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StartseiteUmwelt und VerbraucherFunktionieren Mischwälder besser als Monokulturen?29.05.2006

Funktionieren Mischwälder besser als Monokulturen?

Göttinger Doktoranden zählen Waldbewohner

Die Holzindustrie schätzt die Monokultur, Naturschützer finden Mischwälder besser. Sie seien stabiler als monotone Baumplantagen und böten Lebensraum für mehr Tier- und Pflanzenarten, so ihre Meinung. Eigentlich ist es erstaunlich, dass es dafür nur wenige abgesicherte wissenschaftliche Belege gibt. Das Zentrum für Biodiversität an der Universität Göttingen will diese Lücke schließen, es hat Doktoranden in den Nationalpark Hainich geschickt, dort zählen sie jetzt Insekten, Orchideen und andere Waldbewohner. Heraus kommen sollen neue Empfehlungen für Forstwirtschaft und Naturschutz.

Von Elke Drewes

Insekten, Orchideen und andere Waldbewohner sollen erfasst werden. (Stock.XCHNG / Michal Dobrotka)
Insekten, Orchideen und andere Waldbewohner sollen erfasst werden. (Stock.XCHNG / Michal Dobrotka)

In dem abgegrenzten Areal des Nationalpark Hainich sieht es aus wie in einem Forschungslabor: In den Baumkronen hängen Insektenfallen, im laubbedeckten Boden stecken Trichter, um die Streu aufzufangen. Stromkabel schlängeln sich über den Waldboden. Doktorand Tobias Gebauer spickt eine Buche mit kleinen Sensoren.

"Um den Wasserfluss im Stamm zu messen. Da kann man hoch rechnen, wie viel die Buche am Tag oder im Jahr verbraucht. Mein Teil ist zu gucken, ob artenreiche Wälder mehr oder weniger Wasser verbrauchen als Monokulturen wie Buche. Je schneller das Wasser fließt, desto mehr steigt den Baum hinauf und verdunstet in der Atmosphäre. "

Es war für die Forscher nicht einfach, einen Wald zu finden, in dem sich unterschiedliche Baumbestände miteinander vergleichen lassen: zum einen eine Monokultur aus Buchen und zum anderen Mischwälder mit Buche, Esche, Linde, Ahorn und Hainbuche. Hermann Jungkunst vom Zentrum für Biodiversität an der Uni Göttingen koordiniert das Forschungsprojekt.

" Das ist das Schwierige: es müssen die Rahmenbedingungen gleich sein: der Boden, was äußerst schwierig ist, und das Klima. Hier ist ein Bestand, seit 50 Jahren ungenutzt und auch das Totholz liegen gelassen. "

Das Forschungsprojekt zur Artenvielfalt im Wald ist vor einem Jahr gestartet. Die Wissenschaftler haben schon einige Pflanzen- und Insektenarten gezählt und festgestellt: Im Mischwald wachsen mehr Kräuter, Anemonen, Orchideen und andere Pflanzenarten als in Buchenmonokulturen. Auch bei den Insektenarten gab es deutliche Unterschiede: im Mischwald graben mehr Asselarten den oberen Waldboden um. Außerdem untersuchen die Wissenschaftler, ob Wälder den Klimawandel aufhalten können. Denn Bäume nehmen das Treibhausgas CO2 auf und wandeln es um in Zucker und Zellulose.

" Der Anstieg der CO2 Konzentration in der Atmosphäre ist nicht so schnell wie er sein müsste anhand der Mengen, die wir verbrennen an Kohle und Erdöl. Die einzige Möglichkeit ist die, dass die Pflanzen, v.a. die Bäume das CO2 stärker aufnehmen als vorher. Also die kriegen mehr Stickstoff und CO2, wachsen deshalb auch schneller. Aber die Gefahr dabei ist, dass sie schneller wachsen, aber dadurch kann das Holz anfälliger für Sturmbruch sein."

Eine Arbeitsgruppe vom Institut für Bodenkunde und Waldernährung an der Uni Göttingen untersucht den Kohlenstoffgehalt im Waldboden. Erste Ergebnisse zeigen, dass Buchenmonokulturen ähnlich viel Kohlenstoff binden wie der Mischwald, dass es aber sehr wohl einen Unterschied gibt, wo im Boden der Kohlenstoff abgelagert ist: in den oberen Bodenschichten oder schon als gut umgesetzter Humus im Mineralboden. Der Leiter der Arbeitsgruppe Professor Heiner Flesser.

" Der Mischwald hat eine höhere Aktivität, kann den Kohlenstoff noch besser in den Mineralboden einbringen. Dort werden wir mehr Regenwürmer finden. Das liegt daran, dass die Streu, die von den Mischbeständen auf den Boden fällt nährstoffreicher ist. Das wird schneller in den Boden eingemischt. "

Mischwälder binden also das Treibhausgas CO2 länger und stabiler als Monokulturen. Aber das Klimaproblem lösen- das kann der Wald nicht.

" Denn das eigentliche Problem liegt darin, dass unser Verbrauch an fossilen Energieträgern zu hoch ist. Wenn man das in Relation setzt, was der Wald pro Jahr fixieren kann, sind nur 3-4 Prozent von dem, was wir emittieren. D.h. der Wald kann hier in Deutschland nicht die Lösung des Klimaproblems sein. "

Trotzdem sollten die Waldbestände gehegt und gepflegt werden, sagt der Wissenschaftler. Denn Bäume und Waldboden binden große Mengen an Kohlenstoff über Jahrzehnte und Jahrhunderte. Insgesamt ist das Göttinger Forschungsprojekt zur Biodiversität im Wald auf 9 Jahre angelegt. Danach wollen die Wissenschaftler der Forstwirtschaft Empfehlungen geben für den Anbau von Wirtschaftswäldern.

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