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StartseiteKalenderblattFünf-Gänge-Menü in der Röhre21.01.2012

Fünf-Gänge-Menü in der Röhre

Vor 75 Jahren startete Marcel Boulestin die erste Fernseh-Kochshow

Fernseh-Kochshows boomen, Kochbücher überschwemmen die Ramschtische. Gleichzeitig florieren Fertiggerichte und Fast Food. Dass aber die erste TV-Kochshow ausgerechnet in England erfunden wurde, klingt grotesk. Dabei machte sie gar kein Brite, sondern der Franzose Marcel Boulestin.

Von Beatrix Novy

Rund 50 Fernsehköche babbeln und brutzeln heute allein auf deutschen Kanälen. (AP)
Rund 50 Fernsehköche babbeln und brutzeln heute allein auf deutschen Kanälen. (AP)

"3 Uhr: Neue Pelzmoden – 6 Mannequins, eigens für Fernsehauftritte ausgewählt, zeigen Pelze aus Paris und London."

Mittwoch, 21. Januar 1937: Vor drei Monaten hat die BBC den Fernseh-Betrieb aufgenommen. Für heute vermeldet die Programmbeilage ziemlich beiläufig eine Weltpremiere.

"9.25 : Cook's night out - Der Koch geht aus. Marcel Boulestin wird vor der Kamera zeigen, wie man das erste von insgesamt fünf Gerichten zubereitet, die alle einzeln oder aber zusammen als Fünf-Gänge-Menü serviert werden können. In seiner ersten Plauderstunde demonstriert Herr Boulestin die Zubereitung eines Omelettes."

Dafür hatte er genau eine Viertelstunde – noch waren die Sendezeiten knapp bemessen. Trotzdem schaffte Boulestin in dieser Zeit auch die Zubereitung einer Sauce Hollandaise oder einer baskischen Pipérade. Der erste Fernsehkoch der Welt - ausgerechnet bei der BBC. Das schauderhafte Image der englischen Küche legt es nahe, hinter dem Unternehmen eine erzieherische Absicht zu vermuten. Aber Boulestin, der Franzose aus Poitiers, war keineswegs ein Verächter der englischen Küche.

Schon früh versuchte er seiner Familie Lamm mit Minzsauce nahezubringen – der Erfolg ist nicht überliefert. Aus der Provinz ging Boulestin nach Paris und wurde Künstler – ein Lebenskünstler und Liebhaber des Schönen, der Essays und Romane schrieb, der schwul war, was jeder wusste, der überall hinging und ganz Paris kannte: Schriftsteller, Schauspieler, Musiker und die reichen Müßiggänger, die sich ihnen bei ihren nächtlichen Streifzügen anschlossen. Als er endgültig nach England zog, kannte er natürlich bald auch ganz London.

Nur ein so großer Kommunikator hat das Zeug zum "Promi-Wirt". 1926 eröffnete Boulestin in Covent Garden sein in der Presse gepriesenes Restaurant.

"Ein modern und luxuriös dekoriertes Pariser Restaurant. Der Teppich ist rotweinfarben, die Vorhänge bedruckter gelber Brokat. Über dem Kaminsims das Gemälde eines zum Dinner gedeckten Tischs. ... Gut sichtbar platziert ist eine riesige Flasche Cognac von 1869."

Zwei Jahre lang arbeitete Marcel Boulestin für die BBC, von 1937 bis '39. Er starb 1943 im besetzten Paris. Sein "Almanach der feinen Küche" überlebte bis heute. Sein Lokal nicht.

"Das Boulestin, ein klassisches Restaurant in Covent Garden aus den 20er-Jahren, schließt heute. An seine Stelle kommt ein Pizza Hut",

schrieb 1994 der Independent in einem Aufschrei des Protests. Das Boulestin teilte das Schicksal traditioneller Gewerbe in profitablen städtischen Lagen, die Fast Food- und Fashionketten weichen müssen. Andererseits hat sich die Zahl der guten britischen Restaurants vervielfacht; in den letzten Jahren hat die Häme gegen wässrige Pürees und ungenießbare Pies stark nachgelassen, sogar Pubs ernten heute Michelin-Sterne für ihre Brit Cuisine. Auf der anderen Seite steht die enorme Zunahme übergewichtiger Menschen, besonders in Nordengland, wo frittierte Marsriegel als Delikatesse gelten. Heute kämpft ein Fernseh-Koch wie Jamie Oliver gegen das Erbe einer von Industrialisierung, Armut und Puritanismus geprägten Ess-Unkultur, das getreulich verwaltet wird von der Fast-Food-Industrie. Deutlich spiegeln die Ess-Sitten den Abstand zwischen den Klassen, auch in Deutschland, und Fernsehköche spielen dazu nur die Begleitmusik.

Rund 50 Fernsehköche babbeln und brutzeln heute allein auf deutschen Kanälen. Dass ihre Zuschauer dabei Tiefkühlpizza verzehren, ist schon ein geflügeltes Wort. Auch ein gebildeter Feingeist wie Marcel Boulestin, der seinen Fernsehzuschauern das gute Kochen als einfache Kunst des Alltäglichen vermitteln wollte, würde heute daran nichts ändern können.

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