Donnerstag, 26. Mai 2022

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Gabor Boldoczki und Sinfonietta Cracovia
Jenseits barocker Trompetenpracht

Der 1976 in Ungarn geborene Trompeter Gabor Boldoczki gibt auf der Neuveröffentlichung "Oriental Trumpet Concertos" ein vorsichtiges Signal in Richtung zeitgenössischer Musik. Gemeinsam mit der Sinfonietta Cracovia hat er Kompositionen von Penderecki, Say und Arutiunian eingespielt, die aber niemanden mit Unerhörtem verschrecken dürften.

Von Georg Waßmuth | 16.10.2016

Der ungarische Trompeter Gabor Boldoczki
Der ungarische Trompeter Gabor Boldoczki (picture alliance / dpa / Bernd Lasdin / Festspiele Mecklenburg-Vorpommern)
Die kürzlich erschienene CD "Oriental Trumpet Concertos" mit Gábor Boldoczki und der Sinfonietta Cracovia soll den Sonntagmorgen in Schwung bringen.
Der ungarische Trompeter, der mit seinem Instrument nicht nur als Himmelsstürmer und Kraftmeier auftritt, sondern ein durch und durch musikalischer Kopf ist, wollte etwas Neues jenseits barocker Trompetenpracht wagen und bekam von dem befreundeten polnischen Komponisten Krysztof Penderecki ein Concertino geschenkt. Das lebhafte "Vivo" ist genau der richtige Muntermacher.
Musik: Krysztof Penderecki -Trumpet Concertino - IV. Vivo ma non troppo
Das "Vivo" aus dem "Concertino per tromba e orchestra" von Krysztof Penderecki spielte der Trompeter Gábor Boldoczki.
Feinnervig und auf äußerster Stuhlkante sitzend hat ihn die Sinfonietta Cracovia unter der Leitung von Jurek Dybal begleitet. Mit der Neuveröffentlichung "Oriental Trumpet Concertos" beim Label Sony wollte der Trompeten-Solist ein Signal in Richtung zeitgenössischer Musik geben. Das ist natürlich ein kleiner Etikettenschwindel, denn bei der Auswahl der Stücke hat sein Management schon sehr darauf geachtet, niemand mit Unerhörtem zu verschrecken.
Der Komponist Krzysztof Penderecki etwa musste sich von seinem Kollegen Helmut Lachenmann schon einmal anhören, als wertkonservativer "Pende-Radetzky die tonalen Paarhufer anzuführen" Trotzdem ist dessen 2015 uraufgeführtes Concertino für Trompete ein durchaus reizvolles Werk. Man hört die Nähe zur Filmmusik, irgendeine Szene geht einem dabei fast automatisch durch den Kopf, aber die Erwartungshaltung wird doch immer wieder hinterfragt und geschickt unterlaufen.
Meister der Agogik
Im "Larghetto" zeigt Gábor Boldoczki seine große Kunst der intensiven Klangrede. Er ist ein Meister der Agogik, der mit sehr weitem Atem spannungsreiche Melodiebögen gestalten kann.
Musik: Krzysztof Penderecki - Trumpet Concertino - II. Larghetto
Die Sinfonietta Cracovia unter der Leitung von Jurek Dybal begleitete Gábor Boldoczki beim Larghetto aus dem frisch komponierten Concertino von Krzysztof Penderecki.
"Orchester der Königlichen Hauptstadt Krakau" darf das Ensemble sich seit Neuestem offiziell nennen. Gegründet wurde die Sinfonietta erst im Jahr 1994 in Zeiten des politischen Umbruchs. Zu Beginn war es mehr ein "Telefon-Orchester" das für einzelne Auftritte zusammengerufen wurde. Doch mit großem Geschick und Engagement hat sich Ensemble etabliert. Es erhält nun auch staatliche Unterstützung und kann einen sehr gut gefüllten Konzertkalender vorweisen.
Die Erfolgsstory der Sinfonietta Cracovia verantwortet in den letzten beiden Jahren maßgeblich deren Chefdirigent Jurek Dybal. Eigentlich ist der Kontrabassist Stimmführer im Orchester der Wiener Staatsoper.
Dort lässt man ihm aber große künstlerische Freiheit für die Projekte der Sinfonietta. Den kleinen, schlanken Klangkörper hat er sehr gut für die Produktion "Oriental Trumpet Concertos" disponiert. Man musiziert auf Augenhöhe mit dem Solisten. Das ist sehr schön in dem von Fazil Say im Jahr 2010 komponierten Trompetenkonzert zu hören. Der weltbekannte Pianist aus der Türkei hat seinem Freund Gábor Boldoczki das Werk gewidmet und natürlich viel Lokalkolorit einfließen lassen.
Musik: Fazil Say - Trumpet Concerto - I. Allegro
Ein Ausschnitt aus dem 1. Satz des Trompetenkonzertes von Fazil Say. Die Sinfonietta Cracovia begleitete den Solisten Gábor Boldoczki.
Kein Schnellschuss
Der 1976 in Ungarn geborene Künstler ist kein Shooting-Star, sondern hat seine Karriere über viele Stationen aufgebaut. Bereits im Jahr 1991 gewann er einen Ersten Preis beim nationalen Trompetenwettbewerb in Ungarn. Es folgten aber noch Studien in der Meisterklasse von Reinhold Friedrich in Karlsruhe und etliche weitere Wettbewerbe und Preise.
Was Boldoczki auszeichnet, ist nicht nur seine absolut souveräne Technik und die hellwache Musikalität, sondern auch ein wunderbar "singender Ton". Der kommt ganz besonders im Trompetenkonzert von Alexander Arutiunian zum Tragen. Es ist sicher das gewichtigste Werk auf der neuen CD.
Der erst im Jahr 2012 verstorbene armenische Komponist nimmt eine gewisse Sonderstellung ein. Zeitlebens blieb er von den Strömungen der zeitgenössischen Musik unbeeinflusst und konnte im fernen Eriwan einen ganz eigenen Personalstil entwickeln. Handwerklich stand Arutiunian jeder Kniff der Kompositionstechnik zur Verfügung.
Er beherrschte die alten Formen und konnte spielerisch die Barockmusik imitieren. Dabei orchestrierte er meisterhaft und wusste die Stärken aller Instrumente perfekt einzusetzen.
Große Gefühle
Die Folklore seiner Heimat nebst Harmonie und vertrackter Rhythmen waren ihm aber genau so eine Inspiration. Keine Probleme hatte er, wenn es darum ging, mit farbiger Palette große Emotionen zu illustrieren. Sein Trompetenkonzert aus dem Jahr 1950 ist bereits ein Klassiker. Den langsamen Satz spielt Gábor Boldoczki wie vom Komponisten vorgesehen mit einem speziellen Dämpfer und beschwört eine wunderbare Herbststimmung herauf. Wo andere die Flamme zu hoch drehen, besticht seine Interpretation mit coolem Understatement.
Musik: Alexander Arutiunian - Konzert für Trompete und Orchester - II. Satz - Meno Mosso
Der zweite Satz "Meno Mosso" aus dem Konzert für Trompete und Orchester von Alexander Arutiunian. Die Sinfonietta Cracovia unter Jurek Dybal musizierte gemeinsam mit dem Solisten Gábor Boldoczki auf höchstem Niveau. Der Titel der beim Label Sony erschienen CD "Oriental Trumpet Concertos" wird hier am sinnfälligsten eingelöst denn das Unverstellte, das Eigene war immer eine Stärke des Komponisten Arutiunian. Mit seinen rhythmischen Finessen konnte der Armenier jedenfalls jedes Frühstückhörnchen auf dem Tisch zum Tanzen bringen.
Musik: Alexander Arutiunian - Konzert für Trompete und Orchester - III. Satz - Tempo I
Diskografische Angaben
Oriental Trumpet Concertos
Gábor Boldoczki
Sinfonietta Cracovia - Jurek Dybal
Label: Sony
Bestellnr.: 88985361092