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StartseiteForschung aktuellGebärden im Netz04.09.2008

Gebärden im Netz

Internet-Forum für Gehörlose

Internettechnologie. - Eigentlich müsste das Internet für gehörlose Menschen ein gutes Kommunikations- und Lernmedium sein: der überwiegende Teil der Informationen sind Texte. Doch genau das bereitet vielen Gehörlosen Probleme, denn die geschriebene Sprache ist für sie eine Fremdsprache Ein Team der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen hat deshalb eine internetbasierte Lernplattform für Gehörlose entwickelt.

Von Simon Wiggen

Das Internet ist für Gehörlose ein problematischer Ort. (AP)
Das Internet ist für Gehörlose ein problematischer Ort. (AP)

Eins vorweg: Die Gebärdensprache für Gehörlose ist eine komplett eigenständige Sprache. Zwanzig Gebärdensprachen gibt es allein in Europa. Jede von ihnen hat eine eigene Grammatik und eine eigene Struktur, die jedoch nichts mit der jeweiligen Landessprache zu tun hat. Für Gehörlose ist die deutsche Sprache eine Fremdsprache, die erst mühsam erlernt werden muss.

"Die Deutsche Gebärdensprache ist im Vergleich zur deutschen Lautsprache anders, sie hat eine andere Struktur, eine andere Grammatik, einen anderen Aufbau. In der Gebärdensprache ist der anders. Man kann einen deutschen Text nicht eins zu eins in die Gebärdensprache übersetzen."

Kilian Knoerzer, der seit seiner Geburt gehörlos ist, erklärte mit der Gebärdensprache die Unterschiede zwischen den Sprachen. Während seine Hände und Finger im Eiltempo Handzeichen, Symbole und Gesten formen, übersetzt seine Kollegin Daniela Driese ins Deutsche. Beide arbeiten an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen am Lehrstuhl für Philologie. Gehörlos, wie Kilian Knoerzer, sind in Deutschland rund 80.000 Menschen. Hinzu kommen nach Schätzungen des Deutschen Schwerhörigen Bundes noch etwa 140.000 Schwerhörige, die sich nur mit der Gebärdensprache verständigen können. Sabine Kortlepel, Linguistin an der RWTH Aachen:

"Dadurch, dass Gehörlose die Sprache nicht über das Gehör aufnehmen können und in den Schulen oft noch oral, also in Lautsprache unterrichtet wird, haben Gehörlose eine Schreibkompetenz von im Mittel einem Zehnjährigen, was für den Arbeitsmarkt natürlich eine große Schwierigkeit mit sich bringt."

Doch nicht nur auf dem Arbeitsmarkt bereitet die Verständigung Probleme, auch in der virtuellen Welt sind die Hürden für Gehörlose groß. Und das, obwohl das Internet nur über die Schriftsprache Informationen vermittelt und nicht akustisch. Doch genau darin liegt das Problem: Informationsbeschaffung in einer anderen Sprache ist wohl für niemanden leicht – egal ob gehörlos oder nicht. Schwierig ist auch die Kommunikation unter den Gehörlosen über größere Entfernungen. Per Videotelefonie funktioniert das zwar, aber SMS-Nachrichten per Handy sind meist zu kurz und mit dem normalen Telefon geht es für Gehörlose gar nicht. Auch ein Chat in Internet-Foren funktionierte bislang nur über den Umweg der deutschen Fremdsprache. Kilian Knoerzer von der RWTH Aachen erklärt die Probleme seiner gehörlosen Freunde so:

"Wir können im Internet teilweise lesen, klar logisch, aber es ist nicht so, dass alle Gehörlosen gut lesen können. Auch mit dem Schreiben ist es immer ein Problem. Wenn wir die deutsche Sprache wiedergeben wollen, müssen wir ja auf die Schriftsprache zurückgreifen und das ist halt immer schwierig."

Genau hier setzt die Arbeit de Projekt-Teams Vibelle in Aachen an. Die Abkürzung Vibelle steht für Visuelles zu Beruf, Leben und Lernen und ist ein Gemeinschaftsprojekt der RWTH Aachen und des Fraunhofer Instituts für Angewandte Informatik. Das zwölfköpfige Team hat eine Indezenteste entwickelt, die genau an die Bedürfnisse der Gehörlosen angepasst ist. Denn die Gebärdensprache ist eine rein visuelle Sprache, das heißt, sie ordnet die Inhalte im Raum an. Gehörlose nennen zum Beispiel den Namen einer Person und zeigen auf einen bestimmten Punkt vor ihnen. Beziehen sie sich in der Unterhaltung später wieder auf diese Person, zeigen sie auf den gleichen Punkt und ohne den Namen der Person nennen zu müssen, wissen die Gesprächspartner, wer gemeint ist. Ähnlich funktioniert die Homepage von Vibelle. Kortlepel:

"Wie auf einem Schreibtisch sind die Themen von Vibelle angeordnet, jedes Thema hat eine eigene Farbe, die Themen kann man zu sich heranziehen, das heißt man klickt auf eine Kugel und diese Kugel erscheint dann in der Mitte der Navigation und ein Gehörloser erklärt in Gebärdensprache, was sich in dieser Kategorie oder Sektion verbirgt."

Alle Inhalte der Seite sind übersichtlich angeordnet und werden ebenfalls in Gebärdensprache präsentiert. Darunter sind Lerntests für Mathe und Deutsch, sowie Gesetzestexte und Richtlinien, bei denen es auf den genauen Wortlaut ankommt.
Auf der Vibelle-Seite gibt es jetzt zudem ein Forum, in dem die Gehörlosen chatten können: in Gebärdensprache.

"Das ist eigentlich wie bei ganz gewöhnlichen Foren. Man kann einfach ein neues Thema eingeben, dafür gibt es einen Button, den klickt man an, dann muss man auf ein Feld klicken, wo man auf "Zulassen" klickt um die Webcam zu aktivieren. Wenn man sich selbst dann auch auf dem Film sieht , dann klickt man einfach auf aufnehmen, und dann kann man einfach gebärden, seinen Beitrag einstellen. Und wenn man fertig aufgenommen hat, klickt man auf Stop und gleichzeitig kann man auch noch einen Text eingeben. So einfach ist das."

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