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Fünf Jahre IOC-Präsident Thomas BachDurchwachsene Bilanz

Vor fünf Jahren wurde Thomas Bach Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Der Olympiasieger im Fechten und Jurist hatte sich viel vorgenommen: nicht weniger als die Glaubwürdigkeit und Integrität der Sportorganisationen wollte er wieder herstellen - mit mäßigem Erfolg.

Von Andrea Schültke

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Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) spricht bei einer Pressekonferenz im südkoreanischen Pyeongchang. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)
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Vor fünf Jahren wurde Thomas Bach Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC). Der Olympiasieger im Fechten und Jurist war am Ziel seiner Träume angelangt. Er hatte sich viel vorgenommen.

"Mehr Nachhaltigkeit und Vielfalt bei Olympischen Spielen, die Glaubwürdigkeit und Integrität der Sportorganisationen und der sportlichen Wettbewerbe, der Ermutigung der Mitglieder mehr an den Entscheidungen des IOC mitzuwirken, und schließlich sich an die Jugend zu wenden mit dem Ziel, sie wieder zu mehr Sporttreiben zu bewegen und den Sport nicht nur zu konsumieren dann am Fernsehschirm oder am PC", all diese Ziele formulierte Thomas Bach nach seiner Wahl in einem Interview.

Er hat wenig erreicht, sagen die Bach-Kritiker. Fest steht, in den vergangenen fünf Jahren hat der IOC durch den Dopingskandal in Russland seine schwerste Krise erlebt. Und Thomas Bach war mittendrin.

Buenos Aires, 10. September 2013 Der scheidende IOC-Präsident Jaques Rogge kündigt seinen Nachfolger an: "The 9th president of the International Olympic Comittee is Thomas Bach."

"Interesse galt dem internationalen Sport"

Der erste Deutsche im Olymp, als oberster Ehrenamtler des Weltsports. Bachs bisheriger Posten als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes wohl nur Mittel zum Zweck. Das vermutete auch Manfred von Richthofen. Der verstorbene, frühere Präsident des Deutschen Sportbundes sagte im Interview vor vor fünf Jahren:

"Sein Interesse galt ja in Wirklichkeit dem internationalen Sport, weniger möchte ich meinen, dem nationalen. Er hat in den letzten Jahren systematisch auf diese Position hingearbeitet."

Etwa als IOC-Vizepräsident. An der Spitze des Weltsports hatte der ehemalige Fechter Thomas Bach viel vor: einfaches Bewerbungsverfahren, Nachhaltigkeit beim Sportstättenbau und neue Sportarten bei den Spielen.

Gute Beziehungen zu Putin

Das Hauptthema der ersten fünf Jahre wurde ein anderes: Doping. Olympische Winterspiele 2014. Die ersten für Bach als IOC-Präsident im russischen Sommerparadies am schwarzen Meer: "Enjoy the Olympic Wintergames in Sotchi 2014", ermunterte er die Athleten und dankte dem Gastgeber Wladimir Putin, zu dem er gute Beziehungen pflegt: "für das große persönliche Interesse, das Sie immer für diese Olympischen Spiele gezeigt haben, (...) das Sie für den Sport zeigen und damit seine Werte transportieren"

Für welche Sport-Werte Russland steht, erfuhr die Welt etwa zwei Jahre später: Putins Reich hatte ein systematisches Doping- und Vertuschungssystem installiert. Grigory Rodchenkov, Leiter des  Moskauer Anti-Doping-Labors hatte den Betrug umgesetzt. Er sagte:

"Wir sprechen hier von einem staatlich unterstützen System, denn die Spitzenathleten waren komplett geschützt, sie konnten nicht disqualifiziert werden. Das bedeutet, sie waren vor Dopingkontrollen in Russland geschützt. Sie waren immer sicher."

IOC-Präsident Thomas Bach und Russlands Präsident Wladimir Putin in Sotschi 2014. (dpa/picture alliance/Vladimir Astapkovich)IOC-Präsident Thomas Bach und Russlands Präsident Wladimir Putin in Sotschi 2014. (dpa/picture alliance/Vladimir Astapkovich)

Zu diesem Zeitpunkt war systematisches Doping in der russischen Leichtathletik schon bekannt: Yulia Stepanova hatte das Ende 2014 in der ARD öffentlich gemacht und belegt. Vor den Olympischen Spielen von Rio 2016 war der Schein von sauberen Spielen endgültig nicht mehr aufrecht zu erhalten.

Dennoch - kaum Konsequenzen: Lediglich die russischen Leichtathleten wurden ausgeschlossen. Alle anderen russischen Sportler durften in Rio starten. Kritik an Thomas Bach und dieser Entscheidung kam aus aller Welt - auch aus Deutschland. Diskus-Olympiasieger Robert Harting sagte: "Für mich ist er Teil des Dopingsystems und nicht des Anti-Dopingsystems."

Der langjährige Sportfunktionär Hans Wilhelm Gäb gab seinen Olympischen Orden zurück und urteilte über das IOC unter Thomas Bach: "Das IOC hat Respekt, Achtung und Autorität verloren. Der Sport hat keine moralische Instanz mehr"

Der Präsident bekam immer mehr Probleme. Da sind Stimmenkauf und Korruption à la FIFA und IOC-Mitglieder, die während der Spiele verhaftet werden, weil sie mit Olympiatickets dealen.

Kaum noch Städte, die die Spiele wollen

Und da sind kaum noch Städte, die Olympische Spiele ausrichten wollten. Für die Winterspiele 2022 etwa blieben nur zwei Städte übrig: Almaty in Kasachstan und Peking. Chinas Hauptstadt bekam den Zuschlag. Vier Städte hatten zurückgezogen in zwei weiteren, darunter München, stimmten die Bürger gegen Olympia.

Ähnliches Bild bei den Sommerspielen 2024: Boston, Rom und Budapest sagten "nein danke", in Hamburg wollte die Bevölkerung das Risiko unüberschaubarer Kosten nicht tragen. Blieben zwei Kandidaten: Paris und Los Angeles. Die wollte Bach beide bei der Stange halten. Daher vor einem Jahr die erste Doppelvergabe Olympischer Spiele: Paris 24, Los Angeles 28.

"Die Welt wird beschissen"

Immerhin zwei Kandidaten aus Demokratien. Probleme mit Menschenrechten wie in Sotchi oder Peking sind wohl eher nicht zu befürchten. Das Thema Doping aber wurde der IOC-Präsident nicht los. Vor den Olympischen Winterspielen im südkoreanischen Pyeongchang in diesem Februar gab Thomas Bach sich gegenüber Russland unnachgiebig:

"Diese systematische Manipulation stellt eine noch nie dagewesene Attacke auf die Integrität der Olympischen Spiele dar. Und deswegen hat das IOC Executive Board heute mit den angemessenen Strafen reagiert". Die da lauteten: keine russische Flagge und Hymne, aber russische Sportler. Für Ines Geipel, Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe, eine Farce:

"Die Welt wird in einer Weise vorgeführt und beschissen, dass man nur staunen kann. Ich halte es für eines der bizarrsten Meisterstücke von Thomas Bach".

"Konflikten aus dem Weg gegangen"

Bei den Winterspielen in Pyeongchang im Februar waren knapp 170 Athleten aus Putins Reich am Start. Sie hießen "Olympische Athleten aus Russland". Fast wären zur Schlussfeier ihre Nationalsymbole wieder erlaubt worden – zwei Dopingfälle bei den Spielen kamen dazwischen.

Auf der Suche nach positiven Nachrichten hat sich der IOC-Präsident als Friendensstifter versucht. Die Teilnahme Nordkoreas bei den Spielen im Land des verfeindeten Nachbarn feierte Thomas Bach als "Meilenstein auf der olympischen Reise, weil der Olympische Geist beide Seiten zusammengebracht hat."

Dass Sport und Politik sich nicht miteinander vermischen – damit ad acta gelegt. "Also er hat als der Weltsportführer aus meiner Sicht keine gravierenden Fehler gemacht. Mit diplomatischem Geschick– wenn ich das so sagen darf – ist es ihm gelungen, ganz großen Konflikten aus dem Weg zu gehen. Es ist ihm gelungen gute Veranstaltungen hinzubekommen. Ansonsten lässt er sich nicht politisch missbrauchen, das finde ich besonders wichtig", meint Willi Lemke, ein Wegbegleiter Thomas Bachs, früher UN-Botschafter für Sport.

"Er kann nicht das Handtuch werfen"

Das Dopingproblem allerdings werde Bach nicht lösen können, räumte der ehemalige SPD-Politiker ein. Und genau so sieht es der IOC-Präsident . Vor drei Wochen im Interview gegenüber CNN Money aus der Schweiz kapitulierte der oberste Sportfunktionär der Welt in aller Öffentlichkeit: "Doping wird immer passieren. Das ist einer der Kriege, die Du nicht gewinnen kannst."

Harsche Kritik bei CNN von Travis Tygart, dem Chef der US-Anti-Doping Agentur: "Der oberste Sportfunktionär kann nicht das Handtuch werfen. Können Sie sich Michael Phelps oder Usain Bolt in einem Olympischen Finale vorstellen, die sagen: 'Ich kann nicht gewinnen'?"

Die sauberen Athleten hätten anderes verdient.

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