Samstag, 04. Februar 2023

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Frieden, sowjetisch

Er nahm weder Rücksicht auf andere Staaten noch auf andere Menschen. Im Osten Europas sorgte Stalin mit Druck und Terror für Friedhofsruhe: für einen sowjetischen Frieden, die "Pax Sovietica". Wie es Stalin gelang, Geschehnisse und Konstellationen des zweiten Weltkriegs auszunutzen, hat der Historiker Jochen Laufer vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam untersucht.

21.12.2009

    Jochen Laufers neues Buch birgt eine Überraschung. Wer nämlich geglaubt hat, der Ost-West-Gegensatz sei ein reines Phänomen der Nachkriegszeit gewesen, der wird hier rasch eines Besseren belehrt. Zitat:

    Abgesehen von der Entschlossenheit, den gemeinsamen Gegner dauerhaft niederzuwerfen, konnten sich die Alliierten kaum über andere Ziele verständigen. Tatsächlich wünschten sich die zwei ungleichen Partner – die UdSSR auf der einen sowie die USA und die übrigen Alliierten auf der anderen Seite – ebenso den Sieg über den gemeinsamen Gegner wie die Schwächung des jeweils anderen Koalitionärs.

    Denn es ging in diesem Krieg auch um die Macht in einem künftigen Europa. Wie es Stalin gelang, seinen Einflussbereich bis an die Elbe auszudehnen, davon handelt Jochen Laufers Buch Pax Sovietica. In Laufers Augen wollte der sowjetische Tyrann vor allem eines: seine Diktatur gegen jede äußere Bedrohung sichern.

    Die von Stalin angestrebte Friedensordnung hatte nicht die Weltrevolution zum Ziel. Sie ging vielmehr von der unabhängigen Fortexistenz weiterer Friedensordnungen neben der eigenen aus.

    Wobei es gleich im nächsten Satz heißt:

    Auch wenn Stalin und die von ihm geführten Kommunisten weiterhin von der Endlichkeit der bürgerlichen Welt überzeugt blieben.

    Ganz vom Tisch war das Thema Expansion in Moskau also auch 1945 wohl doch noch nicht. Doch beginnt hier der Bereich Spekulation; und Spekulationen sind Laufers Sache nicht. Er hält sich an die Aktenbestände, die er in Moskauer Archiven sichten konnte. Zwar gibt Russland viel Material immer noch nicht frei. Aber schon auf der heutigen Quellengrundlage kann der Autor sehr detailliert die Entscheidungswege nachzeichnen. Debatten, die vom latenten Misstrauen Stalins gegenüber Briten und Amerikanern bestimmt waren. Doch auch umgekehrt trauten die Westmächte Stalin nicht über den Weg. Denn sie hatten seine Politik genau verfolgt, erklärt Jochen Laufer.

    Der Terror Stalins in den 30er-Jahren, aber dann insbesondere 1939/40 bei der sogenannte Sowjetisierung der alten Gebiete des Russischen Reiches in Ostpolen, in den baltischen Staaten, Rumänien und Teilen Finnlands, wurde mit außerordentlicher Brutalität vollzogen, und das erzeugte auch Misstrauen!

    Stalin hatte 1939 im Pakt mit Hitler das halbe Polen eingeheimst; und das wollte er nicht wieder herausgeben. Briten und Amerikaner konnten das nur widerwillig akzeptieren. Stalin musste nun um jeden Preis verhindern, dass sich die Westalliierten doch noch separat mit Deutschland arrangierten. Die Gefahr hätte zum Beispiel gedroht, sofern der Putsch des 20. Juli 1944 gelungen wäre. Wenn man ihn nach den außenpolitischen Chancen der deutschen Verschwörer fragt, zeigt sich Jochen Laufer allerdings skeptisch.

    Also, wenn sie Erfolg gehabt hätten und den Westmächten, den Armeen der Westmächte die Türen geöffnet hätten – aber gleichzeitig die Wehrmacht den Krieg gegen den Osten, gegen die Rote Armee fortgesetzt hätte, wäre das der Bruch der Anti-Hitler-Koalition gewesen, es hätte zu einer ganz neuen Kriegskonstellation geführt, …

    … sodass fraglich ist, ob sich Briten und Amerikaner auf solch einen Handel eingelassen hätten. Schließlich hätte Deutschland dann als Machtfaktor überlebt. Und den meinten die Westmächte nicht brauchen zu können – auch nicht gegen die Sowjetunion. London und Washington unterschätzten die UdSSR. Lange trauten sie der Roten Armee nicht zu, der deutschen Wehrmacht zu widerstehen. Deshalb, so Laufer, hätten bis 1944 keinen rechten Sinn darin gesehen, alles in die Schlacht gegen Deutschland zu werfen. Stalin drängte darauf, dass Briten und Amerikaner endlich in Westeuropa die zweite Front bildeten. Doch die ließen sich Zeit. Zuviel Zeit, meint Laufer: Die Invasion in Frankreich sei schon 1943 machbar gewesen. Wohl begründet der Autor diese These nicht näher. Und man könnte etwa entgegenhalten, dass an den Nachschubwegen zwischen den USA und England bis zum Mai 1943 deutsche U-Boote lauerten – dass man also erst danach halbwegs ungestört Material nach Europa schaffen konnte. Gleichviel – Laufer führt den Gedanken weiter:

    Indem Roosevelt und Churchill der UdSSR die Hauptlast bei der Niederringung Deutschlands überließen, ermöglichten sie es dem sowjetischen Machtpolitiker, eine Position im Zentrum Europas zu besetzen – und in den östlichen Teilen dieses Kontinents vollendete Tatsachen zu schaffen.

    Hätte allerdings die frühe zweite Front den Westmächten hier geholfen? Hätten sie dann im Fingerhakeln mit Stalin etwa die Westverschiebung Polens verhindern können? Oder den sowjetischen Griff nach dem Baltikum? Jochen Laufer geht dem nicht weiter nach. Er beschränkt sich auf die – begründete – Feststellung: Stalin war der große Sieger des Krieges – denn er erreichte seine Maximalziele. Dass er die Pax Sovietica nur mit Gewalt und Terror aufrechterhalten konnte, war ihm dabei gleichgültig. Laufer wirft allerdings die Frage auf, ob die Westmächte gut daran taten, Moskau gegenüber auf Konfrontationskurs zu gehen.

    Ich sehe das so, dass die Konfrontation zunächst einmal überhaupt nichts an der Lage der Menschen geändert hat, die in Osteuropa gezwungen waren, unter der Herrschaft der UdSSR zu leben. Dagegen hätte Kooperation die ideologischen Vorstellungen der UdSSR erschüttert – Kooperation beim Wiederaufbau wäre für die Menschen natürlich viel besser gewesen. Und es hätte über kurz oder lang zu einem ähnlichen Wandel geführt, wie er dann im Zuge der neuen Ostpolitik 20 Jahre später tatsächlich passierte!


    Freilich lässt das Buch offen, ob Stalin seinen Machtbereich gegenüber solchen Annäherungsversuchen nicht sofort abgeschottet hätte – gegenüber dem Marshallplan tat er es bekanntlich. Laufer argumentiert, dass die Westalliierten 1941/42 durchaus auf Gegenleistungen Stalins hätten hoffen können – als die Sowjetunion im Krieg mit Deutschland auf Hilfe angewiesen war. Freilich zeigt der Autor selbst, dass Stalin am Sieg der Roten Armee auch in den dunkelsten Stunden nie einen Zweifel hegte; warum also hätte er da dem Westen Zugeständnisse machen sollen? Als Hitler-Deutschland 1945 am Boden lag, da brauchte Stalin die Westmächte nicht mehr. Was er benötigte, um sein zerschlagenes Land wiederaufzubauen, das holte er sich unter anderem in den Teilen Deutschlands, die seine Armeen besetzt hatten. Und so waren schon die Reparationsabsprachen von 1945 – wonach jede Besatzungsmacht ihre eigenen Regeln festlegte – der erste Schritt zur Teilung Deutschlands. Zu der Frage, wie nicht nur der deutsche Osten, sondern ganz Ostmitteleuropa für vier Jahrzehnte unter Moskauer Herrschaft geraten konnte, findet man bei Jochen Laufer ein schlüssiges Erklärungsmodell. In einer quellennahen Darstellung der zynischen sowjetischen Europapolitik.

    Jochen Laufer: "Pax Sovietica. Stalin, die Westmächte und die deutsche Frage 1941-1945". Böhlau-Verlag Köln/Weimar/Wien 2009 (Zeithistorische Studien 46), 640 Seiten, gebunden für 69,90 Euro