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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Friedbert Pflüger: Ehrenwort. Das System Kohl und der Neubeginn11.09.2000

Friedbert Pflüger: Ehrenwort. Das System Kohl und der Neubeginn

DVA Stuttgart/München 2000. 240 Seiten, 36 DM

Walter van Rossum

Guten Abend und herzlich willkommen. Am Mikrophon ist heute Karin Beindorff. Der Lack ist ab vom Kanzler der Einheit, seit bekannt wurde, dass sein Verständnis von Parteiinteresse ein wenig von dem des Gesetzes abweicht. Aber nicht nur Helmut Kohl selbst ist ins Zwielicht geraten, auch seine nähere und weitere Umgebung, die willigen Ja-Sager, Karrieristen und Abnicker, die alles mitgemacht haben; das ganze System Kohl ist zum Synonym für Parteienverrottung und den Filz von Politik und Wirtschaft geworden. Mehrere neue Bücher befassen sich mit diesem Thema, drei wollen wir Ihnen heute abend vorstellen. Außerdem beschäftigt uns die Auseinandersetzung Intellektueller mit der Shoa ebenso wie die Debatte um den nicht nur literarischen Betrug des Binjamin Wilkomirski. Und zum Schluß stellen wir einen Sammelband mit Studien über die Frauen der 20er Jahre vor.

Das Spektakel um die gesetzeswidrige Finanzierung der CDU im Bund und in Hessen zieht sich hin. Die brutalstmögliche Aufklärung ist unversehens zu einer Kette von Erinnerungslücken und Unwilligkeiten geschrumpft, mehr und mehr verlagert sich die Untersuchung in die Büros von Staatsanwälten. So verständlich es ist, dass viele sich mit Grausen oder auch gelangweilt abwenden, in den Parteien selbst, aber auch bei den professionellen politischen Beobachtern ist das Thema noch längst nicht erledigt. Drei Bücher sind gerade in dieser Sache erschienen. In einem rechnet der CDU Bundestagsabgeordnete Friedbert Pflüger mit der Kohl-Wirtschaft ab, in einem weiteren versuchen die Süddeutsche-Zeitungs-Redakteure Prantl, Leyendecker und Stiller eine Einschätzung, außerdem hat der FAZ Herausgeber Nonnenmacher die Kommentare prominenter Zeitgenossen zum Thema zusammengestellt. Alle drei Bücher hat Walter van Rossum für uns gelesen:

Geradezu spannend liest sich das Buch Ehrenwort. Das System Kohl und der Neubeginn von Friedbert Pflüger. Pflüger ist CDU-Bundestagsabgeordneter und stellvertretender CDU-Vorsitzender in Niedersachsen. Er kennt Helmut Kohl seit 25 Jahren und hat dessen System teils aus der Nähe, teils aus der Verbannung erlebt. Anschaulich schildert Pflüger, wie Kohl den Parteiapparat und das Kanzleramt systematisch unter eine vormoderne Feudalherrschaft gebracht, d. h. Ämtertrennung, Gewaltenteilung und Sachkompetenz durch persönliche Bindungen, Günstlingswirtschaft und Männerfreundschaften ersetzt hat. Ähnlich Enthüllendes war von einem Insider wohl noch nicht zu lesen. Pflügers Schilderungen sind nicht zuletzt deshalb überzeugend, weil der Autor nicht verhehlt, selbst lange im Banne dieses Systems gestanden zu haben. Pointiert beschreibt er seinen Gegenstand mit Hilfe einer ganzen Reihe von macchiavellistischen Lehrsätzen:

"Lehrsatz Nr. 3 für Kohlsche Machtpolitik: Erweise Politikern auf allen Ebenen kleine Gefallen, die wenig Zeit kosten, aber nachhaltig Freude bereiten. So schafft man sich Dankbarkeit und Loyalität. Lehrsatz Nr. 7: Schaffe dir in jeder Landesregierung, in jedem Landesvorstand, in jeder Parteienvereinigung, in jedem Ministerium, in jeder Rundfunkanstalt usw. einen oder mehrere persönliche Vertraute neben den jeweiligen Chefs. Von diesen erhält man von Zeit zu Zeit ungeschminkte Lagebilder ...

Es bleibt allerdings die Frage, ob das System damit wirklich hinreichend beschrieben ist. Schließlich konnte Helmut Kohl nur deshalb zu jenem von Pflüger beschriebenen "Demokrator" werden, weil nicht nur seine nächste politische Umgebung, sondern fast der ganze Partei- und Regierungsapparat ihm willig diente. Wollte man daraus Konsequenzen ziehen, müßte man in unvorstellbarem Ausmaß Parteifunktionäre und Amtsträger austauschen, die institutionelle Ökologie grundsätzlich erneuern. Doch auch Pflüger will so weit nicht gehen, und so folgt dem fulminanten Eingangskapitel ein teilweise verwirrender, teilweise selbst wieder macchiavellistischer Schritt zurück: Es habe ja immerhin auch Kritiker gegeben, und schon verdünnt sich das System Kohl klammheimlich auf ein paar Einzelfälle. Und dann sind da natürlich noch die berühmten "historischen" Verdienste Helmut Kohls, die europäische Einigung und die deutsche Wiedervereinigung. Kohl hat sich schon lange in den Mantel der Geschichte gehüllt und die Beurteilung seiner politischen Leistungen den Maßstäben der Sterblichen entzogen. Ob der sogenannte Kanzler der Einheit ein guter Kanzler der Vereinigung war - darüber wird man auch in Zukunft noch reden dürfen - und müssen. Jedenfalls kompensiert die Pathosfloskel des ‘Historischen’ rein gar nichts. Friedbert Pflügers Buch ist dennoch auch da noch spannend, wo er sich im Labyrinth des Systems Kohl verirrt. Es dokumentiert eher die Ratlosigkeit, die dieses System hinterlassen hat, als es vollkommen analytisch zu durchdringen

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