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StartseiteUmwelt und VerbraucherFukushima: Wettlauf gegen die Zeit18.03.2011

Fukushima: Wettlauf gegen die Zeit

Wasser verdampft aus Abklingbecken der Reaktoren

Wissenschaftsjournalist Sönke Gäthke nennt die Zeitnot das größte Problem, um die Reaktorkatastrophe in Japan einzudämmen. Ferner geht er auf ein mögliches kerntechnisches Regelwerk in Deutschland ein, das neue Grundsätze für die Atomkraftwerke festsetzen könnte.

Sönke Gäthke im Gespräch mit Georg Ehring

Der beschädigte Reaktorblock 4 im Kraftwerk Fukushima 1. Weißer Rauch steigt aus Block 3. (Bild vom 15.3.2011) (AP/Kyodo/Tepco)
Der beschädigte Reaktorblock 4 im Kraftwerk Fukushima 1. Weißer Rauch steigt aus Block 3. (Bild vom 15.3.2011) (AP/Kyodo/Tepco)

Georg Ehring: Der Kampf zum Stopp der Reaktorkatastrophe in Japan ist ein Wettlauf gegen die Zeit, so die Einschätzung des Chefs der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Yukiya Amano. Die Arbeiten machten aber Fortschritte, doch ob sie schnell genug kommen, das ist die Frage. Eine Antwort darauf weiß vielleicht Sönke Gäthke aus unserer Forschungsredaktion. Herr Gäthke, die Japaner stufen die Ereignisse in Fukushima jetzt höher ein als bisher. Warum ist der Zeitfaktor eigentlich so kritisch?

Sönke Gäthke: Der Zeitfaktor ist so kritisch, weil jetzt das Wasser aus den Abklingbecken verdampft. Die Abklingbecken, das sind im Prinzip riesengroße Pools, oben an der Spitze der Reaktoren, wo die abgebrannten Brennelemente drin sind. Die erzeugen immer noch sehr viel Hitze, wenn sie einmal aus dem Reaktor rausgeholt worden sind, und müssen da zum Teil in diesen Pools jahrelang drin bleiben. Bei zwei Reaktoren, dem Reaktor 3 und dem Reaktor 4, sind die jetzt an der freien Luft. Das heißt, das Wasser kann da oben rausdampfen, und wenn da das Wasser abgesunken ist und die Brennelemente freiliegen, dann kann es zu unvorhergesehenen Reaktionen kommen. Dann können Feuer ausbrechen, dann kann ein sehr großer Bereich des Landstriches verstrahlt werden, und deswegen kämpfen da im Augenblick alle darum, um Gottes Willen da wieder Wasser reinzubekommen.

Ehring: Und besteht denn die Chance, dass das klappt?

Gäthke: Das ist wirklich die Frage. Es sind sehr große Wassermengen normalerweise in diesen Abklingbecken drin. Es ist die Frage, ob man mit den Wasserwerfern wirklich das wieder auffüllen kann.

Ehring: Die Bundesregierung hat offenbar Pläne zur Nachrüstung der deutschen Atomkraftwerke. Packt das denn die wesentlichen Sicherheitslücken in Deutschland an, so weit bisher bekannt?

Gäthke: So weit bekannt ist, ja. Es gibt natürlich erst einmal in diesem Papier die Forderung, jetzt auch in Deutschland Erdbeben und mögliche Flutkatastrophen noch mal durchzuprüfen. Aber es gibt auch eine ganze Reihe von Detailforderungen, die wirklich ans Eingemachte gehen: zum Beispiel an die Frage, was passiert eigentlich, wenn ein Flugzeug auf die Reaktoren abstürzt? Dann müssten die Notstrom-Aggregate in Bunker gelegt werden, dann müssten die ganzen Kühlleitungen in Bunker gelegt werden. Das ist bei kaum einem deutschen Reaktor der Fall. Es müssen Notleitwarten her. Die Notstromversorgung soll auf mindestens 72 Stunden ausgelegt werden. Nach den Erfahrungen von Fukushima ist das durchaus sinnvoll und notwendig. Und es muss vor allen Dingen die IT der Atomkraftwerke geschützt werden, damit nicht solche Würmer wie zum Beispiel Stuxnet anfangen, dort die Leitstände durcheinanderzubringen. Das Spannendste aber an dieser ganzen Geschichte ist: es soll unmittelbar und sofort das lange Jahre lang entwickelte neue kerntechnische Regelwerk in Kraft gesetzt werden. Fünf Jahre lang haben Experten in Deutschland dieses kerntechnische Regelwerk entwickelt, das neue Grundsätze für die Atomkraftwerke, für die Sicherheit in Atomkraftwerken festhalten soll, und bis jetzt wurde es noch nicht in Kraft gesetzt.

Ehring: Und wenn das in Kraft gesetzt würde, was ändert sich dann?

Gäthke: Es ändert sich vor allen Dingen daran, dass man jetzt erst einmal versucht, sämtliche Kraftwerke mit einem gleichen Maßstab zu messen. Das hat man bis jetzt auch noch nicht gemacht. Man hat bislang immer so geguckt, wie alt ist das Kraftwerk, was lohnt sich noch, was nicht, und mit dieser Liste würde man tatsächlich zum ersten Mal alle Kraftwerke mit einem Maßstab messen.

Ehring: Das könnte ja dann auch heißen, dass alte Kraftwerke sich gar nicht mehr rechnen, weil dort zu viel investiert wird?

Gäthke: Mit Sicherheit. Man vermutet, dass dann schon mal die vier ältesten vom Netz gehen müssten. Man vermutet auch, dass Neckarwestheim 2 wegen seiner Erdbebensicherheit nicht mehr wieder ans Netz dürfte. Man vermutet auch, dass Biblis, die Biblis-Kraftwerke zum Beispiel nicht wieder ans Netz dürfen, weil die keinen Notleitstand haben und es sehr teuer würde, den nachzurüsten.

Ehring: Hat das ganze denn eine Chance, auch umgesetzt zu werden?

Gäthke: Das ist jetzt die große Frage. Es hat eine gute Chance, so eins zu eins umgesetzt zu werden, wenn es denn in der Öffentlichkeit bleibt, wenn zum Beispiel der Bundestag über diese Liste abstimmen würde und dann die Bundesverwaltung selber darüber wachen würde, dass diese Liste auch wirklich untersucht wird. Wenn das ganze jetzt aber wieder in Gremien geht, die nicht direkt irgendwem verantwortlich sind, dann besteht die große Gefahr, dass diese Liste verwässert wird, verschwindet, und irgendwann bleibt dann doch alles so, wie es war.

Ehring: Herzlichen Dank, Sönke Gäthke.

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