Mittwoch, 25. Mai 2022

Funktionärssiedlung Wandlitz
"Das wievielte Internierungslager, in dem ich lebe?"

23. November 1989. Das Jugend-Magazin des DDR-Fernsehens, Elf 99, berichtet aus dem Funktionärsgetto Wandlitz:

23.11.2014

Ein Kamerateam dreht am 23.11.1989 auf dem Gelände der so genannten Waldsiedlung Wandlitz nördlich von Berlin. Die Siedlung mit 23 Häusern wurde nach den Ereignissen in Ungarn 1957 für die in Berlin ansässigen Mitglieder und Kandidaten des Politbüros des ZK der SED errichtet, war seit 1958 bewohnt und für normale Bürger der DDR gesperrt. Das streng bewachte und mit Mauern und Zäunen umgebene Areal konnte Ende November 1989 erstmals von Journalisten besichtigt werden.
Ein Kamerateam dreht am 23.11.1989 auf dem Gelände der so genannten Waldsiedlung Wandlitz (picture alliance/dpa/ADN Zimmermann)
"Als wir schon dachten, dass uns niemand mehr begegnen würde, da kam ein Rentner-Ehepaar des Wegs."

Reporter: "Guten Tag, Kurt Hager."

Hager: "Guten Tag."

Reporter: "Guten Tag, Frau Hager. Sie sind die ersten Bewohner von der Waldsiedlung, die wir hier treffen."

Hager: "Das ist ein ganz seltenes Ereignis, dass man hier jemand trifft."

Reporter: "Haben Sie ein ungutes Gefühl, wenn die Journalisten hier durchgeführt werden, wie zu einer Besichtigung?"

Hager: "Nein. Im Gegenteil: Ich bin dafür, dass man endlich genaue Kenntnis nimmt von dem, was wirklich in Wandlitz ist. Wir würden jeden Tag ausziehen, wenn Sie mir eine Wohnung geben können, eine Dreizimmerwohnung oder was."

Reporter: "Ich kann Ihnen nur meine Einraumwohnung anbieten, das wär vielleicht ein bisschen eng."

Hager: "Ja, das ist für uns beide auch möglich, warum nicht. Wir sind ja jetzt Rentner. Etwas bitter gesagt ist das - ich weiß nicht, das wievielte Internierungslager, in dem ich lebe? Das erste Lager war das KZ Heuberg, 1933."

Reporter: "Ist das nicht 'ne Tragik für 'nen alten Kommunisten, das hier als ein Internierungslager ...?"

Hager: "Natürlich. Ich spreche deshalb von einem Internierungslager, weil ich's mir wünsche angesichts der Hetze, die überall getrieben wird, dass man das als Internierungslager erklärt. Vielleicht merken dann einige, wo wir eigentlich hingekommen sind."