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StartseiteSport AktuellSexualisierte Gewalt - Alltag in deutschen Stadien25.06.2020

FußballSexualisierte Gewalt - Alltag in deutschen Stadien

Anzügliche Bemerkungen, Beleidigungen und sexuelle Belästigung - sexualisierte Gewalt und Sexismus ist in Fußballstadien offenbar an der Tagesordnung. Das zeigt eine Recherche der Sportschau. Und die Vereine tun kaum etwas dagegen.

Von Jan Wochner

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Fans von RB Leipzig mit der Fahne: "Sexismus aus den Stadien werfen"  (imago/Joachim Sielski)
Fans von RB Leipzig mit der Fahne: "Sexismus aus den Stadien werfen" (imago/Joachim Sielski)
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Es sind Vorfälle wie dieser: "Da dreht sich vor mir ein Typ um und sagt zu uns beiden: ‚Frauen und Fußball, naja‘ - und jetzt im O-Ton – ‚aber zum Ficken im Club am Wochenende reicht‘s noch‘." - Ein Vorfall in der Fankurve von Arminia Bielefeld, betroffen Eva-Lotta Bohle, Studentin, 22 Jahre jung. Sie hat den Mut, öffentlich darüber zu sprechen:

"Ich war so geschockt, dass ich überhaupt nicht wusste, was ich sagen soll. Weil man hört davon und man liest es vielleicht auch. Aber ich konnte auch überhaupt nicht schlagfertig sein in dem Moment. Weil es mich wirklich so schockiert hat, das am eigenen Leib zu erfahren."

Keine Konsequenzen für Täter

Sexualisierte Gewalt und Sexismus im Fußballstadion gegenüber Frauen - offenbar alles andere als ein Einzelfall. Auf Schalke kam es im Februar zu einer widerlichen Szene, als ein Mann minutenlang vor einem Kiosk mit heruntergelassener Hose onanierte, mit Blick in Richtung weiblicher Servicekräfte.

Eine Augenzeugin berichtet: "Im ersten Moment war ich geschockt und fassungslos. Ich habe den Mann direkt angesprochen und ihm gesagt, dass er das lassen soll." Der Mann musste das Stadion verlassen, kam aber ohne weitere Konsequenzen davon.

Hohe Dunkelziffer vermutet

Sexualisierte Gewalt gegenüber Frauen ist ein gesellschaftliches Problem und das auch in Fußballstadien. Valide Zahlen, wie viele Vorfälle es gibt und gab, liegen nicht vor. Nach einer Recherche der Sportschau kam es in den vergangenen zwei Jahren aber zu mindestens 21 Fällen bei Spielen im deutschen Profifußball. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen.

Das Bundesfamilienministerium geht davon aus, dass nur zwölf Prozent der betroffenen Frauen die Tat zur Anzeige bringen. Dass die Erniedrigungen, Anfeindungen und Übergriffe gegenüber Frauen Folgen für die Opfer haben, steht für Daniela Stöveken vom Frauennotruf Münster aber außer Frage: "Das geht in der Regel einher mit Schuld und Schamgefühlen, mit Rückzugstendenzen, auch Vermeidungsverhalten, dass Frauen sich dann vielleicht, wenn sie ins Stadion gehen, anders kleiden."

Keine Anlaufstellen für Opfer

Feste Anlaufstellen in den Stadien für Opfer sind im Übrigen noch längst nicht die Regel. Bei einer Befragung der Sportschau antworteten lediglich 25 von 54 Profiklubs, davon hatten gerade einmal vier eine solche Anlaufstelle. Drei weitere Vereine planen derzeit eine solche Einrichtung.

Angelika Ribler vom Landessportbund Hessen fordert ganz generell, das Stadion zu einem Täter unfreundlichen Raum zu machen: "Wenn die Schwelle nicht so hoch ist, weil sie denken: ‚Oh Gott, das ist das erste Mal, dass einer Frau das im Stadion passiert ist.‘ Nein, dieser Verein nimmt mich auf, mit meinem Geschehen, was ich erlebt habe. Und ich bin nicht die erste, und ich bin nicht die einzige. Und vor allen Dingen stoße ich nicht auf Unverständnis."

Nur so könne sich nachhaltig etwas ändern.

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