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Fußball
Altstars sind gut fürs Geschäft

Der Schweinsteiger-Wechsel in die USA illustriert, wie die amerikanische Profiliga wirtschaftet: Man setzt auf den Bau eigener Stadien, auf Spieler im Vorruhestand und auf eine Wachstumsphilosophie mit demnächst insgesamt 28 Klubs.

Von Jürgen Kalwa | 01.04.2017

Bastian Schweinsteiger ist zum Karriereende zum US-Club Chicago Fire gewechselt.
Der Wechsel von Bastian Schweinsteiger zu Chicago Fire: symptomatisch für die Wirtschaftsstrategie der US Major League Soccer. (Imago)
Wer wissen will, wie es dieser Tage dem amerikanischen Profi-Fußball geht, sollte in den Nordwesten der USA reisen. Dorthin, wo an einem grauen Dezembernachmittag im letzten Jahr Fußballfans der Seattle Sounders eine Siegesparade abhielten, wie es sie in den USA noch nicht gegeben hatte. Zehntausende strömten in die Innenstadt.
Der Klub hatte wenige Tage zuvor zum ersten Mal die Meisterschaft gewonnen und die tief sitzende Begeisterung weiter angestachelt. Kein Team hat mehr zahlende Fans. Im Schnitt kommen zu Heimspielen mehr als 40.000 Zuschauer.
Die Liga, vor etwas mehr als 20 Jahren gegründet, macht auch anderswo im Land Forschritte. Nur an der Spielerpipeline hapert es. Weshalb immer wieder ältere Herren von Rang und Namen aus fernen Ländern importiert werden. Wie Bastian Schweinsteiger, bereits der elfte Fußball-Weltmeister in der Liga.
Der wurde am Mittwoch bei einer Pressekonferenz präsentiert: "Ich bin 32 Jahre alt. Und ich bin bereit. Hoffentlich haben wir schon bald die richtigen Ergebnisse. Ich mag es nicht, zu verlieren oder unentschieden zu spielen.”
Sieg oder Niederlage - das ist genaugenommen gar nicht so wichtig. Denn ein Fußballer, der einen Vertrag mit Major League Soccer hat, gehört nur nominell zu einem Team. Das juristische Grundgefüge besagt: Schweinsteiger ist im Prinzip mit seinem Vertrag über 4,5 Millionen Dollar im Jahr Angestellter der ganzen Liga. Denn die gehört den Klubbesitzern zu gleichen Teilen. Eine Struktur, die sich "single-entity” nennt.
Besonderheiten zum der Major League Soccer
Mit Besonderheiten, die zunehmend Stirnrunzeln provozieren: So gibt es keinen Abstieg und Aufstieg, weshalb auch kein ernsthafter Wettbewerb existiert. Alle Spieler, außer den importierten Superstars, können hin- und hergetauscht werden, aber im Gegenzug nicht frei bestimmen, wo sie spielen. Und es gibt eine krasse Zweiklassengesellschaft. Spitzenverdiener kommen im Rahmen einer Ausnahmeregel, die sich "designated player rule” nennt, auf mehr als sieben Millionen Dollar. Wie der Italiener Sebastian Giovinco in Toronto und der Brasilianer Kaká in Orlando. Jemand wie der Münsterländer Julian Büscher beim Hauptstadt-Klub DC United muss mit 80.000 Dollar zufrieden sein:
"Ich habe letztes Jahr direkt in der Stadt gewohnt. Dieses Jahr ein bisschen außerhalb, ein bißchen Geld sparen. Eine günstigere Option einfach, deswegen.”
Der 23-jährige Mittelfeldspieler, in seinem zweiten Jahr dabei, war mit einem Fußball-Stipendium in die USA gekommen, hatte in Syracuse studiert und auf diesem Weg den Sprung in die Liga geschafft. Die Fixierung auf Altstars kurz vor der Rente geht auf einen Mann zurück: auf David Beckham, der 2007 nach Los Angeles geholt wurde.
"Ladies and gentlemen, it is my distinct pleasure and honor to introduce to Los Angeles and the world the newest member of the LA Galaxy, Mr. David Beckham.”
Die Liga wächst in alle Richtungen
Sportlich keine Bereicherung, aber als weltberühmter Fußballer gut fürs Geschäft. Seitdem wächst die Liga in alle Richtungen, wie Commissioner Don Garber im Dezember erklärte. Man misst sich längst mit anderen Ländern.
"Wir haben 2016 einen neuen Zuschauerrekord aufgestellt. 21.700 Fans pro Spiel. Damit liegen wir im internationalen Vergleich auf dem sechsten Platz.”
Weshalb Garber die Liga auch weiter ausbauen will - von derzeit 22 auf 28 Klubs. Auch David Beckham soll wieder dabei sein. Diesmal als Investor. Aber der müht sich schon länger in Miami vergeblich um einen Bauplatz für ein neues, fußballgerechtes Stadion. Eine der Bedingungen der Liga, ehe sie grünes Licht gibt. Professor Victor Matheson von der Universität Worcester in Massachusetts, Volkswirtschaftler und Sportexperte, versteht, warum. Die eigene Arena ist das A und O fürs Überleben.
"Die MLS will nicht, dass ein Klub in einem Stadion spielt, das ihm nicht gehört. Wenn man nicht alle Einnahmemöglichkeiten selbst kontrolliert, kann man in dieser Liga so gut wie kein Geld verdienen.”