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Gedenken in Moskau
Rütteln am Mythos Stalin

In den Folterkellern von Moskaus Geheimdienstzentrale wurden während der Sowjet-Zeit Geständnisse erpresst und Todesurteile im Akkord gefällt. Nun gedachten dort Bürgerrechtler der Opfer von Stalins Schergen. Der Regierung sind die Gruppen ein Dorn im Auge.

Von Gesine Dornblüth | 29.10.2014

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    Schilder und Transparente erinnern vor der Lubjanka in Moskau an die Opfer des Totalitarismus. (Deutschlandradio / Gesine Dornblüth)
    Der Gedenkstein ist bereits am Mittag über und über mit Blumen und Totenlichtern bedeckt. Und die Schlange der Wartenden reißt nicht ab. Einer nach dem anderen tritt an das Mikrofon. Sie nennen Namen, Alter, Beruf, Erschießungsdatum. In Moskau fielen allein in den Jahren 1937/38 mehr als 30.000 Menschen dem Großen Terror zum Opfer. Der Gedenkstein erinnert an sie. Er erinnert an historischem Ort. Direkt gegenüber steht die Lubjanka, die berüchtigte Geheimdienstzentrale. In ihren Folterkellern wurden Geständnisse erpresst und Todesurteile am Fließband gefällt. Heute sitzt dort der russische Inlandsgeheimdienst. Die Fassade wurde gerade renoviert.
    Polina Filipova steht bereits seit gut einer Stunde an. Ihr Großvater, ein Wirtschaftsdozent, wurde von Stalins Schergen erschossen, ihre Großmutter wurde danach als "Frau eines Volksfeindes" verhaftet und verbrachte zwanzig Jahre in Lagern und in der Verbannung, der Urgroßvater starb an unbekanntem Ort in den Lagern.
    "Aber es geht mir heute nicht um meine Verwandten. Es geht darum, dass eine ganze Generation moralisch und physisch vernichtet wurde. Es ist typisch, dass sehr viele ganz einfache Leute unter den Opfern waren. Es gibt ja den Mythos, es hätten nur hohe Parteifunktionäre gelitten, aber ich habe hier einen Getreidebauern und einen Zimmermann."
    Auf ihrem Zettel steht aber auch: ein Gesandter der UDSSR in China und Japan. Vor dem Stalinistischen Terror war niemand sicher. Vorsichtige Schätzungen gehen von mindestens elf Millionen Opfern aus. Nahezu jede Familie war betroffen. Trotzdem setzt sich heute nur eine Minderheit dafür ein, diese Massenverbrechen aufzuarbeiten. Allen voran die Historische Gesellschaft Memorial. Sie hat die Gedenkaktion organisiert. Ihr Leiter, Arsenij Roginskij, sagt, das Gedenken an die Opfer des Stalinismus habe zwar einen festen Platz im Massenbewusstsein.
    Ständig Ärger mit dem Agentengesetz
    "Aber den meisten Leuten ist nicht klar, was Terror bedeutet. Für sie ist Terror etwas wie die Pest im Mittelalter oder wie die Cholera, die plötzlich auftritt und Tod bringt. Die Menschen nehmen nicht wahr, dass es sich um Staatsterror handelte. Und dass der Staat der Verbrecher war."
    Die heutige russische Führung fördere diese unvollständige Sicht auf die stalinistischen Verbrechen, meint Roginskij. Präsident Putin pflegt das Bild von Russland und der Sowjetunion als einer Siegernation. Stalin gilt dabei zunehmend als wichtiger Stratege, der den Sieg über die Nazis ermöglicht habe.
    "In dieser Konstruktion hat Terror keinen Platz. Das Konzept von Memorial ist anders: Wir sagen, in unserer Vergangenheit gab es Siege und auch Beschämendes. Und nur, wenn wir das Beschämende reflektieren, können wir einen Rechtsstaat aufbauen."
    Damit zieht Memorial Ärger auf sich. Das zeigte sich im Sommer. Da wurde Memorial aus Perm 36 herausgedrängt, der einzigen Gulag-Gedenkstätte in Russland am historischen Ort. Zudem ist Memorial juristisch unter Druck. Diverse Filialen werden mit Prüfungen überzogen: Mal kommt das Finanzamt, mal der Brandschutz, mal der Arbeitsschutz. Eine Organisation soll sogar ganz geschlossen werden. Das hat das Justizministerium beantragt. Die Gerichtsverhandlung ist für Mitte November anberaumt. Dazu kommt der ständige Ärger mit dem sogenannten Agentengesetz. Angesichts solcher Schwierigkeiten mag es erstaunen, dass die Gedenkveranstaltung heute vor der Lubjanka ungestört stattfinden kann. Roginskij hat eine Erklärung:
    "Äußerlich widerspricht die Aktion ja nicht dem offiziellen Geschichtskonzept. Wir gedenken der Opfer. Das zu verbieten, wäre schwierig. Aber im Inneren ist das hier natürlich ein Treffen unter Unseresgleichen. Wir alle wissen, dass wir, wenn wir über die Vergangenheit reden, an den heutigen und morgigen Tag denken. Das ist jedem klar, der hier steht."