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StartseiteCorsoWenn Spiele ernst machen22.06.2016

"Games for Change"-Festival Wenn Spiele ernst machen

Das Festival "Games for Change" in New York zeigt in dieser Woche sogenannte Serious Games, die sozial oder politisch ausgerichtet sind. Festivalchefin Susanna Pollack erklärte im DLF: "Diese Spiele sollen eine unparteiische Annäherung möglich machen, um die Probleme wahrzunehmen und sie regelrecht zu spüren."

Susanna Pollack im Corso-Gespräch mit Adalbert Siniawski

Vier Kinder vertreiben sich die Zeit mit Spielen auf ihren Mobiltelefonen.  (imago / ZUMA Press)
"Spiele sind eine großartige Plattform, um Menschen zu erreichen", sagt Susanna Pollack (imago / ZUMA Press)
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Games for Change Festival

Susanna Pollack betonte im Corso-Gespräch, dass man mit digitalen Spielen sehr viele Menschen erreichen könne. "Drei Milliarden Stunden pro Woche spielen die Menschen weltweit", sagt sie, mobile Nutzung mitgerechnet. Ihr Festival umfasst drei verschiedene Bereiche von sogenannten "Serious Games": Spiele mit zivilgesellschaftlicher und sozialer Ausrichtung, Neurogames und Gesundheitsspiele sowie Lernspiele.

Spiele zu Immigration oder Syrien

Einzelne Games haben etwa Immigration, den Syrien-Krieg oder den Palästina-Konflikt zum Thema. Zentral für solche Games ist, dass der Spieler selbst Entscheidungen treffen kann. Und man hat, so Susanna Pollack, "die Gelegenheit eine Welt kennenzulernen, die man sonst vielleicht nie erlebt hätte".

Das Festival "Games for Change" findet von 23.06. bis 24.06.2016 in New York City statt.


Das Interview in voller Länge

Adalbert Siniawski: Warum, Susanna Pollack, sind Games for Change, also die sogenannten Spiele für Veränderung ein effektiver Weg, um Probleme in unserer Gesellschaft anzupacken? Man könnte ja auch sagen, es ist besser, die reale Welt direkt zu verändern.

Susanna Pollack: Spiele sind eine großartige Plattform, um Menschen zu erreichen, die anders schwer zu erreichen wären. Die begegnen einem schließlich überall. Sie sind eine sehr verbreitete Unterhaltungsform für alle Generationen. Denken Sie nur daran, wie viele Stunden, nämlich ungefähr drei Milliarden Stunden pro Woche, Spiele gespielt werden - und dass umfasst nicht nur die üblichen Spiele, die Jugendliche zu Hause spielen, sondern auch die auf Mobilgeräten, zum Beispiel im Bus oder im Zug auf dem Weg zur Arbeit. Wenn also so viele Menschen diese virtuellen Spiele nutzen, dann sind Games for Change eine gute Möglichkeit, diese Menschen zu erreichen, was anders vielleicht nicht möglich wäre.

Siniawski: Ihr Festival ist in drei Bereiche eingeteilt. Es geht da um zivilgesellschaftliche und soziale Themen, um Neurogames und Gesundheit und um Lernspiele. Wieso können diese so genannten Serious Games sich gerade in diesen Bereichen als hilfreich erweisen?

Pollack: Die Community der Games for Change ist besonders in den letzten zwölf Jahren signifikant gewachsen, seitdem wir sie auch unterstützen. Manche dieser Spiele haben ein ernstes Thema, andere wiederum sind weniger ernsthaft und bieten eher Spaß und Unterhaltung. Wenn es zum Beispiel um zivilgesellschaftliche und soziale Themen geht oder wenn sie auf kulturelle Probleme aufmerksam machen wollen, wie zum Beispiel Immigration oder kulturelle Vielfalt. Dann ist es sehr einfach, durch Spiele eine Erfahrung zu inszenieren, die es ermöglicht, in verschiedene Rollen von Menschen zu schlüpfen, denen man vorher vielleicht nie begegnet wäre. Und besonders, wenn es um soziale oder gesellschaftliche Probleme geht, macht es ein solches Spiel möglich, eine Welt kennenzulernen, die man anders vielleicht so nie erlebt hätte.

Und nun hat man auch die Möglichkeit, den Ausgang eines Spieles zu verändern. Man kann als Figur im Spiel Entscheidungen treffen und sozusagen in die Fußstapfen eines anderen treten. Zum Beispiel, wenn es um die Flüchtlingskrise geht oder die Konflikte im Nahen Osten. Man hat die Möglichkeit, die Geschichte direkt zu beeinflussen. So eine medial vermittelte Erfahrung ist sehr eindrücklich, wohingegen vielleicht zum Beispiel ein Dokumentarfilm, der dasselbe Thema behandelt, Schwierigkeiten hätte, das so rüber zu bringen.

Siniawski: Was macht denn ein gutes Serious Game aus? Können Sie uns vielleicht ein oder zwei Beispiele nennen, die auf dem anstehenden Festival relevant sind? Ist es zum Beispiel die Flüchtlingskrise?

Pollack: Ja, es gibt tatsächlich ein paar Beispiele auf dem "Games for Change"-Festival, die genau solche gesellschaftlich relevanten Erfahrungen behandeln, die zum Beispiel die Syrienkrise erfahrbar machen. Ein tolles, virtuelles Spiel heißt "Projekt Syrien", das die Lebenswirklichkeit in Syrien erlebbar macht, denn man lebt auf spielerische Weise das Leben eines Menschen in dieser Situation. Es gibt außerdem Games, die den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern behandeln. Sie machen es möglich, die verschiedenen Perspektiven in dem Konflikt zu erfahren. Diese Spiele sollen also eine unparteiische Annäherung möglich machen, um die Probleme wahrzunehmen und sie regelrecht zu spüren. Man kann dann damit experimentieren und sehen, was passiert, wenn man bestimmte Entscheidungen trifft.

Den Nahost-Konflikt "spielen" - geht das überhaupt?

Siniawski: Sie erwähnten den Nahost-Konflikt. Ist das nicht ein viel zu komplexes Thema für ein virtuelles Spiel? Ich meine, das Leben ist doch viel komplexer, weil ein Computerspiel begrenzt ist in seinen Optionen. Wie groß ist also der Nutzen dieser Spiele für die Realität und unser alltägliches Leben?

Pollack: Spiele aus dem Bereich Games for Change unterliegen genau denselben Herausforderungen wie jedes herkömmliche Spiel, unabhängig vom Spieleentwickler. Sie sollen eine bestimmte Zielgruppe erreichen. Was wir aber feststellen, ist, dass solche Serious Games gern in Schulen genutzt und auch in die Curricula integriert werden. Dies eröffnet dann einen neuen Weg, um viel tiefer in ein bestimmtes Thema einzutauchen und vielleicht ein Gespräch basierend auf den Spielerfahrungen führen zu können. Andere Wege, wie wir versuchen das zu fördern, sind eben zum Beispiel solche Festivals wie das unsere, wo wir Anlässe schaffen, um diese Spiele unter die Leute zu bringen. Vor allem auch dort, wo sie das gar nicht erwarten. Wir waren zum Beispiel auf dem Tribeca-Filmfestival, das von Robert de Niro mit ins Leben gerufen wurde. Da waren gut 200.000 Menschen. Die haben vielleicht Spiele wie Pokémon oder Candy Crush erwartet. Stattdessen haben sie fantastische Spiele kennengelernt, die fürs Lernen oder gesellschaftliche Themen gemacht wurden. Genau das sind Gelegenheiten, um auf diese Spiele aufmerksam zu machen. Sie können sie übrigens auch auf unserer Internetseite finden, die meisten sind sogar kostenlos und man kann sie einfach ausprobieren.

Eine Chance für die Schulen

Siniawski: Bei uns in Deutschland ist das ja ein wenig anders. Ich habe gelesen, dass die meisten deutschen Schulen immer noch zögern, solche Spiele im Klassenzimmer zu nutzen, weil sie befürchten, dass die Inhalte vielleicht zu dürftig sind. Außerdem haben ältere Lehrer häufig nicht genug eigene Spielerfahrung. Sollten unsere Schulen sich mehr vertraut machen mit Serious Games?

Pollack: Sehen Sie, in den USA wird diese Bewegung von unserer Regierung unterstützt, um solche Spiele in den Schulen zu integrieren. Das ist Teil einer generellen Initiative. Die heutigen, neuen Technologien und die neuen Möglichkeiten, die sie mit sich bringen, sollen nämlich in den Unterricht eingebunden werden. Unserer Meinung nach sind diese Games aber kein Ersatz für Lehrer oder den Lehrplan, sondern eher eine Ergänzung, um die Schüler für bestimmte Fächer und Fachgebiete zu begeistern.

Siniawski: Lassen Sie uns über die Wirkungskraft und den Einfluss dieser Spiele sprechen. Es ist ja nicht einfach, Gamer für gesellschaftliche Themen zu sensibilisieren oder gar sie zu unterrichten - ohne dabei trocken, komplex oder gar langweilig zu sein.

Pollack: Ja, das ist eine Herausforderung. Zum Beispiel im schulischen Umfeld muss man einen Weg finden, bestimmte Inhalte zu vermitteln und dabei die Aufmerksamkeit der Schüler nicht zu verlieren. Aber ich glaube, ein guter Geschichtenerzähler und Spieleentwickler kann seine Themen so präsentieren, dass die Spieler regelrecht gefesselt sind. Vor allem, wenn es um etwas geht: etwa das nächste Level zu erreichen oder etwas zu bewältigen, das man erst einmal inhaltlich verstehen muss. Das miteinander zu verbinden, gehört zum Handwerk eines guten Gamedesigners.

Öffentliche und private Geldgeber engagieren sich für Serious Games

Siniawski: Wer initiiert denn eigentlich neue Spiele in diesem Bereich? Sind Sie es und Ihre Mitarbeiter, die NGOs oder staatliche Stellen?

Pollack: Also, wir von Games for Change sind selbst weder Spieleentwickler noch ein Gamestudio. Wir sind nicht an Profit interessiert. Aber wir unterstützen Spieleerfinder und helfen ihnen, ihre Entwicklungen zu finanzieren. Es gibt eine Menge Gamestudios, die sich selbst finanzieren - mit Leidenschaft und mit viel Spaß. Es gibt auch ein Verkaufsmodell für Spieleentwickler, bei dem man zum Beispiel 1,99 Dollar für ein Game bezahlen muss. Aber kostenlose Spiele werden oft von öffentlichen oder privaten Institutionen finanziert. Zum Beispiel von der American Express Foundation, die ein Spiel zum Schutz unserer Nationalparks finanziert hat. Es gibt auch ein Spiel, das von der Deutschen Telekom gefördert und entwickelt wurde und in den letzten Monaten sehr erfolgreich war: "Sea Hero Quest". Da geht es darum, Daten zu sammeln, die für die Demenz- und Alzheimerforschung genutzt werden können. Es gibt also eine Menge Initiativen, sei es auf Regierungsebene oder auch von privaten Organisationen. Und natürlich, Sie haben schon richtig erwähnt, auch NGOs suchen nach neuen Wegen, um die Menschen zu erreichen und zu bewegen, Geld zu spenden und Unterstützung zu bekommen.

Siniawski:  Sie haben die Deutsche Telekom erwähnt. Welche Rolle spielen denn deutsche Spieleentwickler in Ihrem Festival?

Pollack: In Europa gibt es eine recht solide Community von Gamedesignern, die im Bereich der Games for Change arbeiten. Erst im letzten Monat gab es in Paris ein "Games for Change"-Festival, und wir begrüßen es sehr, wenn internationale Spieleentwickler an unseren Treffen in den USA teilnehmen. Wir richten auch weltweite Wettbewerbe aus, und wir ermuntern die Community auf der ganzen Welt, Spiele zu bestimmten, gesellschaftlichen Themen oder Problembereichen zu entwickeln. Wir haben zum Beispiel gerade einen Wettbewerb zum Thema Klimawandel beendet. Und die Gewinner stellen wir ab morgen auch auf unserem "Games for Change"-Festival vor. Ich möchte daher alle Spieleentwickler ermutigen, sich dieser Herausforderung zu stellen.

 

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