Archiv

Gedankenübertragung

Seitdem die Hirnforscher angefangen haben, Hirnströme zu messen, bekommen Gedankenübertragung und Gedankenlesen eine völlig neue Dimension. An der Universität Zürich fand eine Tagung dazu statt.

Von Thomas Wagner | 27.01.2011

Der Mann ist Mitte 50, trägt einen grauen Bart, schaut konzentriert nach vorne. Auf seinem Kopf trägt er eine Haube, gespickt mit Elektroden und Kabeln, die zu einem Rechner führen. So also sieht ein so genannter "Brain-Painter" aus.

"Die Grundidee, die dahinter steckt, die grundsätzliche Frage ist die, ob es mittlerweile die Möglichkeit gibt, ein künstlerisches Werk, ein Bild, zu malen, dass es im 21. Jahrhundert gar nicht mehr die Notwendigkeit hat, einen Pinsel, eine Farbe zu benutzen, sondern eine Option bietet, alleine Kraft meiner Vorstellung und meiner Gedanken ein Bild auf einer digitalen Leinwand entstehen zu lassen."

Adi Hoesle aus Babenhausen bei Ulm formt Bilder ausschließlich kraft seiner Vorstellung: Auf der Tagung in Zürich werden die Teilnehmer Zeuge, wie Adi Hoesle mit halb geschlossenen Augen hoch konzentriert auf dem Bildschirm geometrische Strukturen formt; Rechtecke, Dreiecke, Kreise, deren Farben sich ändern, nur weil Adi Hoesle das gerade so will. Die Elektroden nehmen seine Hirnaktivitäten auf. Ein speziell dafür entwickeltes Computerprogramm entwickelt daraus die grafische Darstellung - das Ergebnis eines Forschungsprojektes zwischen dem Künstler einerseits und den Universitäten Tübingen und Würzburg andererseits.

"Also der große Reiz für mich ist Also es gibt ja genügend Malern, die das seit Jahrhunderten, Jahrtausenden auf klassische Weise probieren und malen. Da kann man ja auch kaum noch was beisteuern. Mich interessieren Möglichkeiten im 21. Jahrhundert mit den technischen Errungenschaften und Möglichkeiten, als Künstler ein neues Feld aufzutun."

Und das heißt: Bilder gestalten ausschließlich durch die Kraft der Gedanken und den entsprechenden technischen Hilfsmitteln - eine Form der Gedankenübertragung, die nichts mehr zu tun hat mit Hokuspokus und Magie, sondern mit realen Optionen moderner Technologien. Dabei übt die Möglichkeit, seine eigenen Gedanken zu übertragen oder die Gedanken eines anderen zu lesen, schon seit Jahrhunderten eine große Faszination aus:

"Wir haben uns bei der Tagung eigentlich mit den historischen Anfängen der Gedankenübertragung beschäftigt, dass die so in etwa seit 1817 zu beobachten sind und haben uns dann gefragt, wie in den Künsten also diese Ideen, die oft im spiritistischen Kontext aufgetaucht sind, dann umgesetzt worden sind."

Professor Sylvia Sasse ist Literaturwissenschaftlerin an der Universität Zürich, beschäftigt sich dort hauptsächlich mit der Slawistik - und hat den jüngsten Gedankenaustausch über Gedankenübertragung organisiert:

"Ja, es tauchten verstärkt so genannte Gedankenleser auf, die in öffentlichen Vorführungen behauptet haben, sie sind in der Lage, zu lesen, was jemand anderes denkt. Und dann trat natürlich sofort die Wissenschaft auf Podest und hat versucht, diese als Betrüger zu entlarven."

was seinerzeit gar nicht so schwer war, obwohl die Gedankenleser des 19. Jahrhunderts in ihren öffentlichen Vorführungen erstaunlich gut darüber Bescheid wussten, was ihr Gegenüber gerade dachte, ohne auch nur ein Wort mit diesem gesprochen zu haben. Und damit war die Katze aus dem Sack. Gedankenlesen - dieses Thema beflügelte die Fantasie der Romanautoren.

"Die Künstler hat das natürlich fasziniert, ob das möglich ist. Und die haben dass dann nicht nur inhaltlich verarbeitet, sondern sich insgesamt Gedanken gemacht. Zum Beispiel die Literatur hat sich Gedanken gemacht, ob eine Übertragung der Gedanken mit dem Hilfsmittel der Sprache möglich ist. Und wir haben im Grunde genommen die Schnittstelle zwischen Sprachübertragung und Gedankenübertragung so zwischen 1870 und 1930 in Russland und in der beginnenden Sowjetunion. untersucht"

Und dies hat seinen Grund: Nachdem die Kommunisten 1917 das Zarenreich hinweggefegt hatten, begann dort ein umfassender Prozess der Gleichschaltung auf allen gesellschaftlichen Ebenen. Für die Herrschenden war dies ein notwendiger Schritt, um ihre Macht zu zementieren. Ausgerechnet in dieser Zeit fand das Motiv der Gedankenübertragung häufig Eingang in die Science-Fiction-Literatur der frühen Sowjetunion. Für Literaturwissenschaftler Matthias Schwartz vom Osteuropainstitut der Freien Universität Berlin ist dies kein Zufall:

"Viele Geschichten handeln davon, wie mit Hilfe von maschinellen Medien, Radio, Lebensstrahlen, ganze Kollektive manipuliert werden können und deren Gedanken gleichgeschaltet werden, in den Krieg gehetzt werden oder auch Subjekte gebrochen werden können, selber maschiniert werden können, die dann nur noch ihrem Führer gehorchen. Das ist in den 20er-Jahren in der Sowjetunion sehr breit als Thema vorhanden."

Gedankenlesen - das hatte sich in der sowjetischen Science-Fiction-Literatur zum Synonym entwickelt für Massenmanipulation, für Gleichschaltung. Doch auch in Westeuropa ließen sich die Autoren gerne von den Möglichkeiten der Telepathie beflügeln. Vor allem dachten sie sich die unterschiedlichsten Rahmenbedingungen aus, unter denen Gedankenübertragung möglich sein sollte.

"Wenn man eine Gedankenübertragung beweisen will, dann muss man sich immer eine Art Theatervorstellung parallel ausdenken. Man braucht irgendwie einen Apparat, ein Beweisinstrument. Es gibt Zuschauer, die das beweisen müssen. Also man muss im Prinzip eine Art Setting überlegen. Das hat uns interessiert: Wie macht man das? Welche Apparate denkt man sich da aus? Welche Rolle spielt Sprache bei der Gedankenübertragung?"

Mit dieser Fragestellung nimmt Slawistin Sylvia Sasse auch Schriftsteller der Gegenwart unter die Lupe, beispielsweise die in Berlin lebende russische Autorin Julia Kissina. Die ist bekannt für ihre spiritistischen Séancen, zu denen sie regelmäßig Künstler und Kulturkritiker einlädt. Dabei nehmen sie angeblich Kontakt auf mit verstorbenen Künstlern. Für Literaturwissenschaftlerin Sylvia Sasse ist es dabei völlig unerheblich, ob man an eine solche Möglichkeit glaubt oder nicht. Viel spannender ist das, was aus solchen Sitzungen protokolliert wird - ein Stück weit Literatur , die das an sich Unmögliche thematisiert, nämlich: Der Kontakt mit dem Jenseits.

"Interessant war: Was haben Künstler, die die Möglichkeit haben, mit Verstorbenen zu sprechen, eigentlich für Fragen? Sie hat aus diesen Fragen und Antworten Dialoge gebildet. Und wenn Sie das lesen, sind das wunderbare literarische Texte, Interviews mit toten Künstlern in einem künstlerisch-parodistischem Setting."

Telepathie - diesem Begriff haftete in der Literaturgeschichte stets etwas Irrationales, Geheimnisvolles, Spiritistisches an. Da kommen die Möglichkeiten der modernen Computer-Technologie, die mit Elektroden und Rechner das Malen eines Bildes kraft der Gedanken des Künstlers möglich machen, einer Entzauberung dieses Begriffes gleich - oder doch nicht? Sylvia Sasse:

"Mir scheint es so zu sein, dass das wiederum neue Interpretationen der Visualisierung und akustische Vor-Augen-Stellung sind und im Grunde genommen auch nicht viel mehr erklären. Es kommt eine neue Apparatur hinzu. Ich kann diesen Prozess erklären. Aber es ist ja nicht der Gedanke, der erscheint. Das fantastische Potential dieser Gedankenübertragung bleibt nach wie vor bestehen."

Wohl wahr ! Für Adi Hoesle, dem Maler aus dem Schwäbischen, bietet die Möglichkeit des 'Brain-Paintings‘ jedenfalls fantastische neue Ausdrucksmöglichkeiten, wenn sich die Technologie weiter verfeinert:

"Und wenn man eine Vision hat oder eine Utopie hat als Künstler, kann ich mir vorstellen, dass ich irgendwann auf einem hohen Berg stehe und dieses Werk einfach denke. Und es wird tatsächlich in Realzeit an die Wand im Grunde genommen vielleicht an die Wand in einer Galerie projiziert."