Dienstag, 23.07.2019
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteCampus & Karriere"Man kann nicht richtig teilhaben"07.05.2019

Funktionale Analphabeten "Man kann nicht richtig teilhaben"

Buchstaben und Wörter erkennen, aber einen ganzen Text nicht verstehen - so geht es laut der LEO-Studie über sechs Millionen Menschen in Deutschland. Ein Grundbildungskurs kann helfen. "Das hat mir unheimlich viel Kraft gegeben", sagte Kerstin Goldenstein von der Selbsthilfegruppe "Wortsalat" im Dlf.

Kerstin Goldenstein und Susanne Barth im Gespräch mit Thekla Jahn

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eine Teilnehmerin des Alphabetisierungskurses sitzt am 30.08.2016 im Klassenzimmer der VHS Erfurt (Thüringen).  (dpa / picture alliance / Andreas Göbel)
6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht richtig Deutsch lesen und schreiben, geht aus der LEO 2018-Studie hervor (dpa / picture alliance / Andreas Göbel)
Mehr zum Thema

Eine frühere Analphabetin erzählt "Man betrügt sich ja selber das ganze Leben"

Analphabetismus Leben mit einem Schamgefühl

Kinderbuchautorin Boie über die Petition "Jedes Kind muss lesen lernen"

Thekla Jahn: Welche Erfahrung machen Betroffene und Mitarbeiter in Projekten, in denen Erwachsene die fehlende Grundbildung nachholen sollen? Dazu habe ich vorab mit Susanne Barth gesprochen. Sie ist Projektmitarbeiterin bei einem Bildungsträger in Trier: "Knotenpunkte für Grundbildung" heißt er. Und mit Kerstin Goldenstein habe ich gesprochen, die in der Selbsthilfegruppe "Wortsalat" in Trier aktiv ist. Sie selbst hat im Erwachsenalter Kurse "Deutsch für Deutsche" besucht. Und ich habe sie gefragt, ob sich beim Schreiben für sie mittlerweile kein Wortsalat mehr ergibt und sie locker im Internet surfen kann?

Kerstin Goldenstein: Also im Internet surfen kann ich auf jeden Fall. Ich konnte niemals so gut schreiben. Also ich mache unheimlich viele Fehler, und das mache ich auch heute noch, und das wird sich vielleicht auch nie mehr ändern, aber damit muss man auch lernen umzugehen.

Jahn: Das heißt, Sie haben sich nicht wirklich ausgeschlossen gefühlt.

Goldenstein: Jein, teilweise. Teilweise ja und teilweise nein. Das kommt immer drauf an. Ich habe auch einen Partner. Wir sind sehr offen damit umgegangen, und dann kann man das recht gut kommunizieren. Wenn Sie jetzt aber alleine sind und haben niemanden, dann haben Sie wirklich ein Problem.

Jahn: Worin besteht das hauptsächlich?

Goldenstein: Und zwar besteht das Problem hauptsächlich, wenn Sie nicht richtig lesen und schreiben können, dass Sie dann nicht richtig teilhaben können, wenn Sie das nicht verstehen, was Sie lesen, und niemanden fragen können, wie die Zusammenhänge sind oder so. Natürlich kann auch jemand, der nicht gut lesen und schreiben kann, sich im Radio oder auch im Fernsehen Nachrichten anhören und gucken, und das macht schon sehr viel aus, und auch dann kann man etwas mitreden.

Ausbildung möglich

Jahn: Aber nicht so, wie man es könnte, wenn man gut lesen und schreiben kann. Susanne Barth, Sie sind Mitarbeiterin im Projekt Knotenpunkte für Grundbildung in Trier. Wie stark beeinträchtigt eine mangelnde Lese- und Schreibkompetenz die Menschen, wie ist Ihre Erfahrung? Sie haben mit sehr unterschiedlichen Menschen, die alle ein ähnliches Problem haben, zu tun.

Susanne Barth: Die Problematik zeigt sich natürlich sehr individuell. Es gibt betroffene Menschen wie Kerstin Goldenstein zum Beispiel, die doch recht gut so durch das Leben gekommen sind, die auch eine Ausbildung gemacht haben. Das sehen wir auch an den Statistiken, also es sind doch über 55 Prozent der Leute in Arbeit, sind erwerbstätig. Das heißt, die Betroffenen kommen einigermaßen gut durch das Leben.

Das Schwierige ist, finde ich, dass es ganz schön viele Talente und Stärken gibt dieser Menschen, die sich nicht richtig zeigen können, die zurückgehalten werden und dazu führen, dass die Leute sich aus Scham zurückhalten, zum Beispiel wenn es darum geht, befördert zu werden, und da, glaube ich, gibt es noch viele Stärken, von denen es schön wäre, wenn sie in der Gesellschaft auch besser präsent wären.

"Wir gehen über Mitwisser, über die Familie"

Jahn: Die aktuelle LEO-Studie, die hat ja ganz erstaunliche Ergebnisse. Mehr als eine Million Menschen weniger, die kaum oder gar nicht lesen und schreiben können. Das ist eine gute Bilanz der Bildungsarbeit in Deutschland in den vergangenen sieben Jahren. Aber es sind immer noch 6,2 Millionen Menschen zu viel. Wie können Sie Menschen erreichen als Bildungsträger, die kaum oder gar nicht lesen und schreiben können? Sie können ja meistens dann auch Anzeigen nicht lesen, keine Informationen lesen zu den Bildungsangeboten, die es gibt.

Barth: Genau, das ist eine gute Frage. Ich würde sagen, es gibt da keinen goldenen Weg. Sehr hilfreich ist es aber, einen breiten Ansatz zu wählen und Lernangebote so zu gestalten, dass sie flexibel sind und mobil, dass zum Beispiel die Lernbegleitungen jetzt nicht an einem Ort stattfinden müssen, sondern an verschiedenen Orten in den Städten möglich sind, also in Lerncafés oder auch in einem privateren Umfeld. Das wäre der eine Punkt. Der andere Punkt ist, dass wir über die Mitwisser gehen, über das familiäre Umfeld, dass wir schon auch Anzeigen schalten, in der Hoffnung, dass das Familienangehörige sehen und diese Mitteilungen dann auch weiterleiten können.

Jahn: Kerstin Goldenstein, Sie sind aktiv in der Selbsthilfegruppe Wortsalat. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, was hilft Menschen, die gar nicht oder nur mühsam lesen und schreiben können, am meisten?

Goldenstein: Als erstes hilft ihnen natürlich die Kurse in der VHS. Bei uns hier in Trier gibt es Kurse Deutsch für Deutsche, und die sind für uns auch umsonst. Also man muss sich da nur anmelden, und dann kann man dahingehen.

"Es gibt ja nicht nur Analphabeten" 

Barth: Ja, und die Lernangebote, die sind auch jeweils angepasst an die verschiedenen Lernniveaus. Insofern ist natürlich jemand, der wirklich Probleme noch hat auf Buchstabenebene oder auf Wortebene, dass der noch mal anders arbeitet als jetzt ein Lerner, der schon recht gut lesen kann, aber noch Probleme mit dem Schreiben hat.

Goldenstein: Darf ich dazu noch was sagen? Und zwar möchte ich sagen, man kann nicht davon ausgehen, dass jeder Lerner, der da ist, einfach gar nicht richtig lesen und schreiben kann. Man muss davon ausgehen, dass es ganz viele Menschen gibt, die einfach Probleme damit haben. Es gibt ja nicht nur, dass die alle Analphabeten sind oder fast gar nicht lesen und schreiben können.

Jahn: Was hat Sie motiviert?

Goldenstein: Ein Kurs, das hat mir unheimlich viel Kraft gegeben, auch weil man merkt, dass es noch ganz viele Menschen mit diesem Problem gibt, dass man wirklich nicht der einzige ist, und dass man, wenn man dahingeht, viele Mitstreiter findet, und dieser Zusammenhalt ist einfach toll.

Jahn: Motivierende Worte von Kerstin Goldenstein von der Selbsthilfegruppe Wortsalat, und Informationen von Susanne Barth vom Projekt Knotenpunkte für Grundbildung in Trier. Herzlichen Dank Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk