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Gebaute Veränderung

Von Thomas Morus über Campanella bis zum Kibbuz: Ohne Architekturfantasie kam keine der großen Sozialutopien aus. Heute scheint das gesellschaftsverändernde Bauen verschwunden zu sein.

Von Christian Gampert | 16.06.2012

"Zur Sonne sollten die Menschen wohnen! ... und sollten freyes Licht, freye Luft, freyes Leben von Pol zu Pol haben." So schrieb der Aufklärer Franz Heinrich Ziegenhagen 1792 in seiner "Verhältnislehre". Das meint, der Mensch müsse mit der Welt, mit sich selbst, mit Gott im richtigen Verhältnis stehen, dann ziehe er ein ins irdische Paradies. Ziegenhagens Kollege, der Arzt Bernhard Christoph Faust, entwarf gar eine "Sonnenstadt", in der alle Häuser zur Sonne ausgerichtet waren – und das heißt: Alle Menschen sind unter dem Himmel gleich. Aber die Häuser standen dann auch kasernenmäßig stramm gen Süden.

Solche Projekte, die meist nur auf dem Papier existierten, werden in der Münchner Ausstellung vorgestellt – denn es gibt, von Thomas Morus bis Campanella, fast keine Sozialutopie, die ohne Architektur-Phantasie auskommt. Man könnte nun eine staubtrockene Ausstellung mit viel Text erwarten. Das ist aber nicht so: Man hat hier zwar durchaus Bücher, aber mehr noch Pläne, Skizzen, Stiche, Fotos und vor allem Modelle der architektonischen Utopien zu betrachten. Ein Modell des – vom Frühsozialisten Charles Fourier ersonnenen - "Phalanstère" zum Beispiel haben Münchner Studenten im Maßstab 1:1000 in Holz gefertigt. Dieses (nie realisierte) Genossenschaftsprojekt war einerseits angelegt wie eine Phalanx, also wie ein Kampfverband, andererseits dem Schloß von Versailles nachempfunden. Solch streng geometrische Anordnungen sind aber für gesellschaftsverändernde Architekturansätze durchaus typisch, sagt Ausstellungs-Kurator Winfried Nerdinger.

"Zumeist waren diese Utopien so ausgerichtet, dass sie perfekt organisiert waren, mit einem perfekten Herrschaftssystem, und das spiegelt sich dann in strenger, geometrischer Architektur. Es gibt dann, seit dem 16.Jahrhundert, Utopien, die ein freies Leben, eine Art anarchistischer Utopie entfalten. Da spielt Architektur keine große Rolle. Und seit dem 18.Jahrhundert werden dann diese beiden Stränge miteinander verknüpft, es gibt so das freie Leben, das trotzdem in einer gewissen Strenge der Architektur stattfinden soll."

Die dunkle Seite der Industrialisierung mit ihren Slums und Armenwohnungen brachte dann Ebenezer Howard auf den Gedanken, Gartenstädte zu bauen – die Verzahnung von Stadt und Land ist ein bis heute erfolgreiches Konzept, wenngleich das von Howard propagierte Gemeinschaftseigentum nicht mehr en vogue ist. Die Ausstellung geht dann weiter zu Tony Garniers "Cité industrielle", Fabrik plus Wohnen mit gemeinschaftlichem Grundbesitz, zu Bruno Tauts Idee von "gläsernen Städten" in reiner Bergwelt, und zu Frank Lloyd Wrights amerikanischem Traum von Siedlungen, wo Familien-Flachbauten "one acre" Land um sich haben.

Kommunistische Architekten der Sowjetunion entwarfen sogenannte Gemeinschaftshäuser, wo dem Einzelnen nur schmaler Wohnraum zugestanden und das Wesentliche im Kollektiv erledigt wurde. Auch dies blieb Wunschtraum – im Gegensatz zum israelischen Kibbuz, der zwar keine typische Bauform hervorbrachte (wiewohl er meist auf ein Zentrum hin angelegt wird), der aber eine der wenigen realisierten Gesellschaftsmodelle dieser Ausstellung ist.
Auch der Aufklärer Ziegenhagen hat übrigens versucht, seine "Verhältnislehre" in der Realität zu erproben. Leider ging das schief, sagt Winfried Nerdinger.

"Er hat das auch im Experiment versucht, indem er eine kleine Siedlung bei Hamburg aufgekauft hat, Billwerder, da wollte er diese Ideale verwirklichen. Das sollte dann auf das Umfeld ausgreifen, und nach und nach sollte diese Harmonie die ganze Welt überziehen."

Man mag sich fragen, warum gesellschaftsverändernde Architekturideen heute kaum noch existieren. Es liegt vielleicht daran, daß Architekten heute lieber unverwechselbare Häuser-Skulpturen als ihre Duftmarken hinterlassen. Und zum anderen: die Gesellschaftsutopie als solche scheint ausgestorben. Daran aber ist die Architektur nun wirklich nicht schuld.