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StartseiteSport am WochenendeAls sich Hertha und Union noch lieb hatten03.10.2019

Freundschaftsspiel nach dem MauerfallAls sich Hertha und Union noch lieb hatten

Die Fans von Union Berlin und Hertha BSC verband im geteilten Deutschland eine Fanfreundschaft, die ihren Höhepunkt in einem Freundschaftsspiel kurz nach dem Mauerfall fand. Danach allerdings kühlte das Verhältnis zwischen den Fans beider Klubs merklich ab.

Von Thomas Wheeler

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Die beiden Mannschaftskapitäne geben sich vor Beginn des innerstädtischen "Fußball-Gipfels" zwischen Hertha BSC und Union Berlin am 27.01.1990 im Olympiastadion in Berlin die Hand. (dpa)
Höhepunkt einer besonderen Freundschaft: die Mannschaftskapitäne von Hertha BSC und Union Berlin vor dem Freundschaftsspiel im Januar 1990 im Olympiastadion. (dpa)
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"Es war insbesondere in Berlin eine Aufbruch-Stimmung zu spüren. Der West-Teil war picke-packe voll. Du hast in jedem Geschäft Menschen gesehen, wo das auch sehr schnell klar war, dass die aus der DDR kamen oder eben aus dem anderen Teil der Stadt."

Manfred Sangel ist seit seiner Kindheit Hertha-Fan. Sein Vater nimmt ihn im Alter von sechs Jahren zum ersten Mal mit ins Olympiastadion.

Der heute 59-Jährige hat sich bei den Blau-Weißen vor allem als Stimme des Hertha-Echos einen Namen gemacht. Ende der Achtziger hat Manfred Sangel eine Idee. Er will ein Fan-Radio ins Leben rufen. Im Februar 1989, also ein gutes Jahr vor dem historischen Freundschaftsspiel Hertha - Union ist es soweit. Das "Hertha-Echo" geht auf Sendung.

Der damalige Torjäger der Blau-Weißen heißt Theo Gries. Ironie der Geschichte: Heute ist der gebürtige Pfälzer Talentscout bei Union. Den anderen Teil der Stadt lernen er und einige seiner Mitspieler bereits Wochen vor dem Mauerfall kennen.

"Wir waren auch teilweise in Ost-Berlin gewesen mit ein paar Mannschaftskollegen. Haben uns dort umgeschaut, haben auch mal gefeiert. Und da hat man schon gemerkt, dass es irgendwie eine besondere Situation ist und eine Anspannung da ist. Beim Personal an den Grenzübergängen war das zu spüren."

Theo Gries, ehemals Stürmer bei der Hertha, hat sich ein Andenken an das Freundschaftsspiel gegen Union aufbewahrt. (Thomas Wheeler / Deutschlandfunk)Theo Gries, ehemals Stürmer bei der Hertha, hat sich ein Andenken an das Freundschaftsspiel gegen Union aufbewahrt. (Thomas Wheeler / Deutschlandfunk)

Union-Fans bei Herthas Europapokalauftritten im Ostblock

Zu jener Zeit ist Hertha BSC Spitzenreiter der 2. Liga im Westen. Der 1. FC Union ist auch zweitklassig und nach der Hinrunde ebenfalls Tabellen-Erster im Osten. Beide Mannschaften sind auf Aufstiegskurs. Die Fans beider Klubs verbindet damals eine tiefe Freundschaft. In den Siebzigern unterstützen Hertha-Anhänger die Mannschaft von Union erstmals bei Heim- und Auswärtsspielen. Ein Teil der Köpenicker wiederum feuert die Blau-Weißen bei Europapokalspielen in Prag und Plovdiv an.

Die Berliner U-Bahnen sind in diesen Tagen proppenvoll. Bei winterlichen Temperaturen drängeln sich die Fans in dicken Mänteln und Jacken in den Waggons. Die Luft ist stickig, es riecht nach Schweiß und Bier. Blau-Weiße und Rot-Weiße strömen aus allen Stadtteilen Richtung Charlottenburg. Darunter auch Manfred Sangel:

"Und die Luft vibriert und wabert von Trabbi und Wartburg-Autos und Menschen, die überglücklich waren, dass dieses Spiel stattgefunden hat, halt auch viele aus dem Umland Berlins, die die Gelegenheit genutzt haben, ihre Frau auf den Ku-Damm zu schicken, und so hat's mir auch einer gesagt: Er hat seine Alte auf den Ku-Damm geschickt, die soll da mal bummeln, ich bin hier beim Fußball."

Einheitspreis: Fünf West- oder Ost-Mark

Die Karten für das Spiel haben einen Einheitspreis: Fünf West- oder Ost-Mark. 51.270 Zuschauer sind es schließlich offiziell, wobei es nach deutlich mehr Fans im weiten Rund aussieht, als Schiedsrichter Bodo Brandt-Chollé das Spiel um 14.30 Uhr anpfeift.

Auf den Tribünen sind die Union-Anhänger klar im Vorteil. Auf dem Rasen aber gehen die Gastgeber durch Axel Kruse bei seiner Hertha-Premiere in Führung. Auch das ist eine Geschichte vom 27. Januar 1990, die Kruses ehemaliger Mannschaftskollege Theo Gries so im Gedächtnis hat: "Freistoß der abgewehrt wird oder der Torwart kann ihn nicht festhalten. Axel rutscht da rein in seinem ersten Spiel für uns. Nach seiner Flucht im Jahr davor macht er das 1:0."

Doch Union hält dagegen und gleicht wenig später aus. Zu Beginn der zweiten Hälfte wird bei Hertha der damals 19-Jährige Stürmer Sven Kretschmer eingewechselt. Heute ist er Chefscout des Vereins.

"Ich kann mich vor allem daran erinnern, dass für unsere damaligen Verhältnisse extrem viele Zuschauer im Stadion waren. Und natürlich diese Freundschaft der beiden Vereine zur damaligen Zeit noch. Und dass sich die Zuschauer da mehr oder weniger in den Armen gelegen haben und gefeiert haben."

Puma-Schuhe verweigert

Seinen ersten großen Auftritt im Hertha-Trikot hat Sven Kretschmer bereits zweieinhalb Monate früher. Zwei Tage nach dem Mauerfall erzielt er im Zweitliga-Spitzenspiel gegen die SG Wattenscheid 09 den Ausgleich zum 1:1 Endstand. 44.000 sehen dieses Spiel. Darunter mehrere tausend DDR-Bürger, die eine Freikarte bekommen haben.

"Man muss sich vorstellen, dass wir damals vor teilweise 5.000, manchmal 10.000 Zuschauern gespielt haben, und dann kommen wir da an und fahren ans Stadion ran mit dem Bus, und dann sehen wir schon, dass dieses Spiel ein ganz anderes wird. Und die Menschen waren tatsächlich unfassbar glücklich zu der Zeit. Menschen mit Tränen in den Augen, das ging natürlich auch an uns nicht spurlos vorüber."

Für Union stürmt damals Olaf Seier. Der in Rostock geborene Spieler ist seinerzeit Mannschaftskapitän der Eisernen: "Wir alle sollten einen Tag vorher uns neue Fußballschuhe anziehen, von einer Firma namens Puma. Und das ging überhaupt nicht, weil meine gepflegten, alten eingespielt waren. Das haben wir erstmal abgeblockt."

Ergebnis wird zur Nebensache

Nach seiner Aktiven-Zeit ist Olaf Seier zunächst Trainer. Mittlerweile ist er sportlicher Leiter des Vereins "Kietz für Kids - Freizeitsport" in Berlin-Hohenschönhausen.

"Ich weiß noch, wie man aus den Katakomben hochkam, die Zuschauer, die Stimmung. Also wir waren eigentlich alle ziemlich locker drauf alle, haben ein bisschen herumgeflachst mit den Herthanern, weil wir sagten, wir wollen ein gutes Spiel machen, wollen viele Tore schießen."

Gegen Hertha verlieren die Rot-Weißen am Ende mit 1:2. Aber das Ergebnis ist für Spieler und Fans nur Nebensache. Anschließend treffen sich beide Mannschaften zu einem Abendessen in einer Berliner Brauerei. Manfred Sangel trinkt mit seinen Kumpels nach dem Abpfiff noch ein Bier.

"Ein emotional tierisch großer Höhepunkt, der dann aber ziemlich schnell im Sande verlaufen ist."

Als Hertha und Union noch innig verbunden waren. 30 Jahre später ist davon so gut wie nichts mehr übrig. Nur noch wenige ältere Fans auf beiden Seiten pflegen die Kontakte. Die Jüngeren sind ganz auf ihren jeweiligen Verein fixiert. Aus den Freunden von einst sind konkurrierende Lokalrivalen geworden, die seit Saisonbeginn gemeinsam in der 1. Liga spielen.

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