Mittwoch, 07. Dezember 2022

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"Für Island nichts Ungewöhnliches"

Geologie. - Als "die ersten echten Daten, aus denen wir etwas lernen können" hat der Vulkanologe Gerhard Wörner von Geowissenschaftlichen Zentrum Göttingen die Ergebnisse des Messflugs beschrieben, mit denen das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt die Vulkanasche-Wolke untersucht hat. Danach seien die Aschepartikel denen im Saharastaub recht ähnlich.

Gerhard Wörner im Gespräch mit Arndt Reuning | 21.04.2010

    Arndt Reuning: Zu Beginn der Sendung widmen wir uns noch einmal dem Vulkanstaub, denn der Eyjafjallajökull in die Atmosphäre gespien hat. Langsam normalisiert sich die Sitation ja wieder, doch die Frage bleibt: Was war denn eigentlich die wissenschaftliche Grundlage für das Flugverbot. Die Ergebnisses des Testflugs mit der Falcon vom DLR liegen seit gestern Abend vor, und vor der Sendung habe ich mit einem Wissenschaftler telefoniert, der sich diesen Bericht angesehen hat, mit dem Vulkanologen Professor Gerhard Wörner vom Geowissenschaftlichen Zentrum der Universität Göttingen. Von ihm wollte ich wissen: Was war denn sein erster Eindruck von diesen Daten, die das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt gesammelt hat?

    Gerhard Wörner: Also ich war überrascht, positiv überrascht. Das sind wirklich die ersten echten Daten, aus denen wir etwas lernen können darüber, was da tatsächlich oben in der Atmosphäre rumfliegt.

    Reuning: In diesem Bericht wurde der Vulkanstaub auch mit feinem Saharasand verglichen. Ist denn das ein treffender Vergleich?

    Wörner: Nun, Saharastaub ist natürlich auch eine Verunreinigung der Atmosphäre. Das hat eine ähnliche Korngröße wie die Asche, die jetzt oben in der Atmosphäre ist. Also das kann man schon miteinander vergleichen. Und tatsächlich haben die Daten, die hier in diesem Bericht sind, genau diesen Vergleich auch gezogen, und da findet man, dass die Körner, die man von der Asche gefunden hat, ungefähr so groß sind wie die größten Körner, die man in den Sandstürmen der Sahara auch nachgewiesen hat.

    Reuning: Das heißt, von beiden Phänomenen geht eine ähnliche Gefährdung aus?

    Wörner: Das kann ich nicht beurteilen, weil ich bin jetzt kein Spezialist für die Turbinen. Ich weiß nur, dass das Material, was aus dem Vulkan herauskommt, einen Schmelzpunkt von ungefähr 1000 Grad hat und der Staub aus der Sahara - das ist etwas anderes Mineral, auch Silikat, aber es hat einen anderen, viel höheren Schmelzpunkt, über 1700 Grad. Welchen Unterschied das nun in den Turbinen macht, das kann ich nun wirklich nicht bewerten.

    Reuning: Aber ein unterschiedliches Material lässt keinen direkten Eins-zu-eins-Vergleich zu.

    Wörner: Ich vermute mal, keinen direkten Eins-zu-eins-Vergleich, aber immerhin hat mich das gewundert, dass die Aschenverteilung so dünn ist und die Korngröße auch so klein ist, dass es tatsächlich in der gleichen Größenordnung liegt wie das, was wir praktisch jedes Jahr einmal haben mit dem Saharastaub.

    Reuning: Wie sieht es denn mit der Homogenität dieser beiden Wolken aus: Ist das auch etwas, was vergleichbar ist?

    Wörner: Die Saharawolken sind viel tiefer. Sie reichen auch hoch, bis einige Kilometer, aber sie reichen vom Boden in diese Höhe, während die Aschewolke in einer relativ gut definierten begrenzten Höhe zwischen 3500 und 4000 Metern jetzt detektiert wurde.

    Reuning: Wenn man jetzt mal diesen Ausbruch mit anderen großen Vulkanausbrüchen in der Geschichte vergleicht: Ist denn dann Vulkanstaub immer gleich Vulkanstaub?

    Wörner: Die sind sich tendenziell sehr ähnlich. In Island gibt es eine Lava, die nennen wir Basaltlava. Das hat eine bestimmte Zusammensetzung. Wenn wir in den pazifischen Raum gehen, dann ist das etwas anders, aber es ist nicht wirklich grundsätzlich anders: Die Schmelzpunkte sind ein bisschen niedriger in den Aschen, die man typischerweise im pazifischen Raum hat. Also da gibt es keinen grundsätzlichen großen Unterschied zwischen den Aschenwolken hier bei uns jetzt und denen, die man regelmäßig auch im Nordpazifik findet, bei Kamtschatka zum Beispiel oder Alaska, wo ja auch die Flieger durchfliegen.

    Reuning: Der Eyjafjallajökull der ja nicht der erste Vulkan, der in der Geschichte der Luftfahrt ausgebrochen ist. Warum ist das bisher denn noch nie so ein großes Problem gewesen?

    Wörner: Nun, es gibt natürlich Vulkanausbrüche überall auf der Welt und immer wieder, und immer wieder gibt es auch die Besorgnis, dass die Flieger in der Luft - weil die ja in der gleichen Höhe fliegen wie die Aschen - darunter gefährdet sind. Die spezielle Situation jetzt in Island ist für einen Geologen gar nicht so speziell. Wenn man einen Studenten im vierten Semester gefragt hätte, wo würden in Nordeuropa möglicherweise große Aschenwolken zu beobachten sein, dann hätte der mit Sicherheit gesagt, Island gehört dazu oder Italien. In Island weiß man nun, dass da relativ häufig Vulkaneruptionen sind. In der Regel sind die glimpflich abgelaufen wie zum Beispiel 1973 Heimaey. Dort ist eine Basalteruption passiert, allerdings war da kein Gletscher in der Nähe. Wenn ein Vulkan unter einem Gletscher ausbricht, dann tritt das Gletscherwasser, was dann durch die Aufschmelzung entsteht, in den Krater hinein, und es gibt diese explosive Förderung von Asche, die man normalerweise, wenn das nur ruhig aus der Spalte fließt, nicht hat. Das ist das Besondere an Island und das ist das Besondere an diesem Ausbruch, den wir hinter uns haben. Aber das ist auch für Island nichts ganz und gar Ungewöhnliches. Es hat 2004 Grímsvötn einen Vulkan gegeben, der direkt unter dem großen Gletscher von Island eruptiert ist. Da ist die Wolke nur nach Nordosten gedriftet und keiner hat sich drum gekümmert, weil da keine Flieger durchgehen.