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Gaza ist nicht nur Hamas

Seit die Hamas im Juni 2007 die Macht in Gaza übernommen hat, riegelt Israel den Gazastreifen vollständig ab. Der Großteil der Menschen in dem dicht besiedelten Gebiet lebt unter der Armutsgrenze und ist auf Hilfsgüter angewiesen. Besonders schwierig ist die Situation für Frauen.

Von Beate Hinrichs |
    Ein Dutzend Frauen sitzt im Kreis und macht Yogaübungen - in weiten Röcken und Schlabberhosen, mit offenen Haaren oder Kopftuch. Entspannt wirken sie - hier, im Frauengesundheitszentrum der "Culture and Free Thought Association" im Flüchtlingslager Al Bureij.
    "Wir wollen den Frauen einen Freiraum bieten. Frauen dürfen zwar auch mitentscheiden, aber meist haben die Männer das Sagen. Machen wir uns nichts vor: Viele Frauen, die bei uns einen Fitnesskurs besuchen, erzählen ihrem Mann, dass sie zur Ärztin gehen, denn sonst würde er sie nicht weglassen."

    Gesundheit umfasst hier mehr als Medizin, sagt Majeda Al-Saqqa, eine der Gründerinnen der Basisinitiative "für Kultur und Freies Denken". 600 Besucherinnen nutzen die Angebote des Frauenzentrums jeden Monat. Seit es 1995 eröffnet wurde, gibt es Mal- und Sportkurse, eine Sauna, Rechtsberatung, Psychotherapie und etliche Gesundheitsleistungen. Und ein außergewöhnliches Brustkrebsprogramm, das ein Tabu angeht.

    "Frauen, die einen Teil ihres Körpers verlieren, werden enorm stigmatisiert. Manche Männer lassen sich deswegen scheiden. Darum bieten wir neben der medizinischen auch eine soziale Versorgung an: Wir sprechen mit dem Ehemann, den Kindern, den Nachbarn - wo immer ein Problem auftaucht, greifen wir ein."

    Das Programm wird unter anderem von der deutschen Hilfsorganisation medico international finanziert. Mittlerweile kommen Frauen aus dem ganzen Gazastreifen hierher zur Krebsvorsorge - aber die israelische Blockade erschwert die Behandlung: Weil Röntgengeräte nicht eingeführt werden dürfen, gibt es in Gaza keine Strahlentherapie, und Ärzte amputieren oft vorschnell die ganze Brust.

    Seit die Hamas im Juni 2007 die Macht in Gaza übernommen hat, riegelt Israel die Enklave fast vollständig ab. Die Arbeitslosigkeit liegt bei 40 Prozent; 80 Prozent der Menschen leben unter der Armutsgrenze und sind abhängig von internationaler Hilfe. Viele Waren werden durch Tunnel aus dem benachbarten Ägypten geschmuggelt – oft in schlechter Qualität und zu überteuerten Preisen.
    Maha Al-Banna gehört zu den Privilegierten. Die 37-jährige Mutter von vier Kindern verdient gut als Lehrerin, Journalistin und in der Öffentlichkeitsarbeit. Doch selbst sie stöhnt über die Preise für Lebensmittel - sie hätten sich in einem halben Jahr vervierfacht, schätzt sie.
    "Aber die Frauen hier sind sehr stark. Sie müssen ihre arbeitslosen Ehemänner aushalten, die kein Geld mehr heimbringen. Ich kenne zum Beispiel eine Frau, die vormittags in einer Firma putzt und danach bis abends in Privathaushalten sauber macht. Sie hat neun Kinder und ihr Mann keine Arbeit. Das ist ganz typisch."

    Amal Syam ist ebenfalls mehrfache Mutter, trägt ein Kopftuch und ihr Mann muss ihr beim Kochen, Waschen und Putzen helfen. "Ich bedecke meinen Kopf, aber doch nicht meinen Verstand!", sagt sie selbstbewusst. Sie arbeitet im Women's Affairs Centre. Die Sozialforscherinnen dort wissen: Seit der Gazastreifen abgeriegelt ist, wächst auch die Gewalt gegen Frauen in der Familie. Frustrierte Männer suchen ein Ventil, und die Versorgungslage macht es den Frauen doppelt schwer, sagt Amal Syam:

    "Die Gewalt kann schon losgehen, wenn das Essen nicht schnell genug auf dem Tisch steht. Der Mann sucht ja nur einen Vorwand, seine Frau anzuschreien oder zu schlagen. Er oder seine Mutter fragen dann allen Ernstes: 'Warum bist du nicht fertig? Was hast du bloß gemacht, während ich weg war?'"

    Wenn Wohnungen überfüllt sind, weil Israel Wohnraum zerstört und die Einfuhr von Baumaterial zum Wiederaufbau verbietet, können Frauen kaum ausweichen - weder gehen sie allein in Cafés noch finden sie Schutz vor Gewalt. Die "Culture and Free Thought Association" will darum ein Frauenhaus einrichten.

    "Das wird nur schwer akzeptiert, und darum machen wir das in Kooperation mit dem Sozialministerium und der Polizei. Die sind natürlich voreingenommen und glauben, die Opfer hätten etwas falsch gemacht. Wir versuchen, sie zu überzeugen, dass ein gewalttätiger Mann vielleicht krank oder gestört ist oder eben einfach andere misshandelt; dass es jedenfalls nicht die Schuld der Frau ist."

    Die islamistische Regierung in Gaza unterstützt also ein Frauenhaus? Der Polizeistaat der Hamas hat widersprüchliche Seiten, sagt Majeda Al-Saqqa. Er übe auch brutalen Druck aus: Einmal seien Maskierte nachts in ihr Haus eingedrungen und hätten ihre Mutter bedroht, um die Computer des Vereins zu konfiszieren.

    Majeda Al-Saqqa ist eine kurzhaarige, unverheiratete, energische Feministin - die einzige Frau im Süden des Gazastreifens, die kein Kopftuch trägt.

    "Früher bin ich dauernd deswegen angemacht worden. Aber mal ehrlich: Seit die Hamas die Macht übernommen hat, wagt das keiner mehr. Ihr denkt immer, Hamas-Leute sind gleich Taliban. Nein! Die Hamas übt Gewalt aus, aber nicht wegen meines unbedeckten Kopfes. Früher dachten die Männer: die Straße gehört ihnen. Wenn jetzt ein Mann auf der Straße eine Frau belästigt, verhaften Hamas-Leute ihn auf der Stelle."

    Natürlich engt Hamas die Frauen ein - sie dürfen öffentlich keine Wasserpfeife mehr rauchen und gehen nur noch mit Familie an den Strand. Und: Seit Kurzem dürfen die fünf männlichen Damenfriseure in Gaza keine Kundinnen mehr in ihrem Laden bedienen. Doch auch das gehört zur Realität: Häufig versucht die Regierung, Restriktionen durchzusetzen und macht einen Rückzieher, wenn es Proteste gibt. Frauen sind nicht verpflichtet, ihr Haar zu bedecken - aber als Majeda Al-Saqqa ihren Ausweis verlängern wollte, sollte sie auf dem Passfoto ein Kopftuch tragen. Sie weigerte sich - und gewann.

    "Ich bin eine Frau ohne Kopftuch. Und alle müssen mich sehen und wissen, dass ich hier lebe und nicht moralisch respektlos bin. Sie glauben nicht mehr an Gott als ich! Sie sagen: "Atheistin, Kommunistin, Du denkst europäisch!" Und ich sage: "Ich bin Palästinenserin wie ihr! Ihr kämpft mit Waffen; ich habe andere Werkzeuge. Ihr seid gegen die Besatzung, und ich auch. Ich kämpfe genauso wie Ihr!"