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StartseiteSport am WochenendeRobotorjournalisten in der Kreisliga28.07.2019

Fußball Robotorjournalisten in der Kreisliga

Der DFB initiiert zur neuen Saison im Amateurfußball das größte Roboterjournalismus-Projekt weltweit. Aus den reinen Spielberichtsdaten aller 70.000 Begegnungen pro Woche wird für jedes Spiel ein Artikel generiert – von einer intelligenten Software.

Von Thorsten Poppe

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Ein Roboter mit einem Tabelet steht in einer Messehalle und begrüßt die Passanten.  (Nautilus / Imago / C. Hardt)
Digitale Offensive: Mithilfe künstlicher Intelligenz lässt der DFB Artikel über alle Spiele im Amateurfußball erstellen! (Nautilus / Imago / C. Hardt)
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"SG Ueberau : TSV Altheim 0:1

77. Minute: Tor Marcel Rehak.

30. Spieltag: Kreisliga A Dieburg (Hessen)."

Solche Spielberichtsdaten wie Tore, Torschützen, gelbe und rote Karten werden bereits jetzt eine Stunde nach Abpfiff auf dem DFB-Portal "Fussball.de" veröffentlicht. Von allen Amateurfußballspielen hierzulande. Und das sind jede Woche bis zu 70.000!

Diese Saison kommt es nun zu einer Neuerung: Künstliche Intelligenz ermöglicht ein Verfahren, dass mit Hilfe dieser Spielberichtsdaten automatisch einen Text erstellt. Damit wird über jedes der 70.000 Amateurfußballspiele pro Woche in einem eigenen Artikel berichtet. Eine riesige Menge an Inhalten, die dadurch bereitgestellt wird.

Software selektiert die entscheidenden Informationen

Die Software greift dafür auf historische und andere Daten zur Einordung zurück, wie den aktuellen Tabellenstand oder die letzten Ergebnisse der beiden Mannschaften. Das reiche aus, um einen kompletten Spielbericht automatisch zu erstellen, erklärt Johannes Sommer. Er ist Geschäftsführer des Unternehmens, das die Software für den DFB entwickelt hat:

"Alle diese Informationen nimmt die Software, und selektiert die entscheidenden Infos, um das Spiel möglichst umfassend zu beschreiben. Darauf basierend werden dann Texte geschrieben, die die Informationen so aneinanderreihen nach einem Story Plot, so dass es sich liest, als wären die Texte von Menschen geschrieben."

Roboter-Journalismus oder Tabellen-Journalismus wird diese Form der automatischen Texterstellung genannt. Zum Teil werden automatisch generierte Texte von Leserinnen und Lesern sogar besser bewertet als von Menschen geschriebene Artikel. Das zeigt eine Studie der Universität München mit dem Fraunhofer Institut für Kommunikation, die unter anderem Mario Haim durchgeführt hat:

"Dabei hat sich ein verhältnismäßig eindeutiges Muster gezeigt. Menschen können nämlich kaum unterscheiden zwischen Texten, die von Menschen geschrieben, oder von Maschinen generiert worden. Das gilt natürlich nicht für alle Textarten, sondern nur für jene datenlastigen Texte, die derzeit mit automatisierten Journalismus bedient werden. Also Sportberichterstattung zum Beispiel, Finanzen, Wetter, Verkehr, wenn es um Ergebnisberichterstattung geht."

Programm kann Redakteur nicht ersetzen

Der DFB spricht auf Deutschlandfunk-Anfrage davon, dass diese Texte ein kostenloser Service für die Basis seien, und das Interesse für den Amateurfußball in der Öffentlichkeit steigern solle. Weder die Verlage noch der DFB könnten eine Berichterstattung über alle Verbände und Ligen leisten. Das Angebot sei deshalb als Ergänzung zu der bereits bestehenden Berichterstattung zu sehen, und könne nie einen Redakteur ersetzen, der seine Meinung und die Einordnung des Spielgeschehens in den Text einbringe.

Ein zentraler Aspekt, denn die Robotertexte können nur aus dem Datenmaterial etwas generieren, das Ihnen auch vorliegt. Wenn also der Siegtreffer mit einem herrlichen Seitfallzieher erzielt wird, kann die Software nur über das Tor berichten. Aber nicht darüber, wie herrlich es erzielt worden ist. Denn diese Info liegt ihr aus den Spielberichtsdaten des Amateurfußballs nicht vor, erklärt Software-Entwickler Johannes Sommer:

"Im Profifußball ist es tatsächlich so, dass wir sehen, wie ist ein Tor entstanden. Das heißt, wir können im Zweifel auch sagen, es war ein Seitfallzieher oder ein Last-Minute-Sieg. Aber wenn diese Information nicht vorliegt, dann können wir das nicht ausdrücken, d.h. alles was um das Spiel herum passiert, was es nicht in das Datenpaket schafft, das obliegt auch weiterhin dem Menschen."

Hier ist das Projekt also auf die Mannschaftsverantwortlichen in den Vereinen angewiesen, die dazu verpflichtet sind, die Spielberichtsdaten schon eine Stunde nach Abpfiff auf dem DFB-Portal eingetragen zu haben. Sobald daraus ein Robotertext erstellt ist, kann derjenige dann diesen Text entsprechend bearbeiten, und genau solche Fakten hinzufügen.

Problem mit unabhängiger Berichterstattung

Mitunter kann es dann sein, dass auf Fussball.de drei Beiträge zu ein- und demselben Spiel auftauchen: Der Roboterartikel, der durch das Heimteam bearbeitete, und der durch das Auswärtsteam bearbeitete Text. Damit könnte sich in hitzigen Partien das Spiel auf der virtuellen Plattform weiter fortsetzen, wenn die Gegner auf dem Platz in den Artikel ihre jeweilige Sicht der Dinge als unmittelbar Beteiligte wiedergeben.  

Eine unabhängige Berichterstattung wird damit jedoch nicht geleistet. Auch beim Robotertext nicht. Denn der suggeriert, dass ein unabhängiger Berichterstatter vor Ort gewesen sei, der den Artikel über das Spiel geschrieben habe. Dass der Text automatisch erstellt wurde, ist für die Leserinnen und Leser ja erst einmal nicht zu erkennen.

Für Kommunikationswissenschaftler Mario Haim stellt der mittlerweile ausgereifte Roboterjournalismus zwar eine sinnvolle Alternative für die immense Masse an Spielen im Amateurfußball dar, dennoch stößt er immer noch an seine Grenzen:

"Gleichzeitig fehlt den computergenerierten Texten aber offenbar so eine gewisse Lesbarkeit, also so eine Art Leben, wenn man so will. Die Texte lesen sich durchaus immer wieder etwas ähnlich zu einander. Für wichtigere Spiele, für höhere Spielklassen, für entscheidenden Partien ist durchaus der von Menschen verfasste Text erstrebenswert. Für Spiele, die bisher aber mangelnden Ressourcen in Redaktionen zum Beispiel zum Opfer gefallen sind, ist der automatisierte Journalismus sicher ein idealer Sparringspartner."

Für die Amateurkicker bietet das DFB-Roboterjournalismus-Projekt insofern einen Mehrwert, als dass sie mit Artikeln zu allen Begegnungen aus ihrer eigenen Liga versorgt werden. Relevanz darüber hinaus werden die automatisch generierten Texte jedoch kaum entfalten können.

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