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StartseiteTag für TagGroßzügigkeit - die Tugend des Propheten 17.12.2019

Geben und Nehmen in den Religionen: IslamGroßzügigkeit - die Tugend des Propheten

Am Ramadanfest bekommen Kinder Geschenke, am Opferfest alle Verwandten. Doch auch Weihnachten wird in einigen muslimischen Familien gefeiert: Oft erwarten Kinder eine Bescherung. Grundsätzlich gilt: Die Gaben sollen freiwillig sein. Der Zakat hingegen, die Abgabe an die Armen, ist Pflicht.

Von Mechthild Klein

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Süßigkeitenstand in Kairo, Ägypten, an dem Muslime für das Mawlid al-Nabi- Fest einkaufen  (imago images / Xinhua)
Am Geburtstag des Propheten Mohammed werden den Kindern Süßigkeiten geschenkt (imago images / Xinhua)
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"Sich Beschenken an sich hat einen sehr hohen Stellenwert. Aber es gibt jetzt keine Legenden wie der Nikolaus. Sondern vielmehr gibt es theologische Überlieferungen, an denen sich Muslime orientieren", sagt Rauf Ceylan, Religionssoziologe an der Universität Osnabrück.

"In den Hadithen geht es speziell um das Thema Beschenken, wo empfohlen wird, auch seine Mitmenschen zu beschenken. Und es gibt auch Überlieferungen, wo der Prophet, wenn man beispielsweise etwas Schönes an ihm gesehen hat, dass er auch so freizügig und großzügig war, demjenigen, dem das gefallen hat, zu beschenken."

Kein Haushaltsgerät für Mama

Hadith-Überlieferungen sind Sammlungen mit Aussprüchen des Propheten Mohammed, die Gelehrte im jeweiligen Kontext interpretiert haben. Immer gab es verschiedene Ausdeutungen nebeneinander. Schenken und Freigiebigkeit sind geschätzte Tugenden im Islam - daran gibt es keinen Zweifel. Aber die Gläubigen interessiert, was und wieviel angemessen ist für den Schenkenden oder den Beschenkten. Und dann geht es um viele Details und Abwägungen. Um Fürsorge geht es beim persönlichen Schenken erst mal nicht. Auch nicht um Haushaltsgeräte für Mama.

"Man muss unterscheiden zwischen Spende und jemand zu beschenken. Das Geschenk ist eigentlich nur Ausdruck der Liebe. Es soll dazu dienen, das Band zwischen zwei Menschen zu stärken. Zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern. Aber vor allem auch zwischenmenschlich, das heißt den Nachbarn und anderen."

Schenken ist der soziale Kitt, der Bindungen schafft und verstärkt. Das Schenken ist in zahlreiche islamische Feiertage eingeflossen. Beispielsweise ins Ramadan-Fest am Ende des Fastenmonats. Dann beschenken die Erwachsenen vor allem die Kinder. Zum Opferfest beschenken sich hingegen alle gegenseitig. Es ist auch ein Familienfest. Verwandte und Freunde besuchen sich gegenseitig und sitzen beim Festmahl zusammen. Man blendet Familienkonflikte aus oder macht sie über die Dynamik lustig. Das Opferfest gilt als höchster islamischer Feiertag. Dabei erinnern sich Muslime an den biblischen Urvater Abraham, der einen Widder anstatt seines Sohnes opferte. Aus Freude über Abrahams Vertrauen in Gott beschenkt man sich bis heute reichlich gegenseitig.

Der längste Arm als Maßeinheit

Ceylan: "Es gibt eine Überlieferung des Propheten, da wird er gefragt: Wer wird ins Paradies eintreten? Er spricht natürlich in Bildern. Er sagt: Derjenige oder diejenige mit dem längsten Arm. Die Menschen nehmen das wortwörtlich und beginnen die Länge ihrer Ärmel zu messen. Das ist nicht damit gemeint, sondern derjenige, der am meisten gibt. Das heißt, das Spenden, das Geben ist theologisch begründet. Das heißt, die Leute werden dazu animiert, auch zu schenken. Wir haben ja die zwei Arten von Spenden: Die normale Spende…"

Das sieht man häufiger auf den Straßen: Musliminnen und Muslime sind großzügig. Sie werfen dem Bettler oder Musiker auf der Straße Scheine oder Münzen in die Pappschale. Das erinnert an eine Tradition, die aus den Dörfern der Herkunftsländer stamme: Ein Festessen sollte nicht nur die am Tisch Versammelten erfreuen, auch die Nachbarn bekamen etwas ab. Der Brauch wird nicht mehr praktiziert. Aber die Bereitschaft, möglichst viele teilhaben zu lassen, die gebe es immer noch.

Ceylan: "Und dann gibt es die obligatorische Steuer, die Zakat. Das ist nochmal eine andere Kategorie, eine Art Vermögenssteuer. Wenn man ein gewisses Vermögen hat, dass man das sozusagen spenden soll. Das ist der Religion immanent und das Geben gehört zu den fünf Säulen des Islam."

Gott allein hat Besitz

Das Geben an Arme, die Zakat, ist eine Pflichtabgabe - ein Almosen. Anders als im Judentum, in dem es auch die Vorstellung gibt, dass Menschen helfen, die Gerechtigkeit Gottes durch Spenden an Arme wiederherzustellen. Im Islam geht man davon aus, dass die Schöpfung vollkommen und perfekt sei, sagt Rauf Ceylan:

"Nach islamischem Glauben besitzt allein nur Gott. Das heißt, der Mensch verwaltet nur. Es ist auch Absicht, dass es eine gewisse Asymmetrie gibt zwischen demjenigen, der besitzt und demjenigen, der nicht besitzt. Das ist eine Art Prüfung. Das heißt, dass der Mensch, der diese Güter verwaltet, auch materielle Güter, dass er auch verpflichtet ist, denjenigen etwas abzugeben, die es nicht haben."

So liegt es in der Verantwortung des Menschen, wenn er sozial tätig wird oder Güter teilt. Die Fürsorge solle sich nicht nur auf Menschen beschränken, sagt der Religionssoziologe, sondern auch Tiere einschließen. Auch die sollten nicht leiden:

"Dahinter steckt ein Sinn: Es ist auch für den Gläubigen eine Prüfung, auch seinen Charakter zu stärken. Letztendlich ist es auch im Kontext des Jenseits, das heißt, auch einen Heilanspruch im Jenseits zu erreichen."

"Muslimisches Weihnachten"

Wenn Christen nun zu Weihnachten die Geburt Jesu feiern, dann gibt es seit dem Mittelalter auch ein islamisches Fest, an dem der Geburtstag des Propheten Mohammed gefeiert wird. Die Feiertage heißen Mawlid al nabi oder Mevlid kandili und man beschenkt dann vor allem Kinder mit Geld oder Süßigkeiten. Das Fest wird auch in Deutschland gefeiert, vor allem in türkischen Moscheen werden Kerzen angezündet.

Ceylan: "Das ist eine Zeremonie, die viel später entstanden ist. Das geht jetzt nicht zurück auf die frühislamische Geschichte. Sondern das ist eine Zeremonie, die viel später entstanden ist. Man feiert den Geburtstag des Propheten. Man könnte es vielleicht als das muslimische Weihnachten benennen. Hier geht es auch um die Geburt eines Heilsbringers. Das wird aber nicht von allen Muslimen gefeiert. Es gibt Muslime, die sagen, das ist eine spätere Zutat. Man kann es feiern, aber es ist keine religiöse Pflicht."

Heute stellten sich nicht nur christlich-muslimische Paare einen üppig dekorierten Weihnachtsbaum ins Wohnzimmer. Sondern auch schon mal gläubige Muslime oder Kulturmuslime, die dafür offen seien, sagt der Religionssoziologe. Die Niederkunft Marias unter einer Dattelpalme, die Geburt Jesu also, wird auch im Koran ausführlich geschildert. Das Neugeborene ist etwas Besonderes, es kann sofort sprechen.

"Die Motivation ist auch so, dass die Muslimin oder der Muslim sagt: Weihnachten wird einfach die Geburt von Jesus gefeiert. Und für mich ist Jesus ein Prophet und daher ist das kein Problem. Das wird sich auch stärker integrieren in der muslimischen Community."

Rauf Ceylan erinnert an Kulturmuslime, die sich genauso an den religiösen Festen beteiligen wie Kulturchristen. Kinder, die an Weihnachten in der Kita oder in der Schule mitfeiern, kennen ohnehin weniger Berührungsängste. Die Bescherung unterm Tannenbaum erwarten viele von ihnen auch zu Hause. Ganz gleich, ob gläubig oder nicht, die Geste des Schenkens erschließt sich unmittelbar:

"Dass man auch einem anderen Menschen zeigt, dass man liebt, vertraut. Das Schenken und Beschenken, das festigt natürlich auch die Beziehung."

Denkanstoß für Muslime in Deutschland

Anders ist die Zakat-Spende, eine der fünf Säulen des Islam. Sie ist gerade nicht persönlich gemeint. Man gibt anonym Geld an Stiftungen oder Gemeinden, die sie an Bedürftige weiterleiten. Die Armen erfahren nicht, wer ihnen das Essen oder die Zuwendung spendiert. Diese Gabe kann aber auch eine Gemeinschaft festigen. Und der Religionssoziologe regt an, dass Muslime ihre Zakat künftig nicht in ihr Herkunftsland schicken mögen, sondern hier in Deutschland investieren.

Ceylan: "Das ist eine ganz große Ressource, die man gar nicht erkannt hat, auch in der Politik nicht. Dass auch Muslime dazu animiert werden sollten, ihre Zakate auch hier in Deutschland zu investieren. Denn es ist eine Sozialabgabe. Es geht ja darum, auch bedürftigen Menschen etwas zu geben. Das können Projekte sein. Und wir haben in Deutschland keine absolute Armut, aber wir haben relative Armut. Armut ist auch in Deutschland präsent. Die Zakat könnte man auch in Deutschland in verschiedenen Formen einsetzen - das wäre auch ein Denkanstoß für Muslime hier in Deutschland."

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