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StartseiteSport am WochenendeFür Abi und Olympia26.05.2012

Für Abi und Olympia

Eliteschulen des Sports sollen doppelte Karriere möglich machen

In Deutschland gibt es 39 Eliteschulen des Sports. Alle 39 Einrichtungen erfüllen die Kriterien des Deutschen Olympischen Sportbundes. Junge Leistungssportler sollen hier die Chance bekommen, Training und Schule optimal zu verbinden.

Von Andrea Schültke

Das Schild einer Eliteschule des Sports. (picture alliance / dpa)
Das Schild einer Eliteschule des Sports. (picture alliance / dpa)

Eine kleine Grünanlage im Essener Süden. Ein gepflasterter Weg führt zu einem modernen dreistöckigen Gebäude. Vor dem Eingang fällt der Blick auf die Flagge mit den Olympischen Ringen. Und auf das Schild "Eliteschule des Sports". Was aussieht wie ein Hotel, so einladend und freundlich ist ein Internat. Es gehört zum benachbarten Helmholtz-Gymnasium und ist eine der Säulen der hiesigen Sportförderung.

Vor fünf Jahren wurde das Internat gebaut, mit öffentlichen Mitteln des Landes NRW und der Stadt Essen und mit Hilfe von privaten Sponsoren, wie etwa der Krupp-Stiftung.

Der Rundum-Service für Hochleistungssportler bestehend aus Schule, Internat und benachbartem Schwimmbad mit Mensa hat vor etwa 20 Jahren ganz klein angefangen. Der frühere Schwimm-Weltmeister und Olympiateilnehmer Christian Keller war der erste, der hier versucht hat, Sport und Schule optimal zu verbinden:

"Damals fing alles relativ ungeplant an dass wir damals im Bereich der Aula einen Raum hatten, wo ich Hausaufgaben machen konnte. Und da hatte der Horst Melzer eben einen Kühlschrank hingestellt in diesen Raum und dass ich dann eben nicht die Fahrtwege hatte und konnte von dort aus direkt zum Schwimmbad gehen diese 300 Meter. Das haben andere Schwimmer mitbekommen, das haben Kanuten mitbekommen, am Anfang war ich alleine dann waren wir 12 Leute, der Raum wurde zu klein."

Inzwischen ist aus dem Raum mit Kühlschrank das Internat geworden. 51 Leistungssportler wohnen hier: Schwimmer, Kanuten, Ruderer, Triathleten und Tänzer. Die meisten von ihnen Schüler des wenige Schritte entfernten Helmholtz Gymnasiums.
Einer von ihnen ist Marius Kusch, 18 Jahre alt, Schwimmer.
Bei Schulschuss um zwei Uhr mittags hat Marius schon einen kompletten Arbeitstag hinter sich:

"Normalerweise sieht mein Tag so aus, dass ich um Viertel nach 5 aufstehe, frühstücke ich, um viertel vor 6 beginnt mein Training, dann bin ich um viertel vor 7 fertig, dusche, Internat, gegebenenfalls kann ich noch frühstücken wenn die Zeit reicht und dann muss ich direkt zur Schule."

Die ist jetzt vorbei. Sein Mittagessen bekommt er im wenige Schritte entfernten Schwimmzentrum. Aus der Milchbar früherer Zeiten ist inzwischen eine voll funktionsfähige Mensa geworden. Hier stärkt sich Marius Kusch für sein Training, das zwei Stunden später beginnt.

Training schön und gut, aber die Schule darf nicht darunter leiden, sagt Beate Zilles. Der Schulleiterin des Helmholtz-Gymnasiums ist wichtig, dass die etwa 100 Leistungssportler unter ihren 1000 Schülern das Lernen nicht aus den Augen verlieren:

"Weil wir der Meinung sind, auch wenn wir Leistungssportler haben, wird keiner dieser jungen Menschen allein über den Sport seinen Lebensunterhalt verdienen können, deshalb ist eine schulische berufliche Absicherung ganz wichtig und ich betone nochmals, sie steht für uns im Vordergrund."

Auch Christian Keller hat seine berufliche Ausbildung neben dem Leistungssport ganz bewusst weiter verfolgt, hat nach dem Abitur eine Lehre zum Bankkaufmann gemacht.

"Heute, 7 Jahre nach Beendigung meiner Karriere muss ich sagen, dass es der richtige Weg war, weil ich hab sehr, sehr gutes Geld verdient bei der Bank, verdiene heute sehr gutes Geld hab ne sehr gute Stellung, dass ich das glaube ich mit einem EM oder WM Titel nicht hätte so gut vermarkten können, um auf dem gleichen finanziellen Niveau zu sein wie heute."

Was Marius Kusch beruflich mal machen will, weiß der 18jährige noch nicht. Aber sein sportliches Ziel hat der Silbermedaillengewinner bei der Junioren-EM klar vor Augen:

"Auf jeden Fall die Olympischen Spiele 2016 in Rio."

Als Motivation hängt über dem Bett in seinem Internats-Doppelzimmer die Flagge mit den Olympischen Ringen. Die hat er von Horst Melzer bekommen, dem Geschäftsführer des Internats. Melzer versucht seinen Bewohnern, den 51 Leistungssportlern, den Rücken soweit wie möglich frei zu halten. Motto:

"Schule muss sein, Sport soll aber dadurch nicht verhindert werden."

Melzer weiß, wovon er spricht. Als ehemaliger Schwimmtrainer hat er schon Weltmeistern wie Mark Warnecke und Christian Keller die Wege geebnet - in die sportliche Weltspitze und zum beruflichen Erfolg. Jetzt steht er nicht mehr am Beckenrand sondern wirkt hinter den Kulissen:

"Wir fördern natürlich vorwiegend Amateursportler, olympische Amateursportarten und nach einem Karriereende muss es mit einem qualifizierten Schulabschluss möglich sein, einen guten beruflichen Weg auch zu gehen. Wir haben wichtige pädagogische aber auch gesellschaftliche Aufgabe, wir können nicht sportliche Erfolge abfeiern. Wenn ein junger Mensch bereit ist, diesen Stress auf sich zu nehmen haben wir die Verpflichtung ihnen zu helfen und sie zu unterstützen, dass sie n qualifizierten Schulabschluss bekommen um anschließend auch eine berufliche Karriere zu haben."

Die Eliteschule des Sports soll beides möglich machen. Für wichtige Wettkämpfe oder Trainingslager können die Sportler eine sogenannte Schulzeitstreckung in Anspruch nehmen, erklärt Schulleiterin Beate Zilles:

"Dass man die Schule zwar wahrnimmt, etwas langsamer laufen lässt mit mehr Befreiungen und ein Jahr wiederholt."

Marius Kusch ist bis jetzt ohne Wiederholen ausgekommen. Aber natürlich muss er den verpassten Unterrichtsstoff nacharbeiten, zum Beispiel mit Nachhilfelehrern im Internat.
Das kann er allerdings erst abends tun. Denn der Nachmittag ist für das zweite Schwimmtraining reserviert.
Auf diese Weise kommt für den vielleicht zukünftigen Olympiateilnehmer Marius Kusch locker eine 60-Stunden Woche zusammen, ausgefüllt mit Schule und Sport. So war es auch bei Cristian Keller. Sein Blick zurück:

"Die Medaille hat immer zwei Seiten: ich glaube, ich wäre im Sport besser gewesen, wenn ich den Job nicht gehabt hätte, aber ich wär im Job nicht so gut gewesen, wenn ich das Schwimmen nicht gehabt hätte"

Keller ist gut in seinem Job. Und auch Marius Kusch hat alle Möglichkeiten, gut zu werden - im Beruf und im Sport. Die Grundlage dafür ist das Essener Service-Paket aus Helmholtz-Gymnasium, Sportinternat und Schwimmzentrum mit Mensa. Ohne solche Strukturen - keine Chance auf die sportliche Weltspitze, sagen die Trainer hier. Marius Kusch hat die Chance und will sie nutzen. Ein Teenager mit einer 60-Stunden-Woche:

"Da gehört viel Disziplin zu das kann man auf jeden Fall sagen, aber der Wunsch, den Sport professionell zu betreiben ist unheimlich groß und man möchte ja auch erfolgreich sein."

Und wenn er gegen zehn Uhr abends erschöpft im Bett liegt fällt sein Blick auf die Olympischen Ringe an der Wand. Bis Rio sind es noch 1532 Tage und die meisten davon werden für Marius Kusch morgens um Viertel nach 5 beginnen.

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