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"Gay Chic - Von der Subkultur zum Mainstream"

Vielen gilt sie nach wie vor als Subkultur, doch haben immer mehr Codes aus der Homosexuellen-Szene Eingang in den Modealltag. Frauen in Hosenanzügen, Männer mit Ohrringen: Vor 50 Jahren war das noch undenkbar weil eindeutig besetzt, inzwischen gehört es zum modischen Mainstream. Eine Ausstellung im Zürcher Museum für Gestaltung dokumentiert diese Entwicklung nun in der Mode, aber auch in Werbung, Film, Partykultur und Popmusik.

Von Christian Gampert | 28.04.2006

    Dass Angela Merkel im harten Politikgeschäft Hosenanzüge bevorzugt und jeder zweite Theaterschaffende Glatze, Kapuzenpulli und Ohrring trägt, sagt über deren sexuelle Orientierung selbstverständlich gar nichts aus. Und doch stammen diese modischen Codes ursprünglich aus den schwulen und lesbischen Minderheiten-Kulturen. Wer sich vergegenwärtigt, wie deren Lage noch in den 1950iger Jahren aussah, mit Kuppeleiparagraph und Strafbarkeit der Homosexualität, der ahnt etwas vom Schwindel erregende Tempo des Wandels im Kapitalismus.

    Um zu erklären, wie Moden, Zeichen, Verhaltensweisen einer zunächst ausgegrenzten Gruppe mehrheitsfähig werden, bräuchte man ein theoretisches Konzept - und nicht nur den allgemeinen Verweis darauf, dass die Ideen der Subkultur von den Etablierten schon immer schwammartig aufgesogen und integriert und kommerzialisiert wurden, vom Underground-Film bis zum Garagenrock Aber warum? Welches Bedürfnis steht dahinter, wenn heute Männer immer mehr weibliche Codes benutzen? Ist die Gesellschaft schwuler geworden, oder nur liberaler? Oder ist das Naheliegendste wahr: der Umgang mit solchen Zeichen ist heute einfach nur ein großer Joke - so wie man DDR-Nostalgie-Parties veranstaltet?

    Eine wirkliche Theorie dazu gibt es in Zürich nicht, sondern nur eine große Materialsammlung. Aber auch die hat es in sich. Wir begrüßen herzlich: Marlon Brando, ein Idol der Schwulenbewegung. David Beckham, Ikone der Metrosexuellen. Madonna, Patronin aller öffentlich küssenden Lesben. Also: man muss nicht schwul oder lesbisch sein, um zum Protagonisten einer Bewegung aufzusteigen. Man muss nur Stil haben. Bei dem maskulin wirkenden frühen Brando (etwa in dem Film "The Wild One") waren es die makellos weißen T-Shirts, die von den Homosexuellen übernommen wurden. Bei David Beckham, (Fußballstar, Familienvater, verheiratet mit einer Ex-Popsängerin), ist es der Mix aus hetero- und homosexuellen Attributen, die Frisur, die Kleidung, der Klunker, der ihn sowohl für Frauen als auch für Männer attraktiv erscheinen lässt. Die eindeutig hetero-fixierte, aber von Schwulen hymnisch verehrte Madonna küsste auf der Verleihung der MTV-Awards 2003 Kollegin Britney Spears mit der Zunge - und fand begeisterte Nachahmerinnen.

    Das also sind die Stars, die Trends setzen. Oder sind sie nur Ausführende eines viel tiefer liegenden, breiten Bedürfnisses? In Zeiten großer Verunsicherung darüber, was denn die eigene Geschlechtsrolle sei, ist das Androgyne wieder gefragt - Mick Jagger war erst der Anfang. Man spielt vor allem in der Mode mit den Versatzstücken männlicher und weiblicher Identität, und siehe da: diejenigen, die besonders gut damit spielen können, sind die Schwulen. Viele schräge Trends auch in Werbung, Musik, Film und Kunst stammen aus dieser Subkultur - und die Ausstellung belegt schön bunt und mit produktivem Chaos, wie sehr das Effeminierte und das Aggressive, das Spielerisch-Parodistische und das Martialisch-Rasselnde unter Aufhebung normaler Geschlechts-Zuschreibungen den Kulturbetrieb dominieren.

    Am schönsten ist das natürlich an der Musik und den Plattencovern der 1970iger bis 90iger Jahre nachzuvollziehen: das ist eine große Spielwiese des sexuellen Crossover, und man muss nur die Heroen der Punk-Bewegung, aber auch Lou Reed, David Bowie, Elton John, Prince, Michael Jackson vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen lassen, um zu wissen, was da passiert ist. Im anderen Mannschaftsteil spielen dann, glatzköpfig, Grace Jones und Sinéad O’Connor.

    Die Ausstellung geht aber auch zurück in die Anfänge etwa der lesbischen Bewegung: die ersten Anzüge, die Marlene Dietrich trug, hat man aus dem Deutschen Filmmuseum ausgeliehen, man verfolgt Dandy und Garconne, Oscar Wilde und Greta Garbo, den Kult um schwule Matrosen und Soldaten, später dann die Disco-Kultur der New Yorker Gay Communitiy und die Drag-Queen-Szene. Wichtig ist allerdings zu begreifen, dass "Gay Chic" nicht unbedingt etwas mit sexuellen Präferenzen zu tun hat, sondern mit Oberfläche, Verhüllung, Verpackung: hier werden Attitüden verkauft, Haltungen, Moden - für alle. "I am a deeply superficial person", ich bin ein zutiefst oberflächlicher Mensch - so brachte Andy Warhol diese Ambivalenz schön ironisch auf den Punkt.

    Und so stehen wir vor dem merkwürdigen Faktum, dass Calvin-Klein-Feinripp-Unterhosen und Waschbrettbäuche, enthaarte Männerbrüste und Militärklamotten offenbar zum allgemeinen Kulturgut gehören, obwohl sie ursprünglich von der schwulen Szene favorisiert wurden. Man kann alles mit allem kombinieren, sagt uns diese Ausstellung. Und: die heterosexuellen Disco-Gänger sehen heute oftmals schwuler aus als die wirklichen Schwulen. Die Kleidung als Verkleidung: ein Spiel ohne Grenzen.