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StartseiteKalenderblattGeburt einer Atommacht24.08.2008

Geburt einer Atommacht

Vor 40 Jahren zündet Frankreich seine erste Wasserbombe im Südpazifik

Als die USA am 6. August 1945 die Atombombe auf Hiroshima abwarfen, war der Beginn des nuklearen Zeitalters markiert. Danach begann ein atomares Wettrüsten, das im Bau der Wasserstoffbombe gipfelte, der mit Abstand gewaltigsten Kernwaffe. Doch nicht nur Amerikaner und Sowjets entwickelten die nukleare Superbombe, auch kleinere Nationen eiferten den Großmächten nach. Darunter auch Frankreich. Heute vor 40 Jahren wurde auf Befehl von Staatspräsident Charles de Gaulles die erste französische Wasserstoffbombe gezündet.

Von Frank Grotelüschen

Foto von einem der vielen späteren französischen Atombombentests auf Mururoa von 1971. (AP Archiv)
Foto von einem der vielen späteren französischen Atombombentests auf Mururoa von 1971. (AP Archiv)

"Ein Land ohne Atombombe kann sich nicht zu Recht als unabhängig ansehen."

Es waren deutliche Worte, mit denen Frankreichs Staatspräsident Charles De Gaulle einst das Nuklearwaffenprogramm seines Landes rechtfertigte.

Amerikaner, Sowjets und Briten - sie alle hatten die Bombe bereits. Das stachelte Frankreich als vierte Siegermacht des Zweiten Weltkriegs an, ebenfalls eine Kernwaffe zu entwickeln. Im Februar 1960 detonierte in der Wüste von Algerien die erste französische Atombombe.

Doch dieser Test war nur der Auftakt. Zielstrebig verfolgte de Gaulle den Aufbau einer nuklearen Abschreckungs-Streitmacht. Er wollte Frankreich seine einstige Größe wiedergeben - und seine militärische Autonomie. Konsequent lehnte de Gaulle jede Zusammenarbeit mit den Verbündeten ab und weigerte sich, das französische Nukleararsenal in die Atomstreitmacht der NATO einzugliedern. Seine Begründung:

"Natürlich verstehen wir, dass die Atommächte - die USA, die Sowjetunion und Großbritannien - es nicht gerne sehen, dass auch Frankreich diese Waffen besitzt. Aber so lange andere Staaten in der Lage sind, uns zu zerstören, müssen wir uns wehren können."

Fast die Hälfte der französischen Verteidigungsausgaben floss in den sechziger Jahren in die Entwicklung von Nuklearsprengköpfen, Mirage-Bombern und Atom-U-Booten. Doch es gibt noch eine gewaltigere Waffe als die Atombombe - die Wasserstoffbombe. Sie basiert nicht auf der Spaltung von Uran, sondern auf der Verschmelzung von Wasserstoffkernen zu Helium. Damit hat die Wasserstoffbombe eine hundert- bis tausendmal größere Sprengkraft als eine Atombombe. Für die Militärstrategen das mächtigste Werkzeug der nuklearen Abschreckung.

Im französischen Atomprogramm besaß die Wasserstoffbombe zunächst jedoch keine Priorität. Das änderte sich Mitte der sechziger Jahre, als bekannt wurde, dass China an einer H-Bombe arbeitet. Fieberhaft machten sich Frankreichs Waffenkonstrukteure an die Entwicklung. Als Testgelände wurde das unbewohnte Südseeatoll Fangataufa auserkoren. Es liegt 45 Kilometer südöstlich von Mururoa, dem Haupttestgelände der Franzosen.

Am 24. August 1968 war alles bereit für den Test, Codename: "Canopus". Arbeiter befestigten die drei Tonnen schwere Bombe an einem Heliumballon. Dann ließen sie den Ballon bis auf eine Höhe von 520 Meter steigen:

"Ich war 1968 an den Vorbereitungen für die erste französische Wasserstoffbombe beteiligt. Als wir auf Fangataufa ankamen, trafen wir auf einen wunderschönen Ort, ruhig und unberührt, mit einer üppigen Vegetation. Nach der Explosion war nichts mehr da. Keine Häuser, keine Anlagen, keine Bäume, nichts. Die ganze Insel musste wegen der radioaktiven Kontamination komplett evakuiert werden."

So erinnert sich ein Arbeiter an die Explosion. Der Test war geglückt, Charles de Gaulle hatte sein Ziel erreicht: Sein Land durfte sich zur Riege der Atom-Supermächte zählen. Und: Frankreich testete munter weiter, bis Mitte der neunziger Jahre rund 200 mal.

1995 mehrten sich die Proteste, sowohl in Frankreich als auch international. Am spektakulärsten protestierte Greenpeace gegen die Atompolitik von Staatspräsident Jacques Chirac. Mit Schlauchbooten wagten sich Greenpeace-Aktivisten wie Claudia Sieg in die Sperrzone um das Mururoa-Atoll.

"Die französischen Marinesoldaten sind mit zwei bis drei Schlauchbooten hinter unseren Schlauchbooten hergefahren, bei Höchsttempo. Sind dann mit gezückten Messern in die Schlauchboote gefahren. Haben dann Löcher in die Schlauchboote gestochen, damit sie sinken."

Trotz der Proteste zündete Frankreich 1995 insgesamt sechs Sprengsätze. Doch der politische Druck wuchs. Im Januar 96 erklärte Chirac die Kernwaffenversuche für beendet, früher als erwartet.

" Dank dieser letzten Atomtestserie verfügt Frankreich über eine zuverlässige und moderne Verteidigung. Wie jeder von Ihnen, meine lieben Landsleute, will ich den Frieden. Einen soliden Frieden, einen dauerhaften Frieden. "

Im selben Jahr noch erklärten sich die Franzosen bereit, den Atomteststopp-Vertrag zu unterzeichnen. Ihr nukleares Arsenal aber ist bis heute gut gefüllt. Mit rund 350 Sprengköpfen ist Frankreich nach den USA und Russland die drittgrößte Atommacht der Welt.

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