Samstag, 24. Februar 2024

Fußball-Transfers
Warum die Topberater so viel Geld verdienen

Das Wintertransferfenster ist geschlossen. Auch in der Bundesliga gab es wieder Bewegung auf dem Transfermarkt, Millionen an Ablösesummen wurden ausgehandelt. Ebenso kassieren einige Spielerberater gehörig ab. Das hat seine Gründe.

Von Constantin Eckner | 10.02.2024
Jorge Mendes, ein älterer Mann mit grauem Bart erhält einen Preis
Der längährige Ronaldo-Spielerberater Jorge Mendes: Wenige Berater bekommen das Gros der Honorare (IMAGO / Fabio Ferrari / LaPresse)
Giovanni Reyna hat vor wenigen Tagen Borussia Dortmund verlassen. Per Leihgeschäft spielt der US-amerikanische Hoffnungsträger nun für sechs Monate für den englischen Erstligisten Nottingham Forest. Vor etwas mehr als einen Monat hatte Reyna seinen Berater gewechselt – von der großen US-Agentur Wasserman zu Gestifute und Jorge Mendes, dem wohl einflussreichsten Spielerberater der Welt. Dass Nottingham seit kurzem von Nuno Espírito Santo, ebenfalls ein Mendes-Klient, trainiert wird, kann Zufall sein, oder auch nicht.
"Es gibt nur sehr wenige Große, die auch wirklich die Top-Spieler vertreten und damit natürlich auch das Gros der absoluten Beraterhonorare ausmachen", sagt Henning Zülch, Wirtschaftswissenschaftler von der HHL Leipzig Graduate School of Management. "Und ein riesengroßer Pool an kleinen und mittleren Spielerberatern tummelt sich ja auch noch in den unteren Ligen, aber auch in der höchsten Spielklasse, die eben nicht mit den Top-Top-Spielern zu tun haben, die aber im Grunde genommen das gesamte Geschäft am Ende ausmachen, aber mit kleineren Beträgen, wo diese absolute Zahl eben eher nicht so ins Gewicht fällt."
Darüber hinaus beauftragen auch Clubs, besonders jene, die einen Spieler verpflichten möchten, einen Vermittler. Der Weltverband FIFA hat im Dezember einen Bericht zu internationalen Transfers im Jahr 2023 veröffentlicht. Demnach sind allein die durch Clubs gezahlten Beraterhonorare im Vergleich zum Vorjahr um 42,5 Prozent gestiegen, wobei die Zahl der Transfers mit Beraterbeteiligung im internationalen Rahmen nur um 13 Prozent gewachsen war.
So wichtig die grundsätzliche Arbeit von Spielerberatern etwa beim Aushandeln von Verträgen auch sein mag, die großen Provisionen streichen nur Mendes und einige andere ein. Sie haben sich mit ihrem Pool an Klienten nicht nur ertragreiche Agenturen, sondern auch eine gehörige Marktmacht aufgebaut, gegen welche die Vereine nur schwerlich etwas unternehmen können. Möchte man einen hochkarätigen Spieler haben, muss man mit dem jeweiligen Berater kooperieren.

Zülch: "Berater diktieren den Clubs die Spieler"

Zülch dazu: "Die Prognose für die künftigen Jahre wird so sein, dass die Berater den Clubs diktieren werden, welchen Spieler sie nehmen können und welchen sie nicht nehmen können. Wie komme ich zu dieser Aussage? Wir müssen auf der einen Seite sehen: Wenn Sie einen ambitionierten Club haben, der jetzt über seine professionelle Entwicklung auf einmal die Möglichkeit hat, ins internationale Geschäft zu kommen, dann wissen die Berater natürlich auch, dass da mehr Geld im Spiel ist.
Arbeitet sich beispielsweise ein Bundesligist nach oben und qualifiziert sich für die Europa League, wissen die Spielerberater natürlich um die zusätzlichen Einnahmen und zugleich das Bedürfnis des Clubs, neue Spieler an Land zu ziehen. "Die Berater haben eine unglaubliche Macht, was die entsprechenden Transfers und auch Beraterhonorare dann am Ende angeht. Das kann man nicht wegdiskutieren. Je höher der Club angesiedelt ist, je ambitionierter der Club ist und je mehr finanzielle Möglichkeiten er im Hintergrund hat, desto höher werden die Transferpreise und damit auch die Beraterhonorare", ergänzt Henning Zülch.
Eine Idee, um das Wachsen von Provisionen zu unterbinden, ist ein "Agent Fee Cap", also eine Honorarobergrenze. Doch dafür sind die Voraussetzungen noch nicht geschaffen. In Großbritannien, wo die höchsten Beraterhonorare überhaupt gezahlt werden, hat ein Sportgericht des englischen Fußballverbandes vor kurzem befunden, dass solch eine Restriktion gegen das eigene Wettbewerbsrecht verstoßen könnte, und stattdessen empfohlen, dass sich Verbände und Berater auf ein Abkommen verständigen.
Die Europäische Kommission wiederum hat der FIFA Unterstützung bei einer Einführung einer solchen Obergrenze zugesichert. Aber eine Umsetzung steht weiter aus.

Auch Doppelvertretungen soll es häufig geben

Der Schweizer Rechtsanwalt Philippe Renz wiederum hebt im Gespräch mit dem Deutschlandfunk das Problem der sogenannten Doppelvertretungen hervor. "Doppelvertretung bedeutet, dass man gleichzeitig zwei Parteien vertritt. Das tun die meisten Spieler-Agenten, die in erster Linie ihre Spieler vertreten, sich aber auch rechtlich oder finanziell an die Clubs ihrer Spieler binden,  um von ihnen bezahlt zu werden", erklärt Renz. Das heißt, der vom Club eingesetzte Vermittler für einen Transfer und der Spielerberater sind ein- und derselbe.
"Das Problem ist, dass die Agenten sich auf diese Weise an zwei Parteien binden, die möglicherweise gegensätzliche Interessen haben, sodass sie ihre rechtlichen Pflichten ihnen gegenüber nicht mehr ordnungsgemäß erfüllen können." Laut den Berechnungen des Internationalen Sportforschungszentrums (CIES) in Neuchâtel hatten Beratungsagenturen allein 2018 und 2019 jährlich rund eine Milliarde US-Dollar mehr eingestrichen, weil sie von zwei Parteien statt nur von einer bezahlt werden.
Renz, der in Fribourg eine Kanzlei leitet, kritisiert, dass bislang wenig bis gar nichts dagegen unternommen wurde: "Die Situation ist für mich ganz klar: Die staatlichen Behörden, die sich darum kümmern sollten, in der Schweiz oder in Europa, waren bisher zu schwach oder zu korrupt, um die Flucht nach vorne in einem Fußball-Milieu zu regulieren, das allein von Geld und Machtgier bestimmt werden."

Mehrere Verfahren in der Schweiz

In der Schweiz laufen aktuell zwei Verfahren, die sich mit dem Thema Transfermarkt und Doppelvertretungen beschäftigen – eines vor der Eidgenössischen Wettbewerbskommission. Zudem gibt es ein Verfahren im Kanton Fribourg.. Renz hatte FIFA-Präsident Gianni Infantino vor einigen Jahren vorgeworfen, dass er "das organisierte Verbrechen im Bereich Spielertransfers unterstützt und bestimmte FIFA-Organe mundtot" gemacht hätte.
Die FIFA verklagte Renz wegen Verleumdung und übler Nachrede. Der Anwalt reagierte mit einer Gegenklage wegen falscher Anschuldigungen gegen Infantino, die FIFA erneut mit einer Anzeige. Renz forderte schlussendlich, dass der Wahrheitsgehalt seiner Vorwürfe gegen den FIFA-Boss in einer Strafuntersuchung geklärt werden sollte. Das Kantonsgericht Fribourg gab ihm Recht und wies die Staatsanwaltschaft an, den Fall fortzuführen.
Auch in Deutschland wird ein Urteil erwartet. Am 21. Februar soll es eine mündliche Verhandlung am Oberlandesgericht Düsseldorf geben, bei der es um die geplanten Beschränkungen für Berater im Rahmen der Football Agent Regulations der FIFA geht. Der Weltverband sowie der DFB wurden im vergangenen Jahr mit Geldstrafen von jeweils 150.000 Euro vom Landgericht Dortmund belegt.
So oder so scheint Bewegung in einen bisher unregulierten Markt zu kommen.