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StartseiteKalenderblattGeburtsstunde der Revolution16.04.2007

Geburtsstunde der Revolution

Vor 90 Jahren kehrte Wladimir Iljitsch Lenin nach Russland zurück

Als Wladimir Iljitsch Lenin nach einer langen Zugreise quer durch das Deutsche Reich am 16. April 1917 in St. Petersburg ankam, begann ein neues Kapitel in der Geschichte der Menschheit. Ohne die Rückkehr des Bolschewisten aus der Schweiz nach Russland wäre die Oktoberrevolution rückblickend nicht denkbar.

Von Claus Menzel

Wladimir Iljitsch Lenin. (AP Archiv)
Wladimir Iljitsch Lenin. (AP Archiv)

Gefürchtet hatte der Reisende, unmittelbar nach seiner Ankunft von Polizei-Agenten festgenommen und in ein Gefängnis gebracht zu werden. Schließlich gehörte er noch immer zu jenen Emigranten, deren Rückkehr nach Russland der amtierenden Regierung als äußerst unerwünscht galt. Doch als Wladimir Iljitsch Uljanow, genannt Lenin, auf dem finnischen Bahnhof von St. Petersburg nach bald zehntägiger Reise von Zürich über Frankfurt, Sassnitz und Stockholm aus dem Zug stieg, stand dort kein Gendarm mit einem Haftbefehl, sondern der Präsident des Stadtrats mit Blumen in der einen und dem Text seiner Begrüßungsrede in der anderen Hand, während sich vor dem Bahnhof gleich Tausende versammelt hatten: Arbeiter schwenkten rote Fahnen, Soldaten und Matrosen sangen die Internationale. "Erst von diesem Moment an", schrieb später sein Freund und Genosse Leo Trotzki

"begann die bolschewistische Partei mit voller, und was noch wichtiger war: mit eigener Stimme zu sprechen. Als Lenin nach Russland zurückkehrte, begann die Revolution"."

Der Schriftsteller Stefan Zweig hat diesen 16. April 1917 zu den "Sternstunden der Menschheit" gezählt, und so, in der Tat, mag man das selbst heute noch sehen. Eingeläutet worden war sie allerdings nicht von russischen Revolutionären, sondern ausgerechnet von stramm konservativen, ja reaktionären deutschen Militärs und Diplomaten.

Gewiss hatte Lenin, nachdem er in seinem Züricher Exil im März 1917 aus der Zeitung vom Sturz des russischen Zaren erfahren hatte, sofort versucht, nach Russland zurückzukehren. Nikolaus II., vermutete er, sei ja nur abgesetzt worden, weil er einen Separatfrieden des erschöpften Russland mit dem Deutschen Reich erwogen hatte. Und als die Westalliierten nun den Anhängern eines Friedens oder Waffenstillstands wie ihm selbst oder Leo Trotzki die für die Rückreise erforderlichen Transitvisa verweigerten, sah Lenin sich in seinen Vermutungen prompt bestätigt: Was in Russland stattgefunden hatte, war Meuterei. Was er wollte, war die Revolution.

Ob die emigrierten Russen zuerst die Deutschen oder die Deutschen zuerst die Russen ansprachen, ist unter den Historikern nach wie vor umstritten. Schon 1915 hatten ja deutsche Diplomaten mit dem Gedanken gespielt, prominente Bolschewisten aus dem Exil ins Reich des Zaren zu schicken und so die Kampfmoral der russischen Truppen zu schwächen. Nun, in den ersten Apriltagen des Jahres 1917, drängte vor allem die politisch mächtige deutsche Oberste Heeresleitung unter General Ludendorff auf einen Waffenstillstand im Osten. Dem Abkommen, das der Schweizer Sozialist Fritz Platten im Auftrag Lenins mit dem deutschen Botschafter in Bern traf, stimmten neben Ludendorff auch der deutsche Reichskanzler und sogar Kaiser Wilhelm II. ausdrücklich zu. Lenin und ein paar seiner Freunde und Genossen sollten unbehelligt und unkontrolliert mit einem Sonderzug von der Schweiz aus quer durch das feindliche Deutsche Reich nach Skandinavien und dann nach St. Petersburg reisen dürfen. In seinen Memoiren bestätigte Ludendorff :

""Indem unsere Regierung Lenin nach Russland schickte, übernahm sie eine furchtbare Verantwortung. Vom militärischen Standpunkt aus war die Reise berechtigt. Denn es lag die gebieterische Notwendigkeit einer Niederlage Russlands vor."

Es waren 31 Erwachsene und 1 Kind, die am 6. April 1917, kurz nach drei Uhr nachmittags, in Zürich den Zug bestiegen. Mit Lenin reisten der Journalist Karl Radek, der spätere Chef der Komintern, Grigorj Sinowjew, und Ines Armand, Lenins Freundin und Geliebte. Anatoli Lunatscharski, später Sowjetkommissar für das Bildungswesen, hatte Lenin zum Bahnhof begleitet :

"Bei der Abfahrt war Lenin gefasst und glücklich. Als ich ihn lächelnd auf der Plattform des Zuges stehen sah, glaubte ich zu erkennen, was ihn bewegte: Endlich, endlich ist das eingetreten, wofür ich geboren wurde."

Rund ein halbes Jahr später erlebte Russland seinen roten Oktober und die Gründung der Sowjetunion. Radek und Sinowjew wurden von Stalin umgebracht, Ines Armand starb 1920 an der Schwindsucht, Lenin nach mehreren Schlaganfällen im Januar 1924, gerade mal 54 Jahre alt. Die "Sternstunde der Menschheit" war zu Ende.

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