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StartseiteCampus & KarriereFür ein besseres Nachtleben17.11.2006

Für ein besseres Nachtleben

Die Initiative "Nightlife und Kultur" in Tübingen

Das studentische Nachtleben in Tübingen ist in Gefahr! Innerhalb eines einzigen Jahres haben gut ein Dutzend studentischer Clubs und Kneipen geschlossen. Das aber wollen viele Studierende nicht mehr länger hinnehmen: "Nightlife und Kultur" heißt die Bürgerinitiative, die einige von ihnen ins Leben gerufen haben. Seither gibt es wieder Hoffnung für das studentische Nachtleben in Tübingen.

Von Thomas Wagner

"Zum Tanzen ist viel zu wenig los in der Stadt." (Stock.XCHNG / heizfrosch)
"Zum Tanzen ist viel zu wenig los in der Stadt." (Stock.XCHNG / heizfrosch)
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"Nightlive und Kultur"

Schlichte Tische und Stühle - an den kahlen Wänden hängen Konzertplakate. Und dennoch ist in der "Tangente Night" mitten in der Tübinger Innenstadt viel los - Kunststück. Denn wo sonst hingehen, fragen sich viele der Studierenden an der Theke?

"Das Kneipensterben ist schon übel, finde ich. Ich finde, man sollte mal etwas ausgefallenes probieren. Es gleicht sich doch alles ziemlich. Mal ein bisschen zielgruppenspezifischer, mal ein bisschen sich was trauen.

Das Problem ist: Wenn eine normale Kneipe zumacht, wird irgend so ein Schicki-Micki-Laden aufgemacht, der der Zielgruppe in Tübingen, wo es doch sehr viele Studenten gibt, nicht angemessen ist. "

"Zum Tanzen zum Beispiel ist viel zu wenig los in der Stadt."

"Auch preislich: Ich finde, das ist eine Studentenstadt. Und dafür sind die Preise relativ hoch. Also in jeder Kneipe, finde ich, könnten sie wirklich mehr Studentenpreise anbieten. Dass der Wein meinetwegen 2,50 statt vier Euro kostet. "

Zu wenig los - immer häufiger stimmen Studierende aus Tübingen dieses Klagelied an. Gleich ein Dutzend Clubs und Kneipen schließen in einem einzigen Jahr.

"Das Problem in Tübingen ist: Tübingen hat mit München den höchsten Mietspiegel in Deutschland. Das wirkt sich sowohl auf jeden einzelnen Studenten und jede einzige Familie aus, weil sie einfach deutlich mehr zahlen müssen wie selbst in Großstädten wie Berlin und Hamburg für eine kleine Wohnung. Genauso spüren das natürlich Kneipiers, Clubbesitzer und so weiter. Was man so hört: Die Pachten für einen Club sind zum Teil doch extrem, und das lässt sich so einfach nicht mehr erwirtschaften."

Holger Kesten studiert an der Uni Tübingen Politikwissenschaft und arbeitet nebenher als DJ, vornehmlich im Kult-Club "Zoo". Doch auch der macht in wenigen Wochen dicht. Doch nun soll Schluss sein mit dem Kneipen-Sterben.

Das jedenfalls ist erklärtes Ziel der studentischen Initiative "Nightlive und Kultur", die Holger Kesten ins Leben gerufen hat. Neben den hohen Mieten in Tübingen kennt er noch weitere Ursachen für den Niedergang des studentischen Nachtlebens: Viele Studierende surfen lieber im Internet, statt in die Kneipe zu gehen. Und dann ist das Studium an sich nicht mehr so "ausgehfreundlich":

"Mein Eindruck ist schon, dass Leute, die den Bachelor studieren, nicht mehr so die Zeit haben im Semester so wie wir als Magister- oder Lehramtsstudenten, einfach mal zu sagen. Ich gehe heute Abend weg, weil ich morgen ja erst spät Uni hab. Oder es ist mir egal, ob ich morgen Uni hab. Dann bin ich halt ein bisschen müde in der Vorlesung. Also wir können uns das leisten mit einem Magister- oder Lehramtsstudiengang, und die Bachelor-Studiengänge scheinen so voll gepackt und überladen zu sein. Ich kenne viele Leute, die sagen: Ich muss lernen, ich muss noch nacharbeiten, vorarbeiten, ich warte, bis die Semesterferien kommen, dann gehe ich wieder mit Dir weg."

Doch an diesem zunehmenden Druck kann die Initiative kaum etwas ändern, wohl aber an den Rahmenbedingungen in Tübingen. Und genau hier setzen Holger Kesten und seine Mitstreiter an. In Gesprächen mit Gemeinderäten und Stadtverwaltung wollen sie was bewegen.

"Es fängt mit den Sperrzeiten an. Es geht weiter: Unser Hauptproblem nach wie vor sind Räume. Es gibt leer stehende Verwaltungsgebäude, es gibt in der Innenstadt auch leer stehende Klinikgebäude in die Innenstadt, weil das Klinikum selbst in neue Gebäude zieht. In unseren Augen muss da die Stadtverwaltung sagen: Okay, wir sehen ein, dass Jugend- und Clubkultur ein Standortfaktor ist - das ist die Hoffnung, dass wir die Gemeinderatsfraktionen darauf verpflichten und verständigen können."

Die ersten Rückmeldungen, so Kesten, geben Anlass zur Hoffnung. Kommunalpolitiker aller Gemeinderatsfraktionen haben grundsätzlich ein offenes Ohr für das Anliegen der Initiative - kein Wunder: Tübingen zählt 85.000 Einwohner. An der Uni sind 23.000 Studierende eingeschrieben. Die stellen ein beachtliches Wählerpotential, was sich jüngst bei der OB-Wahl zeigte: Der Grünen-Kandidat Boris Palmer schaffte auf Anhieb den Sprung auf den Chefessel im Rathaus - unter anderem mit dem Versprechen, sich um die studentische Kneipen-Kultur zu kümmern.

Daneben baut die Initiative auf eine neue Generation von Gastwirten, die weiß, womit sie die Studierenden vom Computer weg in die Kneipen locken kann. Robert Pfrunde hat erst vor ein paar Tagen die "Tangente Night" übernommen:

"Die Trends momentan sind, dass es eher wieder dunkler wird: Sehr viel laute, rockige Musik mit sehr viel Gitarre und auch wieder Live-Konzerte. Ich denke, für normale Clubs, kleine Kneipen: Alles was mit Gitarre produziert wird, in Richtung Independent, ist das, was zählt."

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