Berichte nicht entscheidend sind, doch kaum jemand gibt das zu, schon gar nicht öffentlich. Alle machen gute Miene zum etwas verlogenen Spiel. Jeder in den Bewerberteams weiß, dass nicht einmal eine perfekte Arbeit an einem bahnbrechenden technischen Konzept einen Sieg garantiert.

DOSB-Boss und IOC-Vizepräsident Thomas Bach kommt stets in argumentative Nöte, wenn er nach der Bedeutung des Evaluierungsberichtes gefragt wird. So geschehen in München Anfang März, während des Besuches der Lindberg-Kommission:

"Also der Bericht macht ja kein Ranking. Für was es bei den IOC-Mitgliedern drauf ankommt, ist, wie sie den Bericht dann anschauen, ist zunächst einmal: Wenn ich die Stadt x wähle, kann ich mich dann darauf verlassen, dass es dort gute Olympische Spiele gibt. Das ist die Bewerbung. Und dann die feinen Abstufungen, die nimmt jeder für sich vor."

Bach spricht gern von der "Evaluierung der Evaluierung", die die IOC-Mitglieder angeblich vornehmen. Das soll technisch klingen und irgendwie seriös. Tatsächlich aber dominieren Fremdeinflüsse, die nicht dominieren sollten. Dazu zählen stets auch die vielfältigen Möglichkeiten der Wahlbeeinflussung durch Korruption.

Kein IOC-Mitglied ist an den Bericht gebunden. Es dominiert der subjektive Faktor – wie zuletzt zweimal nachdrücklich am Beispiel der Olympiasieger-Städte Sotschi und Rio de Janeiro zu besichtigen war, die in den Evaluierungsberichten und den jeweiligen Vorberichten weit hinten lagen. Die technisch besten Kandidaten unterliegen stets bei der olympischen Städtekür. Auf die einfache Frage, wann zuletzt ein Kandidat mit dem besten Konzept gewonnen hatte, sagte Bach während des als Staatsaffäre gehandelten esuchs der IOC-Inspektoren:

"Das weiß ich nicht. Das hängt doch immer von den Berichten der Evaluierungskommission ab. Die geben ja nun kein Ranking ab und keine Empfehlung. Da überfragen sie mich."

Bach war selbst Chef zweier Evaluierungskommissionen. 1995 legte gemäß Kaffeesatzleserei im Bericht der Kandidat Salt Lake City die technisch beste Bewerbung für die Winterspiele 2002 vor –und gewann. Eine Ausnahme. Zwei Jahre später wurden Stockholm und Rom für die Sommerspiele 2004 besser bewertet als Athen – doch die Griechen bekamen den Zuschlag.

Es wäre leicht, aus den vom IOC seit Jahren gepflegten Kategorien von Olympiabewerbungen einen Algorithmus und schließlich eine Rangliste zu erstellen. Diese Rangliste könnte, sagen wir, zu 75 Prozent in die Gesamtbewertung einfließen. Ein solches Vorgehen ließe die Stimmen der IOC-Mitglieder noch immer mit 25 Prozent in der Gesamtwertung wirken, der subjektive Faktor bliebe also abgestuft gewahrt.

Das wäre ein mögliches Modell. Aber daran ist niemand interessiert, Olympiabewerber trauen sich schon gar nicht, einen faireren Wettbewerb einzufordern.

Erinnert sei an 2007, die skandalöse Kür von Sotschi gegen die klar besseren Offerten aus Salzburg und Pyeongchang. Österreichs damaliger Bundeskanzler Alfred Gusenbauer kommentierte schwer getroffen: Nicht das bessere Argument gewinnt, es werden "Entscheidungen getroffen, die nichts mit Fakten zu tun haben".