Nahost-Krieg
"Frieden wird sich nicht herbeikämpfen lassen": Pressestimmen zum Jahrestag des Hamas-Überfalls

Der Jahrestag des Hamas-Überfalls auf Israel ist auch ein großes Thema in den deutschen und internationalen Zeitungskommentaren. Dabei wird das israelische Vorgehen gegen die Hamas kontrovers diskutiert.

    Der weitgehend zerstörte Kibbuz Kfar Aza und eine einsame Israel-Fahne.
    Der Jahrestag des Hamas-Überfalls spielt auch eine große Rolle in den deutschen Zeitungskommentaren. (picture alliance / CTK / Darvik Maca Vojtech)

    Kommentare aus ausländischen Zeitungen

    In der Zeitung JYLLANDS-POSTEN aus Århus heißt es: „Der 7. Oktober war der blutigste Tag in der jüdischen Geschichte seit dem Zweiten Weltkrieg und einer der brutalsten Terrorangriffe der Welt. Es fällt schwer zu begreifen, dass so etwas geschehen konnte. Aber noch schwerer ist zu begreifen, warum so viele Menschen ihre Sympathie mit der Hamas bekunden und Verständnis für den Angriff äußern. Wir haben gelobt, dass es nie wieder eine Reichspogromnacht geben soll und dass wir niemals den Holocaust vergessen werden. Deshalb muss der 7. Oktober im Gedächtnis bleiben – nicht wegen des Kriegs davor und danach, sondern wegen der Ereignisse dieses Tages“, mahnt die dänische Zeitung JYLLANDS-POSTEN.
    Die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG schreibt: „Es sind Linksradikale, die immer wieder Öl ins Feuer gießen und, gewollt oder ungewollt, ein Klima schaffen, in dem sich manche muslimische oder nichtmuslimische Extremisten legitimiert fühlen, Juden anzugreifen. Damit entlarven sich diese Aktivisten, die angeblich für eine bessere Gesellschaft, für Frieden und Völkerverständigung kämpfen, als Heuchler. Es spricht nichts dagegen, sich mit den Palästinensern zu solidarisieren und die Härte der israelischen Kriegsführung in Gaza zu kritisieren. Aber wer Israel vorwirft, in Gaza einen ‚Genozid‘ zu begehen, verdreht die Tatsachen auf groteske Weise.“
    Die finnische Zeitung HELSINGIN SANOMAT notiert: „Viele Israelis gedenken heute der Menschen, die von der Hamas entführt wurden, denn im Gazastreifen werden noch immer etwa 60 lebende Geiseln und etwa 35 Leichen vermutet. Das Massaker war aber auch der Beginn des Kriegs in Gaza, der sich inzwischen immer mehr zu einem regionalen Konflikt ausweitet. Neben dem Gedenken an die Opfer des 7. Oktober wird heute weltweit mit Demonstrationen und sogar gewaltsamen Ausschreitungen gerechnet, wenn Unterstützer der Palästinenser den Tag nutzen, um die Aufmerksamkeit auf die katastrophale humanitäre Lage in Gaza zu richten“, hebt HELSINGIN SANOMAT aus Helsinki hervor.
    Die polnische RZECZPOSPOLITA stellt fest: „Frieden ist im Nahen Osten heute ein abstrakter Begriff. Es ist schwer, sich die Zukunft des Gazastreifens und des israelisch-palästinensischen Zusammenlebens vorzustellen. Die Regierung Netanjahu zumindest glaubt, dass es keine palästinensischen Politiker gebe, mit denen man über Frieden sprechen könne. Weil in der Tat im Lager der Palästinenser bislang niemand offiziell die Hamas für den Terrorangriff vom 7. Oktober verurteilt hat, Palästinenserpräsident Abbas eingeschlossen“, notiert die RZECZPOSPOLITA aus Warschau.
    Die israelische Zeitung JEDIOT ACHARONOT aus Tel Aviv appelliert an die israelische Bevölkerung, die Grabenkämpfe zu überwinden: „Wir müssen im Namen der Toten und der Überlebenden eine neue israelische Ordnung errichten. Innere Spaltungen und Kämpfe haben uns bis zum 6. Oktober an den Rand eines Bürgerkriegs gebracht. Am Tag darauf geschah die größte Sicherheitskatastrophe unserer Geschichte. Die bestehende Politik fördert ein Szenario, das nur einzelnen Gruppen dient, die keinen Dialog mehr führen. Nur gemeinsam können wir Israels Existenz sichern.“
    Die panarabische Zeitung AL QUDS konstatiert: „Ein Jahr nach dem Angriff vom 7. Oktober vergangenen Jahres ist es Israel trotz massivster Gewalt nicht gelungen, die Hamas endgültig zu besiegen. Jahrzehntelang hat Israel darauf gesetzt, der stärkste, nicht zu besiegende Akteur in der Region zu sein. Aus diesem Grund ist es derzeit an so vielen Fronten aktiv. Überall will Israel sein seit dem 7. Oktober ramponiertes Image wiederherstellen. Darum dürfte es aller Wahrscheinlich nach auch auf den jüngsten iranischen Angriff reagieren. Diese Reaktion dürfte aber ohne Unterstützung Amerikas unmöglich sein, das damit eine erhebliche Verantwortung für die Zukunft der Region trägt. Auch in Washington weiß man, dass die Weichen gestellt sind: Entweder weitet sich die Konfrontation aus und mündet in einen regionalen Krieg. Oder es gelingt, ihn nun endlich zu beenden“, analysiert AL QUDS aus London.
    Die spanische Zeitung EL MUNDO aus Madrid fordert ein angemessenes Vorgehen Israels: „Das Risiko besteht darin, dass die Unverhältnismäßigkeit der israelischen Angriffe diese taktischen Erfolge in strategische Niederlagen umwandelt. Israel hat das Recht, sich zu verteidigen, aber seine moralische Autorität ergibt sich aus der Achtung des Völkerrechts.“
    Das WALL STREET JOURNAL aus New York sieht die Vereinigten Staaten in der Region in der Pflicht: „Für die USA ist der 7. Oktober eine Erinnerung, dass sie sich nicht aus Nahost zurückziehen und annehmen können, einer Bedrohung durch den Nahen Osten zu entgehen. Der Iran ist ebenso auf die Zerstörung Amerikas wie auf die Israels aus. Der jüdische Staat ist die vorderste Front des Westens und wir dürfen ihn nicht verlieren lassen“, fordert das WALL STREET JOURNAL.
    In der iranischen Zeitung HAMMIHAN ist zu lesen: „Der 7. Oktober hat die Weltmächte zu der Erkenntnis gebracht, dass ohne eine Lösung der Palästina-Frage der Nahe Osten keine Ruhe finden wird. Dieses Problem wird sich auch nicht durch die Unterdrückung der Palästinenser lösen lassen. Deshalb haben die USA im Gegensatz zu früher eine Zwei-Staaten-Lösung ins Gespräch gebracht. Gaza ist de facto zerstört, aber seine Bevölkerung hält weiter stand und auch die Hamas ist in der Lage, weiterzubestehen“, glaubt die Zeitung HAMMIHAN aus Teheran.
    Auch die israelische Zeitung HAARETZ plädiert für eine Zwei-Staaten-Lösung: „Die gemäßigten Kräfte Israels müssen sich mit den gemäßigten Kräften der arabischen Welt zusammentun. Auf die Art und Weise muss allen klar werden, – insbesondere am 7. Oktober –, dass der Weg zum Frieden im Nahen Osten und eine Stärkung der anti-iranischen Achse nur über die Errichtung eines palästinensischen Staates an der Seite Israels führt. Israel muss mit seinen Verbündeten, allen voran den Vereinigten Staaten, sowohl in der Kriegsführung als auch in der Diplomatie zusammenarbeiten“, unterstreicht HAARETZ aus Tel Aviv.

    Kommentare aus deutschen Zeitungen

    Die "Rhein-Zeitung" aus Koblenz stellt fest: "Es sind immer noch 100 Geiseln verschollen, 35 von ihnen wurden inzwischen für tot erklärt. Solange sich noch Geiseln in der Gewalt der Hamas befinden und noch Kriege toben, kann auch keine Heilung beginnen. In der gesamten Region hat sich in einem Jahr vieles verändert. Der Iran hat Israel schon zum zweiten Mal direkt mit Raketen angegriffen. Der getötete Hisbollah-Chef Nasrallah hinterlässt ein gefährliches Machtvakuum im Libanon. In arabischen Ländern verfestigt sich angesichts der Opferzahlen in Gaza der Glaube, dass arabisches Leben weniger wert sei. Dieses Gefühl nutzen islamistische Extremisten aus für ihre Propaganda, die auch nach Deutschland reicht."

    "Extremisten nehmen Region in Geiselhaft"

    Die "Leipziger Volkszeitung" stellt fest, dass nach dem 7. Oktober auch Israel die Situation eskaliert habe: "Aber welcher demokratische Staat der Welt hätte es hingenommen, so blutrünstig angegriffen und unter Dauerbeschuss genommen zu werden? Es sind die islamistischen Extremisten, allen voran im Iran, die die Region in Geiselhaft nehmen und am Ende die Zehntausenden Toten in Gaza und im Libanon zu verantworten haben. Ein demokratisches Israel, das nicht angegriffen wird, wäre keine Bedrohung für irgendwen – außer für die, die Demokratie per se als Bedrohung sehen."

    "Erkennen, dass der Freund andere Entscheidungen fällt"

    Die "Lausitzer Rundschau" aus Cottbus unterstreicht: „Die Deutschen müssen gerade lernen, wie es sich anfühlt, wenn ein Verbündeter nicht macht, was man sich so vorstellt. Sie müssen erkennen, dass der Freund andere Entscheidungen fällt. Sie nehmen wahr, dass es einen Unterschied macht, wenn jeden Tag Raketen auf ein Land abgeschossen, Anschläge verübt werden – und fordern doch Waffenstillstände und Verhandlungen. Der Wunsch nach Frieden eint Deutsche und Israelis. Doch auf dem Weg dahin könnten beide Länder aneinander verzweifeln."

    "Kompromisslos" gegen Antisemitismus vorgehen

    "An der Politik Israels entzweien sich die Geister", notiert auch die "Neue Osnabrücker Zeitung". "Dabei ist die Debatte inzwischen allzu oft von Emotionen getrieben und verliert jedes Maß vernünftiger Auseinandersetzung. Wenn Eltern ihre strafunmündigen Kinder auf einer Demo antiisraelische Parolen vortragen lassen, so ist das schlicht schäbig. Die Aufnahme von mehr als einer Million Menschen aus arabischen Staaten im vergangenen Jahrzehnt hat Deutschland ein Phänomen beschert, von dem man dachte, angesichts der deutschen Verantwortung für die Shoah würde es niemals wieder derart erstarken können: Antisemitismus".
    Die "Schwäbische Zeitung" aus Ravensburg moniert: "Die Lebenslüge der alten Bundesrepublik, der Antisemitismus sei besiegt, ist entlarvt und hat eine widerwärtige Doppelmoral zur Folge. Denn Juden müssen Angst haben, mit einer Kippa durch die Innenstädte zu gehen, während israel-feindliche Demonstranten nicht belangt werden. Es ist an der Zeit, sich diese Lüge einzugestehen und gegen Antisemitismus vorzugehen: kompromisslos, konsequent, schnell."

    "Selbstverteidigung muss im Verhältnis zur Angriffshandlung stehen"

    "Dass sich Israel verteidigen muss, steht außer Frage", heißt es im "Tagesspiegel". "Das Recht darauf ist für den Fall eines bewaffneten Angriffs völkerrechtlich verbrieft. Die Selbstverteidigung muss jedoch im Verhältnis zur Angriffshandlung stehen. Es fällt schwer, das angesichts der vielen zivilen Opfer und Zerstörung noch zu bejahen. Hinzu kommt, dass das militärische Vorgehen des israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu affektgesteuert wirkt. Es lässt weder eine strategische Ausrichtung noch ein klar definiertes, realistisches Ziel erkennen und erst recht keine Vision für die Zukunft.
    Der Frieden in Nahost wird sich nicht herbeikämpfen lassen. Der Nahostkonflikt kann nur über einen Friedensvertrag beendet werden, der die Zukunft der Palästinenser ein für alle Mal regelt. Die Ideologie der Hamas wird für viele erst dann an Anziehungskraft verlieren, wenn die Palästinenser eine verbindliche Perspektive für ihre Zukunft sehen."

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    Diese Nachricht wurde am 07.10.2024 im Programm Deutschlandfunk gesendet.