Dienstag, 16. April 2024

Fukushima
Das Wasser strahlt so wenig, dass man es trinken könnte

Das aufbereitete Kühlwasser aus der Atomruine Fukushima wird ins Meer geleitet. Ist das wirklich so ungefährlich, wie die japanische Regierung angibt? Ja, sagt eine Medizinphysikerin: Abgesehen vom Salzgehalt könne man das Wasser bedenkenlos trinken.

24.08.2023
    Eine Luftaufnahme zeigt Wassertanks am Atomkraftwerk Fukushima 1.
    Wassertanks am Atomkraftwerk Fukushima 1. (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Takuya Matsumoto)
    Rund zwölf Jahre nach der Katastrophe im Atomkraftwerk Fukushima hat Japan am 24. August damit begonnen, Kühlwasser aus der Anlage ins Meer zu leiten. Der Betreiberkonzern Tepco gab bekannt, dass um 13.03 Uhr Ortszeit mit dem Ablassen des Wassers in den Pazifik begonnen wurde. Durch einen extra gebauten, einen Kilometer langen Tunnel leitete das Unternehmen den ersten Schub an aufbereitetem Wasser in den Ozean ein. Es geht um mehr als 1,3 Millionen Tonnen Kühlwasser.

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    Es gebe keinen Grund zur Besorgnis, sagt die japanische Regierung. Auch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) hat keine Einwände gegen das Vorgehen. Bedenken gibt es dennoch. Insbesondere, aber nicht nur die Fischer aus der Region machen sich Sorgen, sie fürchten außerdem Umsatzeinbußen. China hat nach Beginn der Einleitung bereits die Einfuhr von Fischereiprodukten aus Japan gestoppt. Auch die Umweltorganisation Greenpeace Japan kritisiert das Vorgehen als „falsche Lösung“ und spricht von einer „jahrzehntelangen, absichtlichen radioaktiven Verschmutzung der Meeresumwelt“. Wie sicher oder gefährlich ist es tatsächlich, das aufbereitete Wasser aus Fukushima ins Meer zu leiten?

    Inhaltsverzeichnis

    Woher kommt all das Wasser, das jetzt ins Meer abgeleitet wird?

    Nach dem Reaktorunfall in Fukushima wurde zunächst Wasser benötigt, um die Kernreaktoren zu kühlen. Bis heute wird kontinuierlich neues Wasser in die zerstörten Reaktoren gepumpt. „Man nutzt weiterhin Wasser, um einfach auch die Strahlung, die weiterhin von den Kernreaktoren ausgesendet wird, abzuschirmen“, erklärt die Medizinphysikerin Lorena Hentschel von der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS).
    Dem Betreiberkonzern Tepco geht nun langsam der Platz zum Lagern des radioaktiv belasteten Wassers aus. In Fukushima lagern inzwischen mehr als 1,3 Millionen Tonnen davon. Es füllt mehr als 1000 Tanks und könnte 500 olympische Schwimmbecken füllen.
    „Man hätte jetzt sagen können, man lagert das Wasser einfach auf dem Betriebsgelände weiter. Allerdings möchte man auch umgehen, dass das Wasser unkontrolliert – durch beispielsweise weitere Tsunamis oder Erdbeben – in die Umwelt gelangt“, erklärt die Strahlenschutzexpertin. Daher habe man sich für die Aufbereitung und Einleitung des Wassers ins Meer entschieden.

    Ist das Wasser aus Fukushima nicht radioaktiv belastet?

    Bevor das radioaktiv belastete Wasser im Meer landet, wird es gefiltert und verdünnt. Es durchläuft einen Reinigungsprozess, „sodass viele verschiedene, fast alle Radionuklide aus dem Wasser extrahiert werden können“, erklärt Hentschel. Durch diese Aufbereitung werden am Ende festgelegte Grenzwerte für diese radioaktiven Stoffe unterschritten. "Man extrahiert nicht bis auf null jedes einzelne Radionuklid. Das ist nicht machbar."
    Ein bestimmtes Radionuklid lässt sich allerdings nicht ausreichend aus dem Wasser entfernen: Tritium, radioaktiver Wasserstoff. Aus diesem Grund werde das aufbereitete Wasser so weit mit Meerwasser verdünnt, bis es nur noch eine sehr geringe Tritium-Konzentration enthalte, erläutert Hentschel. Erreicht werde ein Siebtel dessen, was die Weltgesundheitsorganisation als Grenzwert für Trinkwasser empfehle. „Das könnten Sie aus Strahlenschutzsicht trinken“, sagt Hentschel. Allerdings sei es durch das enthaltene Meerwasser natürlich sehr salzig.

    Woher weiß man, dass das Ableiten wirklich sicher ist?

    Viele Kernkraftwerke leiten tritiumhaltiges Wasser ins Meer oder auch in Flüsse ab. „Das ist kein Konzept, das sich der Betreiber neu ausgedacht hat“, betont Lorena Hentschel von der GRS. Die Menge, die jetzt in Fukushima pro Jahr ins Wasser gelange, sei ungefähr dieselbe, wie jene, die das Kernkraftwerk schon vor dem Unfall ins Meer geleitet habe.
    Die IAEA überwacht die Einleitung des Wassers in den Pazifik zudem vor Ort mit einem Team von Fachleuten. Beim bislang eingeleiteten Wasser aus dem zerstörten japanischen Atomkraftwerk hat die Organisation nach eigenen Angaben nur ein unbedenkliches Niveau an Radioaktivität gemessen.

    Wie gefährlich ist Tritium?

    Im Vergleich zu anderen Radionukliden wie Cäsium oder Strontium sei Tritium relativ unbedenklich, sagt Medizinphysikerin Hentschel. Denn zum einen hat Tritium eine eher kurze biologische Halbwertszeit: Während Cäsium und Strontium sich jahrelang im Körper anlagern, wird Tritium, das man einatmet oder über die Nahrung aufnimmt, nach relativ kurzer Zeit wieder ausgeschieden.
    Als sogenannter weicher Betastrahler geht von Tritium zudem nur eine eher energiearme Strahlung aus. "Und wenig Energie macht auch erst mal tendenziell wenig Schaden", sagt die Strahlenschutzexpertin. Betastrahlung könnten wir zudem durch unsere Hautschicht abschirmen. Tritium, das sich außerhalb unseres Körpers befinde, sei daher eigentlich nicht relevant.

    jfr, Jasper Barenberg, dpa, rtr, AFP