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StartseiteTag für TagMit Meditation zum Erfolg01.10.2019

Führungskräfte und SelbstreflexionMit Meditation zum Erfolg

Der Münchener Jesuit Michael Bordt will angehende Führungskräfte mit Meditation und Selbstreflexion fit für die Zukunft machen. Dabei setzt er auf die Exerzitien des Ordensgründers Ignatius von Loyola. Es geht ihm um die Frage nach dem Fundament, auf dem wir stehen.

Von Burkhard Schäfers

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Der Jesuit und Philosoph Michael Bordt vor einer Abbildung des Gründers des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola (imago/ HR Schulz)
Führungskräfte-Seminare mal ganz anders: der Philosoph und Jesuit Michael Bordt und seine Akademie Führung und Persönlichkeit (imago/ HR Schulz)
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Maria Sievert hat mit ihrem Partner Dominik Sievert vor zweieinhalb Jahren ein Startup für Medizintechnik gegründet. Schnell wuchs ihre Firma ‚inveox‘ auf mehr als 80 Mitarbeiter an, Investoren gaben mehrere Millionen Euro. Ziemliche Herausforderungen für die 30-jährige Chefin:

"Wir sind ein Startup mit einem großen Wachstum. Jeder hat wahnsinnig viel Arbeit, und es passiert ganz schnell, dass Missverständnisse aufkommen oder Konflikte auftreten. Was wir in der Akademie gelernt haben: Wie verstehe ich mich besser und wie verstehe ich damit auch besser andere Menschen und was sie tun."

Maria Sievert mit ihrem Partner Dominik Sievert. Sie haben das Startup "Inveox" gegründet (Louisa Marie Summer)Maria Sievert mit ihrem Partner Dominik Sievert. Sie haben das Startup "Inveox" gegründet (Louisa Marie Summer)

Die Akademie – das ist ein einwöchiges Seminar für Menschen von Mitte 20 bis Anfang 30, die eine Führungsposition anstreben. In diesen Kursen des Instituts für Philosophie und Leadership der Münchner Hochschule für Philosophie geht es ganz grundsätzlich darum, hinter die eigene Fassade zu blicken, sagt die Wirtschaftsingenieurin.

"Ich war schon immer jemand, auch schon in der Schule, die gern bei Projekten vorausgeprescht ist und mal gerne die Projektleitung übernommen hat. Und mir das auch irgendwie Spaß gemacht hat. Aber sich dessen richtig nochmal klar zu werden, dass fachliche Kompetenz, Projektmanagementkompetenz und Führungskompetenz unterschiedliche Themen sind und man all dies braucht – ich glaube, das war der Aha-Moment, den ich da hatte."

Selbstreflexion für angehende Führungskräfte

In den Seminaren gibt es keine langen Vorträge mit Tipps und Tricks zu guter Führung. Sondern wesentliche Elemente sind Meditation, Yoga und Stille. Die Kurse finden auf Schloss Elmau statt, einem Hotel abgeschieden in den bayerischen Alpen – eine Art weltliche Einsiedelei. Das Konzept beruht auf den Geistlichen Exerzitien, die der Ignatius von Loyola, der heiliggesprochene Gründer des Jesuitenordens, vor knapp 500 Jahren entwickelt hat, sagt Kursleiter Michael Bordt, Professor für Philosophie und selbst Jesuit:

"Der Ordensgründer Ignatius von Loyola hat wohl mal davon gesprochen, dass ein idealer Jesuit ein ‚contemplativus in actione‘ sein sollte. Und genau das wollen wir vermitteln: Auf der einen Seite in Aktion, wirklich tätig, wirklich was reißen im Leben. Aber nicht, indem man noch heftiger ins Hamsterrad tritt, sondern indem man contemplativus ist. Contemplare ist: sich selbst wahrnehmen – indem man einen genauen Blick auf sich selbst hat."

Morgens um sieben eine Stunde Yoga

Menschen in Spitzenpositionen brauchen einen gereiften, stabilen Charakter. Selbstreflexion und die Beschäftigung mit ethischen Fragen führen dazu, dass Chefinnen und Chefs verantwortete Entscheidungen treffen, ist Michael Bordt überzeugt. Deshalb rufen sein Kollege und er die Teilnehmer morgens um sieben zu einer Stunde Yoga. Um acht folgt eine einstündige Einführung in die Meditation – erst danach gibt es Frühstück. Einem kurzen Impuls zum Thema des Tages folgen mehrere Stunden, die die angehenden Führungskräfte in Stille verbringen sollen – ohne Laptop und Smartphone.

Dabei wird es existenziell: Es geht um die Frage nach dem Fundament, das einen trägt. Und nach persönlichen Verletzungen im Laufe des Lebens:

"Stellen Sie sich vor, Sie möchten Marketingchef werden: Dann müssen Sie nach außen glänzen. Ein langweiliger Dödel als Marketingchef – das passt nicht zusammen. Die Frage, die wir dann haben, ist: Warum willst du glänzen? Passt das wirklich zu dir? Oder ist das so zum Beispiel, dass du als Kind sehr früh gespürt hast, dass es deinen Eltern nicht gut ging und du sehr früh die Rolle im Familiensystem eingenommen hast dessen, der immer gut drauf sein muss. Dann denkt man sich: Ich glänze gerne, und werde dann Marketingchef oder Marketingchefin. In der Akademie lernen die Leute, genauer hinzuschauen, warum will ich glänzen – und das zu hinterfragen."

Suche nach dem eigenen Antrieb

Der Gedanke ist: Wer seine Schattenseiten kennt, weiß besser, warum er oder sie etwas tut. Etwa eine Firma zu gründen, eine bestimmte Position anzustreben, so oder so mit Mitarbeitern umzugehen. Ein Prinzip der Ignatianischen Exerzitien ist die sogenannte "Unterscheidung der Geister". Dabei will die Akademie helfen: Lassen sich Führungskräfte von einem diffusen "ich muss" leiten – oder sind sie sich ihrer eigentlichen Motivation bewusst?

"Im Laufe der Woche wird den Menschen immer mehr klar, weil sie immer sensibler für sich selbst werden, dass sie spüren, was das Fundament ihres eigenen Lebens ist. Und ob die Vision ihres Lebens – wie es mal gut sein soll – tatsächlich auf dem Fundament beruht, oder auf irgendwelchen gesellschaftlichen Klischees oder moralischem Druck."

Die Mehrheit der Teilnehmenden sind Naturwissenschaftler, Informatiker oder Ingenieurinnen wie Maria Sievert. Sie besuchte die Akademie für Führung und Persönlichkeit Anfang 2016 – ein Jahr später gründeten die Sieverts ihr medizintechnisches Unternehmen. Die Firma entwickelt Produkte, um Labore zu digitalisieren und so Krebsdiagnosen zu verbessern. Chefs und Mitarbeiter haben also eine große Verantwortung. Durch die im Kurs erlernten Methoden – Meditieren und Reflexion – verstehe sie es immer besser, ihre Angestellten zu führen, sagt die 30-Jährige.

"Es ist tatsächlich so, dass ich gerade jetzt das wieder sehr viel mehr mache. Also unser Hauptstandort ist ja hier in München, wir haben ein zweites Büro in Krakau und gehen jetzt die ersten Schritte in den USA. Gerade da hilft es mir besonders zu sagen, ich nehme mir in der Früh die Zeit, um einem einen Anker zu geben am Tag. Einen kurzen Ruhe-Impuls, um nicht selber total aus dem Rhythmus zu geraten."

"Am Ende sind wir alle Menschen"

Eine der wichtigsten Führungskompetenzen sei es, eigene Schwächen zu zeigen, sagt die Geschäftsführerin. Und wenn es im Team Ärger gibt, das anzusprechen, um dann wieder gut über Sachthemen reden zu können. Das hat Maria Sievert auch aus den Gesprächen mit Konzern-Chefs mitgenommen, die sich in der Akademie für junge Führungskräfte engagieren. So waren bei den Kursen schon Janina Kugel aus dem Siemens-Vorstand oder BMW-Chef Oliver Zipse zu Gast.

"Wenn man studiert und man sieht die großen Vorstände in den DAX-Konzernen, dann bin ich zumindest als Studentin damals davon ausgegangen, dass das natürlich hochprofessionell, extrem sachlich und rational alles abläuft. Aber am Ende sind wir alle Menschen, Emotionen spielen da auch eine Rolle, und es war toll, das mal zu hören von einer Führungskraft eines DAX-Konzerns: Bei uns ist das genauso, und so und so lösen wir dann die Themen."

Heilende Prozesse

"Wenn Herr Zipse kommt von BMW, dann geht’s nicht darum, wie werde ich Vorstand bei BMW. Sondern es geht darum, wie schaffe ich das als Mensch, mit den hohen Anforderungen, die an mich gestellt werden, in dieser Arbeit, klarzukommen. Was ist das Fundament, von dem ich selbst her lebe?"

Nun könnte es naheliegen, dass Jesuit Michael Bordt seinen Kurs-Teilnehmern als Fundament den christlichen Glauben vorschlägt. Tatsächlich aber wird, obwohl die Akademie auf den Ignatianischen Exerzitien beruht, Religion nicht ausdrücklich zum Thema gemacht. Statt von "Sünde" spricht Bordt dann von "Verletzungen".

"Man kann sagen, was wir machen ist Mission. Aber wir missionieren nicht durch Ethik, was ja häufig in der Kirche gemacht wird. Also dass man die moralischen, die ethischen Debatten sucht, um als Kirche Relevanz für die Gesellschaft zu haben, sondern wir vermitteln Spiritualität. Als ich mit diesen Akademien begonnen habe, war ich selber überrascht, wie stark man auch unter Absehung des religiösen Rahmens innere, sehr heilende Prozesse in Gang setzen kann, indem man die Themen der Exerzitien thematisiert, ohne von Gott, Jesus oder dem Heiligen Geist zu sprechen oder Bibeltexte dafür zu nehmen."

Dagegen ließe sich einwenden, hier werde Religion für den wirtschaftlichen Erfolg von Unternehmen missbraucht. Das aber kontert Bordt:

"Wer sich wirklich auf die Meditation einlässt, auf sich selbst, ist sehr schnell damit konfrontiert: Wer bin ich eigentlich wirklich? Was ist eigentlich meine Sehnsucht? Und das steht dann oft in einer sehr großen Spannung zu dem, was ein Unternehmen von einem erwartet."

Und so kann es gehen wie bei einer Teilnehmerin, die von ihren Eltern geschickt wurde, um den letzten Schliff zur Übernahme des Familienunternehmens zu bekommen. Im Laufe des Kurses fällte sie eine folgenreiche Entscheidung: Dagegen, Chefin zu werden – und für eine Karriere als Ballett-Tänzerin.

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