Dienstag, 07.04.2020
 
Seit 19:15 Uhr Der Kultur-Abend
StartseiteTag für TagSchenken mit Hintergedanken19.12.2019

Geben und Nehmen in den Religionen: AtheismusSchenken mit Hintergedanken

Auch Atheisten und Agnostiker feiern an den Weihnachtstagen, aber ganz ohne religiöse Botschaft. Es gibt weder einen Erlöser noch ein Geschenk des Himmels. Geschenke spielen aber eine Rolle, denn das Schenken könne beglücken, sei aber nie selbstlos, sagt der Philosoph Joachim Kahl.

Von Mechthild Klein

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein kleines Geschenk in weihnachtlicher Verpackung wird auf zwei Händen überreicht. (unsplash / Ben White)
Geben und Nehmen - Grundprinzipien menschlichen Lebens auch ohne Religion (unsplash / Ben White)
Mehr zum Thema

Vom Geben und Nehmen: Buddhismus Reich ist, wer teilen kann

Geben und Nehmen in den Religionen: Islam Großzügigkeit - die Tugend des Propheten

Geben und Nehmen in den Religionen: Judentum Kleine Geschenke vollenden die Schöpfung

Moral "Dem Humanismus neu zum Sieg verhelfen"

Weihnachtsabend bei dem Ehepaar Kahl in Marburg. Joachim Kahl ist Philosoph und Atheist. Weihnachten wird auch bei dem Atheisten gefeiert – sogar mit Tannenbaum.

Joachim Kahl sagt: "Ohne das religiöse Brimborium, da ist kein Welterlöser geboren. Das kann einfach wegfallen. Das Leben wird dadurch ehrlicher. Aus religiöser Sicht wird es leerer. Aber das ist nur aus religiöser Sicht so. Das Leben hat auch ohne Religion seine eigenen Reize. Kann es jedenfalls haben."

Joachim Kahl ist Ehrenmitglied im Humanistischen Verband Deutschlands. Der Philosoph schätzt zwar die christliche Folklore, die Kultur dahinter: Zum Beispiel Weihnachtsoratorien und auch die Schenktradition.

"Geschenke natürlich! Obwohl meine Frau und ich schon seit Jahrzehnten einen wechselseitigen Verzicht auf Weihnachtsgeschenke verabredet haben."

Vier Kerzen - vier Jahreszeiten

Das machten viele ältere Paare so. Die Ideen für originelle Geschenke sprudeln nicht mehr so. Auf dem Wohnzimmertisch des Atheisten brennt ein Adventskranz – die vier Kerzen stehen für die vier Jahreszeiten, sagt Joachim Kahl. Der Tannenbaum ist geschmückt. Die christliche Botschaft lehnt er ab:

"Die Kernaussage eines weltlichen Humanismus, für den ich stehe und lebe, ist negativ gesehen, unser Leben ist kein Geschenk Gottes, sondern wir werden ins Leben geworfen. Und zwar oft durch Zufälle."

Ins Leben geworfen - das ist eine philosophische Aussage. In der Tradition von Jean-Paul Sartre heißt das: Es gibt keinen höheren Sinn im Leben, den eine transzendente Macht verleiht. Den Sinn muss sich der Mensch schon selbst geben. Und bei den Geschenken sieht es der Philosoph ähnlich:

"Geschenke gehören zum Leben dazu, sind nichts spezifisch Christliches, wurden bereits im vorchristlichen Rom zur gleichen Zeit auch verteilt und im germanischen Milieu auch."

Und die Ursprünge des Christentums kennt Kahl sehr gut. Er wurde sogar in Theologie promoviert, bevor er sich von der christlichen Lehre abwandte.

"Schenken ist menschlich"

"Schenken ist ein allgemein menschliches Phänomen und nichts spezifisch Humanistisches oder gar Atheistisches. Sondern Schenken ist ein Grundvorgang des menschlichen Lebens - übergreifend über alle Religionen und Generationen hinweg und Länder insgesamt. Darin drückt sich aus, dass das menschliche Leben ein Geben und Nehmen ist. Und zum Schenken gehört auch die Bereitschaft, sich beschenken zu lassen. "

Schenken kann beglücken, im Idealfall sogar beide Seiten. Aber eines sei Schenken sicher nicht: selbstlos.

"Alles Handeln der Menschen rührt aus einem wohlverstandenen aber auch oft missverstandenen Selbstinteresse heraus. Insofern kann man auch für das Schenken sagen, dass das Schenken nie ohne Hintergedanken erfolgt. Man erwartet mindestens einen Dank. Eine hochsublime Befriedigung."

Ein Gefühl der Zufriedenheit - das ziehen auch zahlreiche Spender zu Weihnachten aus ihren Gaben bzw. Geldüberweisungen für soziale Zwecke, für die Linderung von Armut in der Welt.

Effektiver Altruismus

Eine explizit nicht-religiöse Bewegung, die sich das Helfen auf die Fahnen geschrieben hat, ist die Stiftung "Effektiver Altruismus". Eine junge Bewegung aus den USA.

"Der Effektive Altruismus ist eine recht lose Bewegung von Menschen und auch Organisationen, die sich zusammentun, um sich systematisch und wissenschaftlich mit der Frage beschäftigen, wie man möglichst viel Gutes tun kann. Damit alle Leute profitieren, auch die sonst vernachlässigt werden."

Alexander Herwix ist Wirtschaftsinformatiker an der Universität Köln und Mitbegründer des deutschen Netzwerks der Effektiven Altruismus. Der deutsche Ableger besteht noch nicht lange und die Strukturen im Netz und der Organisation sind noch im Aufbau. Immerhin gibt es schon 25 Lokalgruppen hierzulande, die auf Facebook zu finden sind. Man trifft sich und tauscht sich aus, über Spendenprojekte oder eigene Ideen. Die Bewegung des Effektive Altruismus versteht sich als Plattform für viele Initivativen.

"Was uns auszeichnet ist, dass wir nicht auf ein Thema festgelegt sind, Das heißt, Es gibt viele Organsationen, die sich mit verschiedenen Teilfragen beschäftigen. Zum Beispiel Organisationen, im Bereich Tierschutz oder Tierwohl, aber auch im Bereich der globalen Entwicklung und Gesundheit und auch mittlerweile immer stärker mit einem Blick auf die langfristige Zukunft. "

In den Gruppen des Effektiven Altruismus dreht es sich alles darum, wie man mit Geldspenden oder Initiativen möglichst vielen Menschen helfen kann. Beziehungsweise die Welt ein Stück besser machen kann, wie Alexander Herwix sagt. Man investiert in Entwicklungsländern, auch weil dort der Nutzen am höchsten sei.

Geld vernünftig spenden

"Das funktioniert, weil es große Krankheiten wie Malaria oder tropische Krankheiten wie Würmer gibt. Und diese kann man sehr kostengünstig bekämpfen. Der Altruismus sagt uns aus ethischer Sicht ist es uns eigentlich egal, ob ein Menschenleben in Deutschland oder in Afrika gerettet wird. Deshalb ist es eine sehr attraktive Möglichkeit, die Welt ein bisschen besser zu machen, wenn man das Geld dort investiert, wo es am dringendsten gebraucht wird."

Vor allem junge Leute engagierten sich in der Bewegung in Deutschland. Alexander Herwix versteht sich als Agnostiker. Er sagt, dass engagierte Menschen zufriedener und produktiver seien. In den Arbeitsgruppen finde man zudem eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten.

"Meine Motivation ist, dass ich in der bestmöglichen Welt leben will, die existieren kann. Und das Ganze nicht nur für mich, sondern auch für alle anderen Wesen."

Religionen verbinden Schenken und Spenden mit einem höheren Sinn. Es geht nicht nur darum, dem anderen eine Freude zu machen, es gilt auch als Dienst an der Gemeinschaft und an Gott. Philosoph Joachim Kahl bezweifelt, dass religiöse Menschen aus edleren Motiven schenken als nicht-religiöse:

"Das ist ja ein Vorurteil, zu meinen, dass Atheismus, weil Verzicht auf eine religiöse Fundierung oder Sinnstiftung des Lebens, dass die deshalb bornierte Egoisten sind. Alle Menschen haben einen legitimen Egoismus. Der aber illegitim wird, wenn er übersteigert wird und wenn er die Interessen anderer Menschen ignoriert."

Unter Druck setzen - oder beflügeln

Das Schenken wird - wenn die Wechselseitigkeit stimmt - meist positiv empfunden. Es kann Menschen unter Druck setzen, wenn sie das Geschenk nicht annehmen wollen. Es kann sie aber auch beflügeln und bereichern, wenn sie sich gesehen fühlen.

"Ich halte es mit dem römischen Sprichwort: Do ut des – ich gebe, damit du gibst. Das ist das Geheimnis des Schenkens. Man gibt nicht selbstlos, das ist illusionär."

Dass man sich zu Weihnachten beschenkt, das möchte der Philosoph gerne beibehalten. Ihn stört der Monopolanspruch des Christentums auf die Deutung des Festes:

"Feste geben sich selbst eine religiöse Begründung. Aber Feste antworten auf ein Defizit im menschlichen Leben. Wir brauchen Feste. Und das Weihnachtsfest hat als Grundlage auch schon vorchristliche Wurzeln. Den Sachverhalt, dass die Tage so kurz und so dunkel sind und deshalb die vielen Lichtsymbole."

Der alte Sonnenkult der unbesiegbaren Sonne sei hier christianisiert worden. Erst im vierten Jahrhundert beginnen Christen, die Geburt Jesu zu feiern mit zahlreichen Symbolen und Übernahmen aus alten lokalen Kulten.

"Vier Jahrhunderte lang haben sich die Christen überhaupt nicht gekümmert, um einen Geburtstermin ihres vermeintlichen Erlösers. Sondern es gab im alten Rom schon zu dieser Zeit, in der Mittwinterzeit Feste, die Saturnalien, auch mit Geschenkverteilung."

Der Philosoph sieht in der christlichen Weihnachtsbotschaft einen Mythos. Die Menschwerdung Gottes in der Geburt Jesu – das sei eine Illusion. Das möchte der Philosoph entzaubert wissen. Das Schenken zu Weihnachten oder auch zum Geburtstag solle bittschön erhalten bleiben. Schenken ist auch für Atheisten und Humanisten eine Form der Zuwendung, die das eigene Leben bereichern kann.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk