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StartseiteCampus & Karriere"Es ist wichtig, dass die Schüler selber handeln"15.03.2019

Fridays for Future"Es ist wichtig, dass die Schüler selber handeln"

"Ich finde es richtig, dass Jugendliche sagen, jetzt ist Schluss", sagte die ehemalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) im Dlf. Schüler lernen etwas, wenn sie sich auf Demonstrationen vorbereiten. Das lasse sich wunderbar in den Unterricht einbinden.

Edelgard Bulmahn im Gespräch mit Stephanie Gebert

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Schüler protestieren während einer Schülerdemonstration vor dem Düsseldorfer Rathaus mit einem Plakat "Unser Klima hat mehr Defizite als unsere Zeugnisse". Der Protest steht unter dem Motto "Fridays for Future". (Roland Weihrauch/dpa)
Schülerprotest "Fridays for Future" in Düsseldorf (Roland Weihrauch/dpa)
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Stephanie Gebert: Schönen guten Morgen, Frau Bulmahn!

Edelgard Bulmahn: Guten Tag, Frau Gebert!

Gebert: Die aktuelle Bildungsministerin Anja Karliczek von der CDU ist nicht sehr begeistert von den Demos. Sie findet es zwar gut, dass sich die Schüler für den Klimaschutz stark machen, aber solches Engagement gehöre in die Freizeit sagt sie. Wie stehen Sie dazu?

Bulmahn: Also ich finde es gut, dass Kinder und Jugendliche sich um ihre Zukunft sorgen. Das ist ein richtig gutes und auch ein wichtiges Signal, denn es geht schließlich um ihr Leben.

Warnung an politische Handlungsträger

Gebert: Aber je nachdem wie lange diese Demos an den nächsten Freitagen noch andauern, wird ja tatsächlich viel Unterricht verpasst. Und wir wissen alle, und Sie aus Ihrer Zeit als Lehrerin vielleicht auch noch, um die Diskussion darum, dass für das Lernen eh eigentlich immer zu wenig Zeit da ist.

Bulmahn: Ja, das stimmt einerseits. Andererseits ist es ja nicht so, dass Kinder und Jugendlich nicht lernen, wenn sie sich auf eine Demonstration vorbereiten. Sie diskutieren ja nicht nur miteinander, sondern sie beschäftigen sich ja auch mit dem Thema. Und das ist absolut notwendig. Wir laufen wirklich sehenden Auges in eine katastrophale Entwicklung, die hat schon begonnen. Und ich finde es richtig, dass Jugendliche sagen, jetzt ist Schluss, jetzt muss wirklich mehr getan werden, couragierter gehandelt werden. Leider wird das nicht gehört, wenn die nur dies allein ihrer Familie sagen, von den Eltern sicherlich. Aber es findet nicht die Aufmerksamkeit. Und deshalb sind Demonstrationen schon gut. Es kommt jetzt darauf an, wie reagiert wird, diejenigen, die politische Verantwortung haben, auch zeigen, dass sie diese Warnung – das ist ja eine Warnung – wirklich verstanden haben und couragierter handeln.

Gebert: Ich würde gerne von den Erwachsenen mal kurz sprechen, die in den Schulen sind, also ehemalige Kolleginnen und Kollegen von Ihnen. Der Philologenverband Niedersachsen, der hat heute ein Appell gerichtet an die Schüler und sagt auch, die Umsetzung der Schulpflicht wird an dieser Stelle den Lehrkräften überlassen. Politiker würden auf einer Sympathiewelle mitsurfen, also Politiker unter anderem wie Sie, die das loben. Können Sie die Politiker verstehen, die sich da Sorgen machen?

"Eine Demokratie lebt von Beteiligung"

Bulmahn: Ja und nein. Eine Demokratie – und ich begründe mal kurz das Nein –, eine Demokratie lebt von Beteiligung. Und ich wünsche mir nichts so sehr, als dass sich viele Menschen beteiligen. Und ich wünsche mir auch sehr, dass es nicht nur ein kurzes Aufflackern ist, sondern dass sie sich auch dauernd daran beteiligen, wie die Zukunft in der wir leben, wirklich gestaltet wird, denn darum geht es immer im Kern. Zum Zweiten kann man das wunderbar in den Unterricht einbauen und integrieren. Und es ist ja nicht so, dass es sich nur alleine von der Zahl der Stunden abhängt, die man in einer Schule verbringt, sondern auch wie intensiv man sich in der Schule dann mit Themen auseinandersetzt und beschäftigt. Es ist ein wunderbares Thema für den Physikunterricht, sie können wunderbar über Energie eine Unterrichtseinheit machen, sie können eine Unterrichtseinheit in Biologie, Stichwort Fotosynthese, machen. Sie können das in Mathematik verbinden, indem sie nicht nur Rechenmodelle entwickeln, sondern zum Beispiel tatsächlich auch Messungen durchführen. Also es gibt so viele Möglichkeiten, das wirklich mit einem Anlass zu verknüpfen und damit ja auch an einem Interesse der Schüler anzuknüpfen. Und dann ist Unterricht immer viel erfolgreicher.

Gebert: Frau Bulmahn, ich finde es interessant, dass Sie als Geisteswissenschaftlerin – Sie haben Politikwissenschaften studiert – erst mal die Naturwissenschaften abgrasen mit Ideen, was dort alles passieren kann. Man könnte ja auch gerade das Demonstrationsverhalten auch in Politik machen.

Bulmahn: Man kann es im Politikunterricht wunderbar machen.

Gebert: Ja.

"Das liegt einfach nahe, das im Politikunterricht zu thematisieren"

Bulmahn: Aber klar, das liegt einfach nahe, das im Politikunterricht zu thematisieren. Wo liegen die Hindernisse und die Barrieren dafür, dass konsequenter gehandelt wird, um unsere Umwelt zu schützen. Denn es geht ja nicht nur um Klimaentwicklung bei den Demonstrationen. Es geht um die Luftverschmutzung, es geht um den Plastikmüll in den Meeren, es geht darum, was wir tagtäglich tun und wie wir mit unserem Tun eigentlich unsere Umwelt so belasten, dass es nicht nur für die nächsten zehn Jahre für die Umwelt eine schwere Belastung darstellt, sondern für die nächsten 50, 100 Jahre, und wenn wir nicht damit aufhören, noch länger.

Gebert: Wie erklären Sie sich denn diesen Reflex, dass erst mal abgebügelt wird an erwachsener Stelle, was die Kinder und Jugendlichen da fordern? Der FDP-Chef Christian Lindner hat sinngemäß gesagt, der Klimawandel sei viel zu komplex, das sollten die Schüler mal schön den Fachleuten überlassen.

Bulmahn: Die Fachleute haben ja gerade sich in Deutschland zusammengeschlossen. Über 12.000 Wissenschaftler haben gemeinsam ein Statement formuliert, mit dem sie die Forderungen der Schülerinnen und Schüler unterstützen. Und 12.000 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im deutschsprachigen Raum sind nicht gerade wenig. Dann zeigt sich doch sehr deutlich, dass Schülerinnen und Schüler die Wissenschaftler, die Experten auf ihrer Seite haben. Das sollte man doch zumindest zur Kenntnis nehmen.

Gebert: Das nehmen wir zur Kenntnis. Und wir nehmen aber auch zur Kenntnis die andere Seite, nämlich diejenigen, die sagen, jetzt sind es wieder die Jungen, die es besser wissen wollen, die aber nicht gerade an der Macht sind.

Bulmahn: Die wollen es ja nicht besser wissen. Es ist ja nicht. Entschuldigung, wenn ich Sie unterbrochen habe. Also die Erwachsenen wissen es natürlich auch. Wir wissen ja viel mehr, als wir dann tatsächlich tun. Das ist das eigentliche Problem. Es gibt einen massiven Mangel an Handlungen, an Entscheidungen, an Umsetzungen. Und manchmal denke ich einfach, ein bisschen weniger Trägheit würde auch den Erwachsenen guttun.

Gebert: Allerdings warnen diejenigen, die da ein bisschen kritisch draufgucken und sagen, dass dieser Schülerstreik sich jetzt so langsam professionalisiert. Es gibt eine Crowdfunding-Kampagne, um die Kosten etwa für die Anreise für die Schüler zu stemmen, und die Initiatorin, die Schwedin Greta Thunberg soll für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen werden. Ist das die richtige Entwicklung?

Bulmahn: Die richtige Entwicklung, darüber kann man, ganz offen gesagt, wirklich streiten. Ich hätte kein Problem damit, wenn man einen Spendenaufruf macht, um Schülerinnen und Schülern die Reisekosten zu finanzieren oder sie dabei zu unterstützen. Ich glaube, es ist wichtig, dass die Schüler selber einfach handeln, dass sie selber auch deutlich zeigen, es geht um unsere Zukunft, es geht um unser Leben. Und da wollen wir einfach auch zeigen, was wir für wichtig halten. Ich glaube aber, dass die Jugendlichen sich nicht so ohne Weiteres das Heft des Handelns aus der Hand nehmen lassen werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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