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StartseiteForschung aktuellDem fehlenden Saugreflex bei Kälbern auf der Spur13.12.2016

Frühe TrinkschwächeDem fehlenden Saugreflex bei Kälbern auf der Spur

Wenn Neugeborene nicht trinken wollen, ist das für ihre Gesundheit fatal. Das gilt auch für Kälber der Rinderrasse Braunvieh. Bei ihnen kommt es häufiger vor, dass sie in den ersten Lebenstagen keinen Saugreflex haben. Einige Gründe sind bekannt, möglichen genetischen Ursachen sind die Forscher jetzt auf der Spur.

Von Leonie Seng

Ein Kalb steht am 13.11.2014 im Stall eines Bauernhofes in Betzigau (Bayern) . Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa | Verwendung weltweit (dpa)
Allgäuer Braunvieh (dpa)
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Braunvieh-Kälber haben karamellfarbenes Fell, schwarze Schnauzen und für Kühe erstaunlich elegante Körperformen. Und sie stehen derzeit im Interesse von Forschern der Fachgruppe Tiergenetik und Züchtung unter der Leitung von Professor Jörn Bennewitz. Denn manche der Braunvieh-Kälber trinken nicht von Geburt an:

"Die Bauern haben gesehen, dass beim Braunvieh, eine Rasse, die im Allgäu im Wesentlichen zuhause ist, von fünf bis zehn Prozent der Trinkreflex nicht ordentlich ausgebildet ist."

Das Phänomen, dass neugeborene Braunvieh-Kälber nicht direkt trinken wollen, ist seit Längerem bekannt. Deshalb müssen diese Tiere, die nicht von sich aus trinken, in der Regel mittels Schläuchen, die in den Magen geführt werden, zwangsernährt werden. Denn von sich aus haben die Kälber keinen Immunschutz und können selbst in hygienisch sauberen Ställen leicht erkranken.

Forscher suchen nach Genvarianten

Einige Faktoren, die für die Trinkschwäche verantwortlich sind, kennt man bereits. So spielt zum Beispiel ein Mangel an Vitamin E oder an Selen eine große Rolle. Zu einem Viertel sind aber auch die Gene der Elterntiere beteiligt, wie eine italienische Studie gezeigt hat. Unklar ist allerdings noch, welche Gene genau an der Trinkschwäche beteiligt sind. Das wollen die Forscher der Universität Hohenheim nun in ihrer Studie herausbekommen. In einem ersten Schritt haben die Forscher Hautproben von 241 landwirtschaftlichen Betrieben in Baden-Württemberg gesammelt.

"Das ist ein kleines Stück aus dem Ohr, das anfällt, wenn die Tiere ihre Ohrmarke gezogen bekommen. Also das ist unabhängig von unserem Versuch jetzt. Diese Ohrmarken erhalten sie sowieso. Dabei wird ein kleines Loch in die Ohrmuschel gemacht und das, was eben aus diesem Loch sozusagen raus fällt, das kriegen wir als Probe", erklärt Laborleiter Siegfried Preuß.

Über ein Jahr lang, bis Sommer 2016, erhielten die Forscher so insgesamt 8.000 Hautproben, die die Landwirte in Plastikröhrchen gesammelt hatten. Mitarbeiter stecken die etwa stecknadelkopfgroßen, blutigen Fleischstücke in Reagenzgläser und versehen sie mit Enzymen. Auf diese Weise wird das Zellgewebe aufgebrochen und die Zellwand entfernt. In vielen einzelnen, chemischen Schritten werden die DNA für jedes Tier extrahiert und die Gene bestimmt. Während ein Großteil der Gene bei allen Rindern übereinstimmt, gibt es in jedem Tier zahlreiche Genvarianten. Nach diesen Genvarianten suchen die Forscher im Labor.

Fragebogen für Landwirte

Die genetischen Daten werden anschließend den einzelnen Tieren und ihren Trinkeigenschaften zugeordnet. Die Informationen dazu entnehmen die Forscher den Fragebogen der Landwirte. Gerhard Albinger betreibt im oberschwäbischen Biberach einen Biohof und hat bei der Studie mitgewirkt. Etwa 250 Kälber kamen im vergangenen Jahr bei ihm auf die Welt, 70 bis 80 davon haben nicht von Anfang an getrunken:

"Da haben wir ein Formular bekommen und mussten praktisch jedes Kalb, das geboren wurde, eintragen. Ob das gesoffen hat nach der Geburt, wie viel das gesoffen hat und wie gut. Also ob es schnell oder ob es überhaupt keinen Saugreflex hatte."

Im Moment sind die Hohenheimer Forscher noch bei der Erschließung des Genmaterials. Danach erfolgt die Datenanalyse. Sollte sich herausstellen, dass bestimmte Genvarianten die Trinkschwäche bedingen, könnten Gentests für Zuchtbullen entwickelt werden, um diejenigen mit den Genvarianten aus der Züchtung herauszunehmen.

Mutter spielen bis der Saugreflex kommt

Die meisten Kälber, so Landwirt Gerhard Albinger, fingen nach zwei bis drei Tagen von selbst an, zu trinken.

"Die werden zuerst mit der Flasche getränkt und dann mit dem Eimer und dann. Nach zwei, drei Tagen steigt man um und dann saufen die alleine. Dann hängt man den Eimer nur hin. Morgens und abends hat das Kalb das schon im Kopf, wie wir unsere Mahlzeiten auch. Und dann hört es das Geklappere und steht auf und kriegt seinen Saugreflex und sauft das aus, wenn es gesund ist."

Den Landwirten, so Gerhard Albinger, dauere das aufgrund des fehlenden Immunschutzes aber zu lange. Solange die Studie noch nicht abgeschlossen ist, sieht Gerhard Albinger nur eine Alternative zur Zwangsernährung:

"Wir probieren es halt immer wieder. Also mit allen Mitteln. Man muss irgendwie ein Gefühl entwickeln. Das Kalb ist ja irgendwo auch ein Lebewesen und dann muss man das bisschen streicheln oder drüberfahren und dann so 'die Mutter spielen', und diesen Saugreflex praktisch herausfordern."

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