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Gärten als Zeitzeugnisse

Schrebergärten sicherten in schlechten Zeiten das Überleben durch selbst angebaute Lebensmittel. Heute sind Gärten vor allem ruhiger Fluchtpunkt in Großstädten. Die Gartendenkmalpflege, eine noch junge Wissenschaft, versucht besonders interessante Gärten für die Nachwelt zu erhalten.

Von Cajo Kutzbach | 03.05.2012

Von den vielen Eigenschaften, die Gärten und Parks haben, bleibt eine wichtige meist unbeachtet: Gärten sind Spiegel der herrschenden Gesellschaftsformen und der Politik: hier der mit dem Lineal angelegte, streng getrimmte Garten des Sonnenkönigs in Versailles, dort der weitläufige naturähnliche englische Landschaftsgarten. Prof. Joachim Wolschke-Bulmahn beschäftigt sich am Institut für Landschaftsarchitektur der Universität Hannover mit der Geschichte der Gärten und Landschaft:

"In England die Idee des Landschaftsgartens hat sicherlich als einen ideengeschichtlichen Hintergrund auch die Ablehnung absolutistischer Herrschaft in Frankreich. Das ging einher mit der Entwicklung eines neuen Naturgefühls, Naturverständnisses. Man lehnte den formalen Garten als Ausdruck absolutistischer Herrschaft ab. Es wird ganz lustig, wenn das heute immer noch von jüngeren Leuten so quasi gemacht wird, wenn von der vergewaltigten Natur im Barockgarten gesprochen wird, und wenn gar nicht gesehen wird, wie subtil die Natur im Landschaftsgarten genauso "vergewaltigt" wird, nur man sieht‘s gar nicht, weil man es als Natur und schöne Landschaft empfindet."

"Gärtnern ist die höchste Kunst des Friedens" heißt es in China. Man kann Gärten aber auch im Dienste der Politik einsetzen, wie beim Sonnenkönig oder den Nationalsozialisten, erinnert Joachim Wolschke-Bulmahn:

"In unserer Fachliteratur konnten sie bis vor Kurzem zur Geschichte dazu nichts lesen. Sie mussten Viktor Klemperers Tagebücher aufschlagen. Da sind dann Tagebucheinträge: 'Jetzt ist uns auch der Garten genommen. Wir kommen ins Judenhaus.' Oder - ich glaube Juli 41 irgendwann - eine Anordnung wird von Klemperer genannt: "Neue Anordnung der Stadt Dresden: Wir dürfen nicht mehr den großen Garten betreten!"

Dabei sind viele der großen städtischen Gärten und Parks ursprünglich fürstliche Anlagen, die später für das "gemeine Volk" zugänglich wurden. Dass die Nazis die Gärten wieder für Teile des Volkes sperrten, war ein Rückfall in längst überwunden geglaubte Zeiten.

Während man schon vor 1900 über den Schutz von Denkmälern und auch Gärten stritt, hat sich die Gartendenkmalpflege erst in den letzten Jahrzehnten etabliert und wurde in die Denkmalschutzgesetze aller Bundesländer aufgenommen. Dr. Klaus-Henning von Krosigk leitender Gartenbaudirektor in der Senatsumweltverwaltung in Berlin, der zugleich stellvertretender Landeskonservator ist und im Hauptberuf das Referat Gartendenkmalpflege, städtebauliche Denkmalpflege leitet, erinnert sich.

"Ich habe selbst in Berlin ab 1979 das erste Fachreferat Gartendenkmalpflege aufgebaut. Vorher gab es eigentlich nur die klassische Bau- und Kunstdenkmalpflege und die Bodendenkmalpflege und dann ist eben dazugekommen die Gartendenkmalpflege. Inzwischen ist es so, dass aber jetzt eigentlich alle Landesdenkmalämter der Bundesrepublik Deutschland auch entsprechende Mitarbeiter für dieses Aufgabengebiet haben, aber es begann 1979 tatsächlich im alten Bundesland Westberlin."

Dieses junge Forschungsgebiet hat viel mehr zu tun, als nur die paar berühmten Parks zu erhalten, erläutert Klaus-Henning von Krosigk:

"Es geht im Grund um das Schutzgut Gartendenkmal. Das umschreibt natürlich die klassischen Schlossgärten, Gutsgärten, es umschreibt auch die Volksparkanlagen, die Villen- und Landhausgärten; aber auch der Friedhof ist hier gemeint. Es ist der städtische Schmuckplatz gemeint, es kann aber auch im Einzelfall auch ein Hofgarten oder ein Vorgarten sein. Allein im Bundsland Berlin - um das zu verdeutlichen - haben wir 600 Gartendenkmale dieser unterschiedlichen Gattungen, die wir eben betreuen."

Für die historischen Gärten in Baden-Württemberg war in der Landesbauverwaltug 40 Jahre lang Alfons Elfgang zuständig, der an der Universität Stuttgart eine Professur für die Geschichte der Gartenkunst innehatte. Auch nach seiner Emeritierung holen ihn die Kollegen aus der Praxis immer wieder, um seine Meinung und seinen Rat zu hören. In und um Stuttgart gibt es eine Fülle verschiedenster Gärten. Etwa in Leonberg den Pommeranzengarten aus der Renaissance. Die Pommeranzen, das sind Bitterorangen, werden natürlich nur im Sommer in Kübeln in diesen Garten mit seinen vielen kleinen steinumfassten Beeten gestellt:

"Das ist eben eine frühe Form der Gartenkunst als solche. Wenn man's bedenkt, dass der Garten sich ja aus dem Nutzgarten entwickelt hat, dann waren da also schon geometrische Formen; allein die Beetformen, die also angepasst waren, dass man sie pflegen kann. Dazwischen waren Wege und dergleichen. Die Vielfalt, die sie ansprechen, ist auch eine Form, weil diese Zeit - Renaissance - ist ja verbunden mit einer Zuwendung zur Naturwissenschaft. Und die Herzogin Sybille, die dort ihren Witwensitz genommen hat, war eine ausgesprochene Pflanzensammlerin - auch was Typisches für die Zeit - sodass also in den kleinen Dreiecken, oder Kreisen und so weiter, seltene Pflanzen herausgehoben wurden."

Man ordnete die Pflanzen auch nach Farben, denn Ordnung und Geometrie galten als schön. Tulpen wurden nicht wie heute in Massen zusammengestellt, sondern, weil sie damals noch so kostbar waren, einzeln. Und natürlich sahen Pflanzen vor 400 Jahren oft noch ganz anders aus. Gartendenkmalpflege kann den ursprünglichen Eindruck deshalb nur annähernd wieder geben.

Die Originalsubstanz - sonst ein wichtiges Kriterium in der Denkmalpflege - kann beim Gartendenkmal natürlicherweise keine so große Rolle spielen, da Pflanzen und Bäume erst wachsen und wachsen und dann irgendwann sterben.

Dieser Pommeranzengarten, der einst fast völlig überwuchert und vergessen war, zeigt, was Gartendenkmalpflege leisten kann. Klaus-Henning von Krosigk:

"Gartendenkmalpflege beinhaltet natürlich auch die klassischen Aufgaben eines Denkmalpflegers: Schutz, Inventarisation, Dokumentation, aber auch den praktischen Teil: Pflege, Erhaltung, Instandsetzung bis hin zur Restaurierung."

Damit ein Garten zum Denkmal wird, muss er mehr bieten, als etwas Grün und hübsche Blumen. Alfons Elfgang:

"Was das Denkmal zum Denkmal macht, ist, dass es Zeugnis gibt über die Vergangenheit, in wissenschaftlicher, geschichtlicher Hinsicht und so fort, und, dass diese Eigenschaften erhalten werden, und zwar im Interesse der Öffentlichkeit. Ja? Und wenn ein Garten sich verändert und keiner tut etwas, dann ist das eine schlechte Denkmalpflege, dann kommen wir in einen anderen Bereich, der auch sehr wichtig ist, dann kommen wir in den Naturschutz, der eben das zum Ziel hat, die Entwicklung einer Vegetationsgemeinschaft, Flora und Fauna, zu fördern und zu schützen."

Dieser Dreiklang aus Zeitzeugenschaft, Öffentlichkeit und Natur macht die Gartendenkmalpflege schwierig, denn die Natur arbeitet ständig im Garten. Ein Garten ist keine Statue, die man alle paar Jahre mal putzen muss, oder kein Gebäude, das ab und zu einen neuen Anstrich oder neue Dachziegel braucht. Ein Garten ist ständig im Wandel, das ganze Jahr über und über die Jahre hinweg. Alfons Elfgang:

"Das ist überhaupt das Grundproblem des Gartendenkmals, weil ein Garten wird niemals fertig. Er entsteht dauernd durch die Arbeit des Gärtners, der eine Vision hat, der Alleen pflanzt, Parterres pflanzt, oder Szenen in einem Landschaftsgarten und Bilder schafft. Und dann kommt das natürlich auch noch zum Tragen, dass das älter wird."

Als lebendiges Kulturdenkmal braucht ein Garten ständige Pflege, so ähnlich, wie die großen Dome und Schlösser, die der Besucher fast immer als Baustelle antrifft. Bei beiden Denkmalstypen ist sehr viel teure Handarbeit gefragt und sehr viel Wissen.

Im Schloss Hohenheim in Stuttgart sitzt die stark landwirtschaftliche orientierte Universität Hohenheim. Ihre umliegenden über 200 Jahre alten Gärten enthalten daher über 4700 verschiedene Pflanzen. Die müssen die Gärtner im Auge behalten, um rechtzeitig zu merken, ob Krankheiten den Bestand gefährden, oder alte Bäume so morsch sind, dass sie Besucher in Gefahr bringen. In Hohenheim macht eine über 200 Jahre alte Allee Sorgen:

"Über 1200 Pappeln hat Karl Eugen dort gepflanzt und auch der Nachfolger von ihm - Karl Eugen ist ja 1793 verstorben - und da hat ja danach noch mal drei, vier Jahre Hohenheim eine Blüte erlebt. Und danach ist das verfallen und der spätere König Friedrich hat die alle abhauen lassen mit Ausnahme dieser sogenannten Jägerallee."

Pappeln wachsen schnell - darum hat man nach dem Kriege viele Pappeln gepflanzt -, aber deshalb ist ihr Holz nicht sehr stabil und sie werden meist schon nach wenigen Jahrzehnten gefällt. In Hohenheim ringt man schon seit 35 Jahren um den Erhalt dieser vergreisten Allee, was bis zu 16.000 Euro im Jahr kostet. Alfons Elfgang:

"Denkmalpflege muss man sich leisten können. In Hohenheim ist es so, dass das jetzt in den letzten Jahren also diesen Preis, den sie nannten, bekomme, weil man sich doch verliebt ist in die Allee und man leistet sich jetzt etwas. Normalerweise sind die Pflege eines Baumes, und auch ein Alleebaum also nicht billig. Sie kostet etwa zwischen 100 und 150 Euro, weil das sind die Kontrollen, dass die wachsen, dass nichts passieren kann."
Ein Gartendenkmal kann man nicht wie ein Kunstwerk ins Museum einschließen, sondern es soll der Öffentlichkeit dienen, sie soll es gefahrlos betreten können. Natürlich hängen die Bürger an alten Bäumen und solchen alten Alleen, aber irgendwann kommt der Zeitpunkt, wo man einzelne Bäume oder die ganze Allee fällen muss, was den vertrauten Anblick des Gartendenkmals stark beeinträchtigt. Dabei hat jeder Park, jede Allee einmal mit jungen Bäumen angefangen.

Die Nutzung von Gartendenkmalen durch die Öffentlichkeit hat ihre Tücken: Im Barockgarten mit seinen breiten Wegen, sind Besucherströme kein Problem, solange sie - wie einst der Hofstaat - auf den gekiesten Wegen bleiben. Der englische Landschaftsgarten dagegen ist darauf nicht eingerichtet, erklärt Joachim Wolschke-Bulmahn:

"Der englische Landschaftsgarten war sicherlich viel, viel stärker auch auf eine sensible Gartenerfahrung ausgerichtet, wo man sich nicht in der Masse, sondern in kleinen Gruppen bewegte, wo man den Garten durchlief, durchschritt, bestimmte Blickachsen, pädagogische Blickachsen auf bestimmte Objekte - nicht nur natürliche Objekte, Ruinen, Tempel, anderes mehr - sich erschließen musste."

Dasselbe Konzept liegt auch dem chinesischen Garten zugrunde, aber der setzt das auf sehr viel kleinere Fläche und in für Europäer ungewohnter Art um. Aber selbst große Gärten im englischen Stil, wie etwa der Wörlitzer Landschaftspark, können unter Besuchermassen leiden:

"Die schmalen Wege, die zeigen ja, das waren eben wenige Leute, die da durch den Garten spazierten. Und wenn da heute eben Busse kommen, Reisegruppen - das ist toll - aber eben dann sind die Wege dann zu klein. Im formalen Garten fällt das gar nicht auf, weil die Wege entsprechend breit und ausgerichtet sind."

Deshalb taugt ein barocker Garten eher zum Schaugarten, wie etwa beim Schloss Ludwigsburg nahe Stuttgart, für den man dann auch Eintritt verlangen und so einen Teil der Kosten hereinholen kann. Doch nicht nur die Kosten für laufende Pflege und die Besucherströme gefährden den Bestand der Gartendenkmäler, sondern vor allem die weitverbreitete Unkenntnis, bedauert Klaus-Henning von Krosigk:

"Was noch ein Defizit ist sicherlich, das ist, dass auf der kommunalen Ebene, dass dort auf dem Gebiet der unteren Denkmalschutzbehörden bei Weitem noch nicht überall auch ein Gartendenkmalpfleger eingestellt ist, denn wir wissen, dass auch die großen Städte ja über einen erheblichen Bestand an Gartendenkmalen verfügen, der dann auch in der Verwaltung der Kommunen sich befindet. Da - glaube ich - muss in den nächsten Jahren noch Erhebliches passieren."

Der Pommeranzengarten in Leonberg bei Stuttgart etwa diente lange Jahre unerkannt als Kleingartenanlage, war weitgehend überwuchert und wurde erst bei Rodungsarbeiten wieder entdeckt. Da die Originalpläne von Heinrich Schickardt noch existierten, konnte man ihn nach fast 400 Jahren wieder in einen Zustand versetzen, der eine Vorstellung davon gibt, wie Reiche in der Renaissance ihren Garten anlegen ließen und nutzten. Niemand weiß wie viele weitere Gartendenkmäler unerkannt in ähnlichem "Dornröschenschlaf" schlummern und darauf warten, dass sie ein aufmerksamer Gartendenkmalpfleger rettet.

Ein weiteres Problem für die Gartendenkmalpflege ist manchmal der Naturschutz, denn während der Gärtner versucht eine Vision von schön gestalteter Natur umzusetzen, interessiert den Naturschützer die ökologische Vielfalt.

Professor Josef Reichholf von der Zoologischen Staatssammlung in München fand, dass die Artenvielfalt in bayerischen Städten mit 120 Prozent über dem Landesdurchschnitt liegt, während auf dem Land die Artenvielfalt schwindet und auf Äckern mit etwa 30 Prozent am geringsten ist.

Klaus-Henning von Krosigk plädiert deshalb auch als Präsident der Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur für mehr Miteinander:

"Dass beide Partner, sowohl der Naturschützer, als auch der Kulturschützer, sprich der Denkmalpfleger gemeinsam überlegen, wie kann man diese in Jahrhunderten oder in Jahrtausenden geprägte mitteleuropäische Kulturlandschaft mit ihren Gärten und Parks, wie kann man die sinnvoll so weiter entwickeln, auch die großräumige Kulturlandschaft, wenn ich jetzt an das Weltkulturerbe Mittelrheintal beispielsweise denke, dann geht das nur, wenn wir partnerschaftlich aufeinander zugehen und gemeinsam überlegen, wo stehen wir, wo wollen wir hin, und auch gemeinsam beispielsweise gegen überbordende Straßenbauplanungen, gegen falsche Industrieansiedlung und Ähnliche Probleme zu Felde ziehen, als dass wir, wie es in der Vergangenheit zuweilen passiert ist, uns gegenseitig bekriegen."

Selbst dann ist der Erfolg nicht sicher, wie das Beispiel des unter Denkmalschutz stehenden Stuttgarter Schlossgartens zeigt, wo die Naturschützer eine seltene Käferart in Spiel brachten, und die Bürger heftig protestierten. Dennoch wurden rund 200 zum Teil sehr alte und große Bäume beseitigt und ein intensiv genutzter Parkbereich für ein Verkehrsprojekt zerstört. Denkmalschutz hat in Baden-Württemberg allerdings schon lange einen schweren Stand. Klaus-Henning von Krosigk lässt sich durch solche Rückschläge nicht entmutigen:

"Unser Ziel ist das authentische Gartendenkmal auch in seinem wirklichen Kernbestand zu erhalten und durch eine permanente Pflege eine konservatorisch kluge Erhaltung und auch eine ökonomisch kluge Erhaltung zu gewährleisten. "