Mittwoch, 29. Juni 2022

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Futurismus
"Wir wollen den Krieg verherrlichen"

Der Futurismus galt als theoretischer Überbau einer kriegsbegeisterten künstlerischen Avantgarde. Doch was bedeutete der Erst Weltkrieg für die Kunst, für Kubismus, Expressionismus? Das Guggenheim Museum in New York untersucht das Universum des italienischen Futurismus.

Von Sacha Verna | 26.02.2014

Die italienischen Futuristen wollten mit der Kunst die Welt verändern. Dieses idealistische Vorhaben passt nicht so recht zum martialischen Image der Künstlerbewegung. Schliesslich hatte ihr Vordenker bereits im Gründungsmanifest proklamiert: "Wir wollen den Krieg verherrlichen – diese einzige Hygiene der Welt." Filippo Tommaso Marinetti gedachte auch, Museen, Bibliotheken und Akademien zu zerstören, und erklärte: "Schönheit gibt es nur noch im Kampf. Ein Werk ohne aggressiven Charakter kann kein Kunstwerk sein." Das war 1909. Bis zu Marinettis Tod 1944 folgten Dutzende solcher programmatischer Schriften. Sie betrafen alle Bereiche der Kunst und des Lebens überhaupt, seien es die Architektur, die Literatur oder das Essen. Die wichtigsten dieser Manifeste sind Teil der über dreihundertfünfzig Exponate, die das Guggenheim Museum zur Geschichte des italienischen Futurismus zeigt.
350 Exponate
Die italienischen Futuristen hätten mit den "serate" begonnen, den provokativen Abendveranstaltungen in gemieteten Theatern, sagt die Kuratorin Vivien Greene.
"Sie wollten die Bourgeoise aufrütteln und Italien in die Moderne vorantreiben. Sie feierten die Geschwindigkeit, die Industrie und die modernen Metropolen, eben weil ein Grossteil Italiens um 1910 noch keineswegs im Industriezeitalter angelangt war."
"Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum"
Den Anfang der Ausstellung macht Umberto Boccionis berühmte Skulptur mit dem komplizierten Titel "Einzigartige Formen der Kontinuität im Raum" von 1913. Diese Figur im Laufschritt zieht ihre Bewegungen wie Tücher hinter sich her und gilt als Muster in Bronze gegossener Dynamik. Das Ende der Ausstellung bilden fünf monumentale Gemälde von Benedetta. Filippo Tommaso Marinettis Gattin war eine der wenigen Künstlerinnen des Futurismus und schuf diese kosmisch anmutende Feier der Kommunikation für ein Postgebäude in Palermo, wo die Bilder seit 1934 einen Konferenzraum schmücken. Die Telegrafenmasten und Radiowellen in Blautönen wirken freilich etwas deplatziert in dem klinischen Separee, das das Guggenheim Museum dafür reserviert hat.
Telegrafenmasten und Radiowellen in Blautönen
Zwischen Boccioni und Benedetta gibt es futuristische Lärmmusik von Luigi Russolo und futuristische Campari-Werbung von Fortunato Depero. Da sind die frühen Futuristen Giacomo Balla, Carlo Carrà und Gino Severini, die Tumult aus Formen und Farben auf die Leinwand brachten. Zu sehen sind Beispiele für die mechanistische Ästhetik in den Zwanzigerjahren und solche für die Vogelperspektive der Dreissigerjahre, als die Futuristen das Flugzeug zu ihrem Lieblingsobjekt erklärten. Und natürlich ist da der Eiertanz mit dem Faschismus, ein Verhältnis, das von Vereinnahmung und Andienerei geprägt war und sich künstlerisch als wenig fruchtbar erwies.
Geboten wird in dieser Rundumschau didaktisches Varieté-Theater. Das Guggenheim Museum präsentiert eine Mischung aus "Die grössten Hits des Futurismus" und "Unter ferner liefen" nach dem Motto: Und weil wir können, packen wir das futuristische Teeservice und die Strickwesten und die Spielsachen auch noch mit hinein. Die Futuristen wollten das Universum umbauen und sind daran gescheitert. Enzyklopädische Ausstellungen sind nicht ganz so ambitioniert, nur gelingen sie ebenso selten.
Guggenheim Museum, New York: "Italian Futurism, 1909-1944", bis 1. September.