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StartseiteHintergrundFrischer Wind am Mekong10.09.2005

Frischer Wind am Mekong

Wirtschaftlicher Aufschwung und politische Stagnation in Vietnam

Hanoi, die einst ein wenig verschlafene und sozialistisch-spartanische Hauptstadt Vietnams, mausert sich zur Metropole. Knapp zwei Jahrzehnte nach dem Beginn der wirtschaftlichen Öffnung des Landes, freuen sich die meisten Erben Ho Chi Minhs erst einmal über den Boom. Auf der Erfolgswelle am Mekong schwimmen auch viele Vietnamesen, die einst als Facharbeiter oder Studenten in der DDR lebten.

Von Monika Hoegen

Die traditionsreichen Märkte in Hanoi bekommen moderne Konkurrenz (dradio.de)
Die traditionsreichen Märkte in Hanoi bekommen moderne Konkurrenz (dradio.de)
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" Wir haben es aus der Zeitung und aus dem Radio erfahren, dass dieses Shopping-Center eröffnet wurde. Deshalb sind wir hierher gekommen. Wir sind neugierig und wollen uns ein Bild machen, wie es aussieht.

Unsere Stadt wächst weiter. Sicher, ich möchte auch, dass die Tradition bewahrt wird. Aber ich freue mich, dass es so etwas wie dieses Einkaufszentrum jetzt in der Stadt gibt. Natürlich ist es hier auch ein bisschen teuer, aber wenn ich etwas Schönes finde, das mir gut gefällt, kaufe ich das auch. "

Samstagnachmittag im Zentrum von Hanoi. Die Menschen strömen durch den kürzlich eröffneten Vincom Tower – ein Einkaufszentrum der Extraklasse. Hell beige glänzt der Wolkenkratzer – auf den unteren sechs Etagen verteilen sich Boutiquen, Supermärkte, Bistros und Haushaltwaren-Geschäfte. Ob Cartier-Uhren oder Designer-Anzüge, australische Bagels oder italienisches Schoko-Eis – hier im Vincom-Tower ist alles zu haben. Die Menschen flanieren, schauen, kaufen – und drücken sich an den Schaufenstern der Juwelierläden die Nasen platt. Keine Frage: Hanoi, die einst ein wenig verschlafene und sozialistisch-spartanische Hauptstadt Vietnams, macht derzeit eine rasante Entwicklung durch. Hanoi mausert sich zur Metropole – ganz nach dem Vorbild der großen südostasiatischen Schwestern Singapur, Bangkok oder Hongkong.

Knapp zwei Jahrzehnte nach dem Beginn von "Doi Moi", der wirtschaftlichen Öffnung des Landes am Mekong, freuen sich die meisten Erben Ho Chi Minhs erst einmal über den Boom. Der zeigt sich nicht nur in Einkaufszentren wie dem Vincom Tower. Im Zentrum konkurrieren heute mehrere Fünf-Sterne-Hotels um die Gunst zahlungskräftiger Gäste; am Stadtrand entstehen große Industrie- und Gewerbeansiedlungen. Auf dem Weg vom Flughafen in die Innenstadt mitten zwischen den Reisfeldern: ein Metromarkt.

Auf der Erfolgswelle am Mekong schwimmen auch viele so genannte "Rückkehrer". Das sind die Vietnamesen, die einst als Facharbeiter oder Studenten in der DDR lebten und nach dem Fall der Mauer wieder in ihre Heimat gingen. Dort gründeten sie eine neue Existenz – häufig mit finanzieller Unterstützung aus Deutschland. Auch Pham Van Dinh ist ein Rückkehrer. Zusammen mit seiner Frau Anh versuchte er zunächst, sich mit einem Juweliergeschäft in der neuen alten Heimat selbständig zu machen. Doch das Vorhaben scheiterte während der Asienkrise. 1998 kam Dinh auf eine neue Geschäftsidee. Seither gibt er eine Anzeigenzeitung heraus: "Mua & Ban", was soviel heißt wie "Ankauf und Verkauf." Das Blatt erscheint sechsmal pro Woche mit einer Auflage von 20.000 Exemplaren.

" Der Inhalt hier das ist Arbeitsmarkt, Ausbildungsmarkt, ja, und das ist hier der Immobilienmarkt. Und das ist Auto, Moped und (..) Elektronik und die Haushaltgeräte. "

Unterstützt wurde das Unternehmerehepaar von der Industrial and Commercial Bank of Vietnam, einer Partnerbank der Deutschen Entwicklungsgesellschaft (DEG). Dinh erhielt einen Kredit in Höhe von damals 14.000 Mark sowie weitere 9.000 Mark Eigenkapitalzuschüsse aus dem so genannten DEG-Existenzgründungsprogramm. Außerdem wird das Unternehmen vom Büro des Deutschen Entwicklungsdienstes, ded, in Vietnam beraten und gefördert. Seine Publikationen – außer der Anzeigenzeitung gibt es noch eine Kinder- und eine Frauenzeitschrift – druckt Unternehmer Dinh beim vietnamesischen Staatsverlag. Dort würden alle Texte zwar noch einmal geprüft, räumt Dinh ein, aber der politischen Zensur sei bisher kaum etwas zum Opfer gefallen. Nur einmal habe ein Anzeigentext nicht erscheinen dürfen.

Phan Vanh Dinh ist rundum zufrieden: Nach der Rückkehr aus Europa hätte er sich sofort wohlgefühlt in seiner neuen alten Heimat Vietnam. Zurück nach Deutschland – das wollte er nie.

" Und wir haben hier noch unsere Eltern, unsere Geschwister und unsere Freunde. Und wenn wir hier leben, fühlen wir uns viel sicherer als in Deutschland. (..)In Deutschland gibt es sehr viel Skinhead-Leute, verstehen Sie, und es gibt auch noch die aggressiven Leute, die gegen Ausländer sind, und das möchten wir nicht. Hier, das ist sicher. "

Ein positiveres Bild von Deutschland hat Mai Huy Tan. Der studierte Wirtschafsinformatiker liebt deutsche Volksmusik, übersetzte sie ins Vietnamesische und bringt sie nun Schulkindern im Großraum Hanoi nahe. Auch Mai Huy Tan ist ein erfolgreicher Rückkehrer. Der 55jährige studierte Anfang der 80er Jahre an der Martin Luther Universität in Halle Wirtschaftsinformatik – und lernte neben der Volksmusik auch Thüringer Würstchen lieben. Jetzt errichtete er in der Hung Yen Provinz, 30 Kilometer außerhalb von Hanoi, eine Wurstfabrik, als Joint Venture mit einem deutschen Geschäftspartner aus Erfurt. Umfang der Investitionen: Drei Millionen Euro. Seinen Geschäftssinn paart Mai Huy Tan mit sozialem Engagement: Ein Dorf und eine Schule versorgt der Unternehmer durch Brunnen-, Filter- und Leitungsanlagen mit sauberem Trinkwasser. Dabei wird Mai Huy Tan vom Deutschen Entwicklungsdienst, ded, finanziell unterstützt.

" Wir brauchen neue Arbeitskräfte für unsere Fabrik in Zukunft und wir brauchen gute Kontakt zu Bevölkerung vor Ort. Deswegen müssen wir etwas tun für Bevölkerung und vor allem für ihre Kinder. Und in Zukunft brauchen wir noch enger geschäftliche Kontakt zu den Bauern. Von diese Bauernfarm bekommen wir immer Schweine, gute Schweine für unser Fabrik. "

Das Projekt ist eine von insgesamt 34 so genannten "Süd-PPP" Maßnahmen, die der ded in Zusammenarbeit mit lokalen Wirtschaftsakteuren in Vietnam durchführt, mit einem Gesamtvolumen von über 700.000 Euro. Das Ziel: Gemeinsam mit der Privatwirtschaft die Bereiche Berufsbildung, ländliche Entwicklung, Umweltschutz und Gesundheitsvorsorge zu fördern. Vietnam ist derzeit eines der Schwerpunktländer für die deutsche Entwicklungszusammenarbeit – und wird als ehrgeiziger Partner geschätzt. Ded-Projektleiter Wolfgang Biermann:

" Erstens hat Vietnam sich als ziemlich zuverlässiges Land erwiesen, was die Erfüllung von internationalen Auflagen angeht oder auch Vorschlägen. (..) Insofern hat sich Vietnam als ein Partner erwiesen, der es wirklich ernst meint mit der Reduzierung der Armut. (.......) Das zweite ist, es gibt hier eine große deutschsprechende Gruppe in Vietnam, das erleichtert natürlich die Zusammenarbeit. Und insbesondere bei der Entwicklung von Klein- und Mittelbetrieben, die im Moment wirklich am Boomen sind, jährlich etwa 30.000 Neugründungen, ist es ganz wichtig, dass man Leuten hilft, Marktwirtschaft überhaupt zu praktizieren und durchzuführen und im übrigen die Berufsbildung voran zu bringen, weil jährlich anderthalb Millionen Leute hier wieder auf den Arbeitsmarkt kommen. Und da wollen wir helfen, dass Vietnam ein eigenes Bildungssystem für Beruf und Arbeit entwickeln kann. "

Mai Huy Tans Wurstfabrik ist derzeit eines der erfolgversprechendsten Projekte. Der Betrieb ist modern eingerichtet und arbeitet nach strengsten hygienischen Vorschriften.

" Wir produzieren seit vier Jahren vor allem Thüringer Bratwurst und weitere Wurstsorten nach Thüringer Originalrezeptur. Und außerdem bauen wir zur Zeit ein modernes Schlachthaus mit deutscher Technologie. Zur Zeit haben wir 160 Mitarbeiter. In unserer Fabrik etwa 100 Mitarbeiter für Produktion. Und über 30 Mitarbeiter für Vertrieb und Marketing. Und etwa 20 in der Verwaltung. "

Auch die vietnamesische Regierung zeigt derzeit großes Interesse am Engagement ausländischer Investoren in Vietnam. Das war früher anders. So sah es Mitte der neunziger Jahre vorübergehend so aus, als ob die wirtschaftliche Öffnung wieder zurückgenommen würde. Ausländische Betriebe unterlagen strengen Restriktionen, potenzielle Investoren wurden durch vielfältige bürokratische Hemmnisse abgeschreckt. Doch dann erfolgte eine Kurskorrektur. Privatbetriebe wurden zugelassen. Ausländische Investoren benötigen heute nicht mehr zwingend einen einheimischen Partner. Auch sonst will man die Bürokratie weiter abbauen und die Genehmigungsverfahren für Unternehmen und Betriebe beschleunigen, betont Doan Tho Nam vom Ministerium für Planung und Investment.

" Wir haben verschiedene Pläne, um das deutsche Engagement zu verstärken. Aber dazu wären noch mehr Begegnungen nötig. Es gibt schon Workshops und Foren, in denen sich deutsche und vietnamesische Unternehmer treffen. Aber wir müssen die Öffentlichkeitsarbeit verstärken, um das Image von Vietnam zu verbessern und um die deutschen Anleger mit den Bedingungen bei uns vertraut zu machen. Wenn sie besser über die Rahmenbedingungen in Vietnam informiert sind, werden sie auch mehr investieren. Sie wissen, Vietnam hat ein zuverlässiges Umfeld für Investitionen, wir haben eine stabile Politik, fleißige Arbeitskräfte und wir hoffen sehr darauf, dass deutsche Firmen nach Vietnam kommen, um uns kennen zu lernen. "

Allerdings: Nicht überall sieht es bereits so aus, wie in Hanoi. Trotz des Wirtschaftsaufschwungs ist Vietnam weiterhin ein armes Land. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen liegt bei 400 US-Dollar im Jahr. Es gibt eine tiefe Kluft zwischen Stadt und Land. Das Dorf Than Sa liegt etwa vier Autostunden von der Hauptstadt entfernt in einer Bergregion.

Bauer Dong Wan Ha, 44, ist mit ein paar Nachbarn gerade dabei, den Boden vor seinem Haus zu zementieren. Zum Trocknen von Reis, wie er sagt.

" Früher waren wir hungrig, doch jetzt haben wir dank der Reformen genug Reis zu essen. Wir züchten auch neue Sorten und haben gelernt, Reis besser zu kultivieren. Außerdem halten wir uns ein paar Tiere nebenbei, was wir früher nicht gemacht haben. "

Auch die ersten Farbfernsehgeräte haben die bescheidenen Holzhütten in Than Sa schon erreicht. Doch von wirklichem Boom kann hier wie in vielen anderen ländlichen Provinzen Vietnams keine Rede sein. Zu abgelegen ist die Gegend, zu gering sind die Einkommensmöglichkeiten, zu schlecht die Zukunftsaussichten insbesondere für junge Leute. In einer solchen Umgebung geht es auch für Hilfsorganisationen wie den ded nicht um größere Existenzgründerprogramme. In Than Sa sollen demnächst erst einmal Toilettenhäuschen und Sanitäranlagen gebaut werden, die bislang nur unzureichend vorhanden sind. Man würde es begrüßen, wenn wirtschaftliche Investitionen auch verstärkt die Provinz erreichen würden. Doch das ist noch Zukunftsmusik, unterstreicht Laslo Pancel von der deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit, GTZ.

" Leider ist der ländliche Raum nach wie vor uninteressant für Investoren. (..) Da ist wirklich ein Investitionsbedarf. Vor drei Wochen hat der Prime Minister ausdrücklich gesagt, dass Investitionen im landwirtschaftlichen Bereich und in der Forstwirtschaft willkommen sind und Institutionen, die so was verhindern, die dürfen angezeigt werden, und sie werden dann auch vor Gericht gestellt. "

Entwicklungsexperte Laslo Pancel hat auch schon Ideen, wie Investitionen auf dem Lande in Vietnam aussehen könnte:

" Ein idealer Vorschlag aus unserer Sicht wäre, wenn zum Beispiel ausländische Firmen ein Joint Venture machen würden mit Staatsforstbetrieben und zertifizierte Produkte nach kurzer Zeit auf den Markt bringen würden. Das würde nämlich bedeuten, dass Vietnam erstens mal nicht mehr zertifizierte Hölzer aus dem Ausland importieren müsste, zweitens würde das ein exzellentes Beispiel für nachhaltige Bewirtschaftung geben und drittens wäre das auch für die Biodiversität in Vietnam ein großer Schritt vorwärts. "

Nachtleben in Hanoi. Vor zehn Jahren gab es das erst in Ansätzen. Heute werden immer neue Jazzkneipen, Discos, Salsa-Bars eröffnet. Wie kommen die Einheimischen mit den rasanten Veränderungen der letzten Jahre zurecht? Le Trung Kha verbrachte als Kind mehrere Jahre in Deutschland und kehrte dann in seine Heimat zurück:

" Für einen, der immer hier lebt, da kommt diese Veränderung nicht so sehr zum Vorschein. Aber wenn wir nun mal in Ruhe, also wir als Einheimische in Ruhe zurückdenken, da hat sich doch vieles, vieles geändert hier in den letzten Jahren. (..) Einmal das Bauliche, denn die Stadt, die hat sich sehr vergrößert, und vor allem, was man so sieht auf der Straße, da sind so viele Verkehrsmittel, Mopeds und Autos. "

Kha, der für das Land Nordrhein-Westfalen in einem Hanoier Büro deutsch-vietnamesische Wirtschaftskontakte knüpfte, hat sich inzwischen mit einer eigenen Wirtschaftsberatung selbständig gemacht. Auch er spürt in seiner tägliche Arbeit, wieviel leichter es inzwischen geworden ist, in Vietnam Geschäfte zu machen.

" Es hat sich an der staatlichen Regelung natürlich auch vieles geändert (..) Also mit den Formalitäten der Errichtung einer ausländischen Niederlassung hier, zum Beispiel für eine Vertretungslizenz hatten wir damals, vor neun oder zehn Jahren, 5.000 US-Dollar bezahlt und jetzt kostet das glaube ich, wohl null. "

Auch Touristen aus aller Welt reagieren auf die Veränderungen in Vietnam – und kommen in Scharen. Michael Johnston ist Manager bei Handspan – einem von den zahlreichen Reisebüros, die in den vergangenen Jahren entstanden sind. Handspan bietet exklusive und etwas teurere Programme abseits der ausgetretenen Touristenpfade speziell für nicht mehr ganz junge Reisende an. Außerdem hat sich die Agentur auf Abenteuer-Urlaub spezialisiert. Manager Johnston weiß, warum das immer mehr zum Verkaufsschlager wird.

" Die Sicherheitslage in Vietnam hat sich verbessert, und das ist nicht unwichtig. Die Menschen können hier heute das tun, was sie auch bei sich zuhause gerne machen. Es gibt viel mehr Freizeitaktivitäten. Neuseeland war immer das klassische Reiseziel für Sportarten wie Rafting oder Jet Skiing. Und diese Art von Abenteuer-Urlaub wird jetzt auch in Vietnam angeboten: Wasserski laufen, Paragleiten oder auch Windsurfen und Segeln. "

Und Touristen schätzen auch die Form von kulinarischer Globalisierung, die sie jetzt in Vietnam erleben.

Zwar gebe es auch im Tourismus Einschränkungen, betont Reisemanager Johnston, aber die hätten eher ökologische denn politische Gründe:

" Es gibt einzelne Dörfer, für die man eine spezielle Erlaubnis braucht, um sie zu besuchen. Zum Beispiel in der Bucht von Halong: Da kann man durch bestimmte Abschnitte nachts nicht einfach mit dem Motorboot durchfahren. Solche Restriktionen gibt es. Doch diese Beschränkungen sind gut, denn sie sorgen dafür, dass Gebiete nicht von einer Flut von Touristen überrollt werden, die gar nicht dafür gerüstet sind. "

Trotz allen Aufschwungs – mancherlei Hürden stehen dem Boom in Vietnam noch immer im Wege. Eine davon ist die Korruption, besonders auf lokaler Ebene. Das hat auch die Regierung erkannt. Premierminister Phan Van Khai verkündete vor der Nationalversammlung, dass er eine Agentur zur Korruptionsbekämpfung gründen will, ein Novum in Vietnam – und zudem ein schwieriges Unterfangen. Auch das Ziel der Regierung, Vietnam - derzeit zweitgrößter Reisexporteur der Welt - bis zum Jahre 2020 in einen Industriestaat zu verwandeln, bringt Probleme mit sich. Für die Gewerbegebiete wird Land gebraucht - Land, das zuvor Bauern zur Verfügung stand. Schon gab es erste Proteste von Bauern, die sich nicht ausreichend entschädigt fühlten.

Wurstfabrikant Mai Huy Tan benötigte ebenfalls Land für seinen dreieinhalb Hektar umfassenden Betrieb. Doch er habe sich mit den rund 70 betroffenen Bauern einvernehmlich geeinigt – sagt der Unternehmer. Die meisten von ihnen gaben ihr Reisfeld auf und arbeiten jetzt in der Wurstfabrik, darunter die 32jährige Luy En.

" Die Arbeit im Reisfeld war hart, ich arbeite jetzt lieber hier. Hier herrscht ein gutes Betriebsklima. Es ist leichter, als draußen zu arbeiten, wo das Wetter immer launisch ist. Außerdem ist es nicht so unsicher. Als Bauern hatten wir kein festes Einkommen. "

Ihr Alltag habe sich konkret verbessert, erzählt die junge Frau. Doch was würde Ly En davon halten, wenn nun alle Bauern ihr Land aufgäben?

" Ich denke, das wäre schlecht, wenn alle Bauern ihren Beruf an den Nagel hängen würden. Nur für mich persönlich ist es gut. Mein Mann hat aber noch ein Reisfeld. Die Bauern sollten nicht völlig vergessen, dass sie Bauern sind. "

Für Politik interessiert sich Ex-Bäuerin Ly En nach eigenen Worten kaum. Dass die Regierung kürzlich einen Demokratie-Erlass veröffentlicht hat, um den Menschen in den Dörfern mehr Mitbestimmung zu ermöglichen, davon weiß die junge Frau vom Land nichts. Mitbestimmung – was soll das denn bringen? So denken derzeit in Vietnam noch viele. Auch Dinh, ein junger Mann, der vor kurzem eine kleine Firma gegründet hat. Jetzt sitzt Dinh vor dem Vincom Tower in Hanoi und gönnt sich einen Cappuccino.

" Mein Leben hat sich im letzten Jahr sehr viel verändert. Und ich habe eine kleine Firma eröffnet. Ich handele hier mit Maschinen, und das war sehr erfolgreich. Ich importiere Maschinen aus China und verkaufe weiter hier in Vietnam. "

Vom Staat verlangt Dinh vor allem Sicherheit und klare Vorgaben. In Vietnam gäbe es zwar nur eine Partei, aber das hätte nicht nur Nachteile.

"..ja natürlich eine Monopolpartei, eine Monopolpolitik. Es gibt auch gute Sachen. Aber schlechte Dinge gibt es auch dabei. Es gibt auch Korruption zum Beispiel. Aber ich denke, man muss langsam ändern, nicht sofort ändern, wie im Ostblock. "

Demokratie? Freie Presse? Das, so meint Dinh wäre zwar alles wünschenswert, aber zur Zeit noch riskant:

" Wenn wir mehr als eine Partei haben, das wäre sehr schlecht, wenn wir in Chaos kommen. Aber in Zukunft, wer weiß? Die Wirtschaft verändert sich. Und ich denke, die Politik wird verändert. "

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