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StartseiteDie neue PlatteMut zur Freiheit28.06.2020

Frühe Beethoven-Klaviersonaten auf dem HammerklavierMut zur Freiheit

Jos van Immerseel ist als Spezialist für historische Tasteninstrumente immer auf der Suche nach dem authentischen Klang. Seine Interpretation früher Beethoven-Sonaten verblüfft im Klang, es ruckelt aber bei der Präzision.

Am Mikrofon: Philipp Quiring

Ein älterer Mann mit grauen langen Haaren sitzt vertieft in sein Spiel an einem historischen Klavier. (Jan Landau)
Für seine Aufnahme früher Beethoven-Klaviersonaten hat sich Jos van Immerseel für einen Wiener Hammerflügel von Christopher Clarke entschieden. Er ist im Klang den Instrumenten von Anton Walter nachempfunden, die Beethoven seiner Zeit favorisierte. (Jan Landau)
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Zum 250. Geburtstag fühlen sich diverse Musikerinnen und Musiker dazu berufen, ein Album mit seiner Musik zu veröffentlichen. Im Bereich des Klaviers stehen da die Klavierkonzerte und die Sonaten an erster Stelle. So viele Gesamteinspielungen aller 32 Klaviersonaten wie zu diesem Jahr wird es sicherlich sobald nicht wieder geben. Igor Levit, Jonathan Biss oder Fazil Say sind da nur drei Namen, die die 32 vollgemacht haben oder dieses Jahr noch voll machen werden. Wer da mit einzelnen Sonaten um die Ecke kommt, der hat es auf dem völlig übersättigten CD-Markt schwer und braucht schon starke Argumente für sich oder einen Anti-Mainstream-Ansatz! Beim belgischen Pianisten Jos van Immerseel heißt das: Es sind ausschließlich Werke des ‚Jungen Beethoven‘, von 1798 bis 1804, er spielt auf einem Hammerflügel, der die Klangästhetik genau dieser Zeit liefert und außerdem geht er interpretatorisch teilweise extreme Wege, was Tempo, Phrasierung und Artikulation angeht.

Musik: Beethoven: Sonate As-Dur, Op. 26

Gerade beim Akkordspiel in der mittleren und tiefen Lage des Klaviers lassen sich die einzelnen Stimmen gut heraushören. Der Grund: Die Töne ertrinken nicht im Pedal eines modernen Flügels. Jos van Immerseel spielt nämlich auf einem Hammerflügel, einer originalgetreuen Kopie eines Instruments von ca. 1800 von Anton Walter. Charakteristisch für dieses Instrument ist auch, dass schnelle Läufe in hoher Lage deutlich weicher klingen.

8 ¼ Sonaten von Beethoven hat Jos van Immerseel auf diesem Hammerflügel aufgenommen, von der viersätzigen Sonate Op. 26 in As-Dur lediglich einen Satz, den Trauermarsch. Die ersten vier Sonaten aus Op. 2 und Op. 7 lässt Jos van Immerseel allerdings aus, obwohl diese doch gerade den Beginn von Beethovens Sonaten-Schaffen markieren, somit für den ‚Jungen Beethoven‘ stehen würden. Jos van Immerseel beginnt stattdessen mit der c-Moll Sonate, Op. 10 Nr. 1. Ein elektrisierendes Werk mit starken dynamischen Kontrasten, die Immerseel in seiner Interpretation wirkungsvoll herausarbeitet.

Musik: Sonate in c-Moll, Op. 10 Nr. 1; 1. Satz

An dieser Stelle lässt sich hören, was Jos van Immerseel damit meint, wenn er im Booklet über den Klang seines Walter-Nachbaus schreibt: "Plötzlich stimmte einfach alles, von den tiefsten Tiefen bis zu den höchsten Höhen".

Immerseel wagt interpretatorischen Eigensinn

Der zweite Satz, ein Adagio molto, bildet den Ruhepol zum Stürmen und Drängen im Ersten. Eine intime Wirkung stellt sich ein, wenn die Töne auch im leisen Spiel klanglich stabil bleiben und sich eine Kraft in der Stille einstellt. Jos van Immerseel phrasiert allerdings auf eine sehr eigene Weise. Er baut immer wieder unorganische Stopps ein, wodurch sich der Melodiefluss aufstaut, interpretatorische Freiheiten, die er sich hier zugesteht.

Musik: Sonate in c-Moll, Op. 10 Nr. 1; 2. Satz

In der weiteren großen c-Moll Sonate, der Pathétique, werden wieder Stärken des Instruments hörbar. Der kurze Nachhall der Akkorde führt dazu, dass die Pausen eine größere Spannung erhalten.

Musik: Sonate in c-Moll, Op.13 "Pathétique", 1. Satz

Klanglich ist die Einspielung auf jeden Fall eine Entdeckung, allerdings eher wegen der besonderen Charakteristik des Instruments, als wegen der pianistischen Leistung. Die Phrasierung wirkt auch hier und an anderen Stellen unorganisch, die nicht sonderlich schwer zu spielenden Läufe sind oft schwammig und immer wieder stellen sich ungleichmäßige Betonungen ein, auch bei der Koordinierung beider Hände.

Romantische Klänge am historischen Flügel

Jos van Immerseels Ansatz, Beethoven zu interpretieren, scheint im ersten Moment widersprüchlich. Auf der einen Seite beschäftigt er sich über Jahre hinweg intensiv mit historischen Instrumenten, wählt gezielt den Flügel dieser Aufnahme aus, um historisch dem Klang der Zeit nachzuspüren, gleichzeitig nimmt er sich extreme interpretatorische Freiheiten. Dabei erinnert sein Stil an romantische Beethoven-Interpretationsansätze von Franz Liszt, Hans von Bülow oder Frederic Lamond. Mich hat die Einspielung von Jos van Immerseel in einigen Punkten an den kanadischen Pianisten Glenn Gould erinnert, der in seinen Beethoven-Interpretationen auch oft Extreme gewählt hat, gerade in Tempofragen und diese genau und schlüssig begründen konnte. Zum Vergleich hier einmal der Anfang aus der Es-Dur Sonate Op. 31 Nr. 3 in der Interpretation von Glenn Gould. Er spielt, mit viel Pedal, sehr romantisch - im Tempo elastisch – ehe sich schließlich doch noch ein konstantes Grundtempo einstellt.

Musik: Sonate in Es-Dur, Op. 31 Nr. 3, 1.Satz
Glenn Gould, Klavier

Nun direkt hinterher: Die Einspielung von Jos van Immerseel. Er wählt ein extrem langsames Tempo, bei der die Phrasierungsbögen anders als bei Gould ihren Zusammenhang beinahe verlieren. Interessant sind die eigenmächtig hinzugefügten Akkordbrechungen bei van Immerseel.

Musik: Sonate in Es-Dur, Op. 31 Nr. 3: 1. Satz

Van Immerseel richtet durch seinen interpretatorischen Ansatz den Fokus mehr auf die Harmonien und hebt so einmal mehr den Klangcharakter des Instruments heraus, auch durch die sehr breit gespielten Tonwiederholungen in der Unterstimme.

Zur Einordnung lohnt sich noch ein weiterer Vergleich. Weniger extrem als Gould und van Immerseel ist die im März veröffentlichte Einspielung von Andreas Staier. Er spielt wie van Immerseel auf einem Hammerflügel.

Musik: Sonate in Es-Dur, Op. 31 Nr. 3: 1. Satz
Andreas Staier, Klavier

Die Interpretation von Andreas Staier entspricht mehr einem gängigen modernen Ansatz, Beethoven zu spielen. Staier wählt ein schnelles Tempo, durch das sich eine deutlich klarere Phrasierung einstellt. Die Schärfe der rhythmischen Punktierungen wird deutlich und durch die Tonwiederholungen in der Unterstimme erhält die Sonate ihren Groove.

Doch zurück zu Jos van Immerseel. Zu seiner Auswahl von Werken des ‚Jungen Beethoven‘ gehört auch eine Reihe von diskografisch sonst eher vernachlässigten Stücken: Das ‚Alla Ingharese‘ und das ‚Rondo, Op. 51 Nr. 2‘, beide in G-Dur. Auch das Andante in F-Dur gehört dazu. Beethoven hatte es ursprünglich für die Waldstein-Sonate als Mittelsatz vorgesehen, es dann allerdings aussortiert und als Einzelstück zur Veröffentlichung freigegeben.

Musik: Andante Favori in F-Dur, WoO 57

Mit seinem Album liefert Jos van Immerseel einen komprimierten Eindruck früher Klaviermusik von Beethoven und wie dieser sich innerhalb von wenigen Jahren in völlig verschiedener Weise ausdrücken konnte. Das Klavierspiel weißt dabei teils technische Mängel auf, gerade in den manuell anspruchsvolleren Ecksätzen einiger Sonaten. Das Besondere und Erlebenswerte an "Die Klavierwerke des jungen Beethoven" ist der Klang des speziellen Hammerflügels und wie dieser die Wirkung der Musik gegenüber moderner Instrumente verändert, teilweise verstärkt. Auch überrascht Jos van Immerseel immer wieder mit interpretatorisch unorthodoxen Ideen. Innerhalb der zahlreichen Veröffentlichungen in diesem Jahr gab es bereits einige interessante Impulse – einen Weiteren, durch eine wegweisende Neuinterpretation, kann Jos van Immerseel mit seinem Album da aber nicht setzen.

Ludwig van Beethoven: Klaviersonaten.
Jos van Immerseel, Klavier

Klaviersonaten Nr.5,7-10,12,14,15,18
Alla Ingharese Op. 129
Rondo Nr. 2 Op. 51
Andante Favori WoO 57

Alpha Classics

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