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Gedenken an SeebestattetePlaketten des Anstoßes

Darf man mit privaten Plaketten an einem öffentlichen Weg an Verstorbene erinnern? Über diese Frage hat sich in der Ostseegemeinde Strande ein Streit entsponnen. Die Besonderheit: Die Schilder weisen auf Seebestattete hin, deren Angehörige keinen konkreten Ort für das Gedenken haben.

Von Johannes Kulms | 16.01.2018

Gedenkschild an eine Seebestattung am Uferweg unterhalb des Bülker Leuchtturms in der Ostseegemeinde Strande.
Mittlerweile gibt es etwa ein knappes Dutzend Gedenk-Plaketten am Uferweg in Strande (Deutschlandfunk / Johannes Kulms)
Die kleinen Plaketten am Holzgeländer sind nicht größer als ein Türklingelschild und leicht zu übersehen. Wer auf dem Uferweg unterhalb des Bülker Leuchtturms näher an die Brüstung herantritt, kann die Namen entziffern. Die Plaketten erinnern an Elke, an Alexander, Annegret oder Gabriele. Auch ihre Geburts- und Todestage sind dort eingraviert.
Die Asche der Verstorbenen - verschwunden im Meer
Die Asche ihrer sterblichen Überreste wurde beigesetzt, nur wenige Kilometer entfernt auf dem offenen Meer, durch eine Seebestattung. Der Blick von dieser Gedenkstätte auf die Ostsee und die hier beginnende Kieler Förde ist traumhaft, erst recht an diesem fast windstillen sonnigen Januarnachmittag.
Seit einigen Wochen steht ein größeres Schild nahe des Holzgeländers. Darauf zu lesen ist die Bitte, keine Gedenkmarken mehr anzubringen. Neu angebrachte Plaketten sollen kostenpflichtig entfernt werden. Verantwortlich dafür ist Holger Klink, der Bürgermeister der Gemeinde Strande.
"Bisher haben wir das geduldet. Wir wollen natürlich auch keinen vor den Kopf stoßen. Wir wissen ja auch, dass da sehr viel Emotionen dahinter sind. Wenn dort einzelne Plaketten hängen, wird auch keiner was sagen…."
Uferweg ist öffentlicher Raum
Derzeit ist ein knappes Dutzend Plaketten am Holzgeländer zu sehen. Am Steinstrand wenige Meter unterhalb des Wegs stößt man vereinzelt auf Kerzen und Blumen. Pro Jahr fänden hier in den Gewässern vor dem Bülker Leuchtturm an die 1.000 Seebestattungen statt, sagt der CDU-Politiker. In den letzten Monaten hätten ihn immer mehr Beschwerden erreicht, dass es zu viel werde mit dem sichtbaren Gedenken an diesem Ort. Klink verweist auf einen Gemeindebeschluss. Und darauf, dass der Tourismus für die 1.700-Einwohner-Gemeinde Strande vor den Toren Kiels eine wichtige Einnahmequelle ist.
Holger Klink, Bürgermeister der Gemeinde Strande nahe Kiel. Der CDU-Politiker reagierte auf die steigenden Beschwerden gegen das sichtbare Gedenken an Seebestattungen am Uferweg.
Reagiert auf die wachsenden Beschwerden: Holger Klein, Bürgermeister von Strande (Deutschlandfunk / Johannes Kulms)
"Hier, an dem besonderen Ort, wo eben auch Sport betrachtet wird, wo Freude ist, wo Tourismus ist, wo auch viel Heiterkeit ist mit Familien, ist es sehr schwierig, wenn jemand zwei Meter weiter todunglücklich ist und Kränze niederlegt - das passt nicht zusammen."
Dass mit einem derartigen Schild nicht nur das Gedenken, sondern auch das Thema Tod ausgeblendet wird, glaubt Klink nicht. Die Angehörigen sollten ja gedenken dürfen - doch der Uferweg sei nun mal öffentlicher Raum.
Das Ehepaar Schröder aus dem nordfriesischen Leck kann diesen Ansatz nicht nachvollziehen.
"Das große Schild find ich scheiße. Die kleinen find ich toll…"
"Ja, also mich stört das nicht. Ich habe mich gewundert, dass man da extra wieder ein Verbot hinhaben muss. Also, alles gut. Man sieht ja auch überall, dass man da Schlösser hinhängt. Sieht manchmal auch nicht schön aus, wenn alles verrostet ist. Aber mich stört so was nicht."
Vor rund drei Jahren hat Hans-Jürgen Schröder seinen Vater verloren. Der sei zur See gefahren. Seine Urne wurde in der Nähe von Flensburg dem Meer übergeben. Dass andere Angehörige einen Ort zum Gedenken an die auf Seebestatteten brauchen, kann Schröder nachvollziehen. Auch wenn es bei ihm anders ist.
"Ich sag mir immer: Überall wo Wasser ist, ist die Verbindung ja da. Und wir sind oft an der Förde. Und ich hab‘ selbst oft ein Boot und fahr oft mal raus und sag : 'Ich war wieder bei Vadder!'"
"Die Toten haben einen bestimmten Ort"
Lars Emersleben ist 15 Jahre lang Pastor gewesen. Inzwischen ist er Referent beim Landeskirchenamt in Kiel. Emersleben macht deutlich: Der Tod gehöre zum Leben dazu und sei daher auch nicht unvereinbar mit einem Ort, an dem Sportler und Spaziergänger unterwegs seien.
"Wir haben aber schon bei uns aufgrund der Tradition, die wir haben, schon die Tendenz zu sagen: Die Toten haben einen bestimmten Ort. Wir bestatten unsere Toten auch nicht in einer Fußgängerzone!"
Mit Ratschlägen an die Gemeinde Strande hält Emersleben sich jedoch zurück. Doch betont er auch:
" … dass Trauer ja nicht an einen bestimmten Zeitpunkt gebunden ist. Aber man an bestimmten Zeitpunkten Entscheidungen trifft."
Zum Beispiel die Entscheidung, einen Verstorbenen nicht auf dem Friedhof, sondern auf See zu bestatten. Doch die Trauer sei mit diesem Moment nicht abgeschlossen. Manche Angehörige würden die Entscheidung später bedauern.
"Das kann die unterschiedlichsten Ursachen haben. Das gilt allerdings nicht nur für Seebestattungen, sondern das gilt auch für alle anderen Formen. Ich habe mich irgendwann mal entschlossen, eine Erdbestattung zu machen, zieh‘ dann um und denke, hätt‘ ich doch bloß mal eine Feuerbestattung mit einer Urne gemacht - die hätte ich vielleicht mitnehmen können."
Eine Gedenkstätte für Seebestattete?
Die Trauer sei nicht auf Räume beschränkt. Doch wenn diese Trauer auch gestaltet werden solle, sei ein bestimmter Ort wichtig.
Tatsächlich wird in Strande schon länger darüber diskutiert, ob man in Meeresnähe nicht eine Art Gedenkstätte an die Seebestatteten einrichten könnte. Ob und wann sie kommt, bleibt abzuwarten. Gut möglich, dass das sichtbare Gedenken unterhalb des Bülker Leuchtturms erst mal weiter geht. Dass dort auch in Zukunft Plaketten, Blumen und Kerzen zu sehen sind. Die an die Toten im Meer erinnern.