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StartseiteEssay und DiskursAuf der Suche nach einer verlorenen Haltung06.04.2015

GeduldAuf der Suche nach einer verlorenen Haltung

Warum sind wir so ungeduldig? Nicht nur in psychologischen Tests wird die Ursache und Wirkung von Geduld untersucht. Warum wir uns den wundervollen, anarchischen Luxus der Geduld leisten sollten.

Von Angelika Overath

Die Rückenansicht einer Frau, die auf einem Hocker sitzt. (imago / Westend61)
Was ist Geduld? (imago / Westend61)
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Sommerferien am Lago di Lugano. Von unserem kleinen Hotel am Wasser aus habe ich einen Spaziergang in die Stadt unternommen. Ich wollte ein Gastgeschenk für Freunde in Frankreich kaufen, die wir in diesen Tagen besuchen würden. Es war warm und roch nach Feigen, jadegrün lag der See da. Unweit der Promenade tauchte ich ein in die Kühle eines eleganten Kaufhauses. Strich durch die Auslagen der Porzellanabteilung, fand einen Teller, der bemalt war mit Motiven aus Alexander von Humboldts Amazonas-Reisetagebuch: Blüten von Passionsfrüchten, Kolibris. Alles war schön! Alles hätte schön sein können.

Nachdem ich an der Kasse bezahlt hatte, fragte ich, ob man mir den Teller als Geschenk einpacken könne. Die Kassiererin nickte und gab ein Zeichen in die Luft. Aus dem Hintergrund der Kasse kam eine Frau nach vorne, nahm den Teller und legte ihn vor sich auf die Theke. Sie sah den Teller an. Verschwand abermals in der Tiefe des Raums, wo sie vor dicken Papierrollen verweilte. Schließlich erschien sie zurück an der Theke mit einem abgeschnittenen Bogen in der Hand. Sie sah auf den Teller, sie sah auf das Papier. Nun begann der für mich absurd umständliche Vorgang, den Teller mittels eines Papiers in ein Geschenk zu verwandeln. Immer wieder drehte die Frau ihn, rückte ihn um wenige Millimeter zurecht, als müsse sie komplizierteste Proportionen bedenken, faltete, knickte Ecken. Wendete das Werk erneut. Zunehmend wurde ich ungeduldiger. Es fehlte nicht viel und ich hätte selbst eingegriffen, hätte ihr Papier und Teller einfach weggenommen und mit zwei, drei Handgriffen das flache Porzellan verpackt. So schwierig war das doch nicht!

Eine klopfend heiße Unruhe war in mich gefahren, ich hielt es kaum aus, vor dieser Frau zu stehen und ihren ja durchaus unschuldigen, aber eben sehr langsamen und vielleicht auch etwas unbeholfenen Bewegungen zuzusehen.

Sie bemerkte meine Verstörung nicht und arbeitete umsichtig weiter. Nun begann sie, mit Bedacht mögliche Bänder auf ihrer Farbigkeit zu prüfen und mit den farblichen Nuancen des Geschenkpapiers abzugleichen. Schließlich wählte sie eines und schnitt es behutsam ab, nicht ohne seine Länge erwogen zu haben. Und in meine Nervosität mischte sich eine leise Wut, ja sogar etwas wie ein Anflug von Hass: Diese Frau stahl mir offensichtlich meine Zeit! Der Vorgang dauerte mittlerweile mindestens fünf Minuten - oder waren es vielleicht doch nur vier oder gar drei? Das Geschenkband fiel ihr über die Finger. Und ich stand da wie eine Gefangene in einer Sekundenqual, die sich dehnte und dehnte. Als die letzte Schleife gebunden, das Werk endlich vollbracht war und sie mir den verpackten Teller über die Theke reichte, dankte ich hastig und floh aus dem Verkaufsareal wie eine Entkommene.

Was war los? Ich hatte doch Ferien! Warum konnte, warum wollte ich nicht warten? Warum hatte ich, anders als mein Gegenüber, so wenig Geduld? Aber was genau war es, das mir fehlte?

Was für eine Haltung meint dieses Wort: Geduld?

Marshmallow-Test testete Geduld

Es gibt eine mittlerweile legendäre psychologische Versuchsreihe, kurz auch Marshmallow-Test genannt, die immer wieder ins Feld geführt wird, wenn von Geduld die Rede ist. Der Entwicklungspsychologe Walter Mischel hatte zu Forschungszwecken auf dem Campus der Stanford-Universität einen Kindergarten im Vorschulalter mitbegründet. Zwischen 1968 und 1974 führte er hier verschiedene Versuche durch, die sich vor allem mit dem Prozess des Belohnungsaufschubs beschäftigten. Der in vielen Varianten durchgeführte Test sah in seiner Grundstruktur so aus: Walter Mischel setzte Kinder in einem kargen Raum an einen Tisch. Vor dem Kind stand ein Teller mit einem Marshmallow. Nun erklärte er dem Kind, es dürfe das Marshmallow sofort aufessen, es könne mit dem Essen aber auch warten. Er würde jetzt hinausgehen und nach einer Weile zurückkommen. Wenn das Kind bis dahin das Marshmallow nicht aufgegessen hätte, bekäme es bei seiner Rückkehr ein zweites dazu. Erfolgreiches Warten sollte mit der Verdoppelung der Süßigkeit belohnt werden. Durch einen Einwegspiegel beobachteten Mischel und sein Team die Kinder heimlich. Manche stopften sich ihr Marshmallow ohne Zögern in den Mund. Manche versuchten, sich abzulenken, standen auf und gingen im Raum herum oder sprachen sich selbst gut zu. Andere versuchten, zu schlafen. Es gab Kinder, die das Marshmallow von unten annagten, es probierten und dann wieder so auf den Teller setzten, dass man den Anbiss nicht sah. Manchen gelang es, eine Weile zu warten, aber nicht so lange, bis der Versuchsleiter wiedergekommen war. Und einige Kinder überstanden die Versuchungsfrist, warteten auf die Rückkehr des Psychologen und nahmen strahlend ihr zweites Marshmallow in Empfang. Manche steckten sich jetzt gleichzeitig beide in den Mund.

Als Walter Mischel 13 Jahre später fragte, was aus seinen Marshmallowkindern, deren Wartenkönnen er gemessen hatte, geworden war, machte er eine verblüffende Entdeckung. Wer einst als Kindergartenkind gut warten konnte, gehörte nun zu den besseren, selbstbewussteren, sozial kompetenteren Schülern und jungen Erwachsenen. Weitere Untersuchungen in späteren Jahren zeigten, dass das frühe Vermögen der Selbstbeherrschung sich als ein wichtiges Indiz für berufliches Weiterkommen erwies. Wer als Kindergartenkind den Belohnungsaufschub aushielt, machte später die bessere Karriere.

Der Marshmallow-Test wird in jüngster Zeit immer wieder zitiert, wenn es um die Engführung von Triebverzicht und Erfolg geht. In seinem Buch mit dem provokanten Titel "Die Entdeckung der Geduld - Ausdauer schlägt Talent" erklärt Matthias Sutter, Professor für Experimentelle Wirtschaftsforschung, dass damals nicht nur Willenskraft getestet worden sei, sondern auch Selbstkontrolle, Frustrationstoleranz und Ausdauer. Und dieses Konglomerat von emotionaler Disziplin nennt der Ökonom: Geduld. Sein Verständnis von Geduld sei im Grunde ganz einfach, erklärt er.

"Geduld heißt: Ich verzichte auf heutigen Konsum, um in der Zukunft mehr davon zu haben. Wir investieren in Bildung, damit wir morgen bessere Berufschancen haben, wir sparen heute, damit wir in der Zukunft eine Rente haben, wir investieren heute, damit wir morgen mehr produzieren können."

Diese Strategien mögen unter wirtschaftlicher Hinsicht pragmatisch und vernünftig sein, handelt es sich aber bei solch zielgerichtetem Leistungswillen tatsächlich um Geduld?

Oder doch nur um eine Konditionierung dahingehend, dass im Hinblick auf einen Mehrwert für eine begrenzte Zeit Triebverzicht geleistet werden soll? Zeit wird investiert, um den Ertrag zu steigern. Damit wäre der Marshmallow-Test ein klassisch kapitalistisches Abrichtungsexperiment. Eine Einübung in kalkulierte Zeitbewirtschaftung. Mit einem scheinbar nutzlosen Verstreichenlassen von Zeit hat das nichts zu tun.

Gegensätzliches im Begriff Geduld

Beim Marshmallow-Versuch ging es um die frühe Fähigkeit zu Disziplin und Selbstbeherrschung, um die Anstrengung, eine unmittelbare Lustbefriedigung zu kontrollieren. Aber könnte dies, je nach Blickwinkel, vielleicht sogar etwas vom Gegenteil dessen sein, was an sanftem Sprengstoff in dem großen Wort Geduld auch noch schläft? Verbindet dieser Begriff, wie kaum ein anderer, doch ausgesprochen Gegensätzliches. Er meint Ausdauer und Gelassenheit; Leistungswille und Nachsicht; Zielgerichtetheit und Gewährenlassen; Entschlossenheit und Schonung.

Das deutsche Substantiv Geduld geht auf das urgermanische Verb ga-thuldis zurück, ein Wort, das verloren gegangen ist. Vermutlich steckt darin eine indogermanische Verbwurzel "tol" oder "tla", die "tragen", auch "ertragen" bedeutete. Auch im lateinischen "patientia" steckt "pati", erdulden, erleiden. Der Begriff hat also etwas mit Geschehenlassen, Zulassen zu tun. Es ist zunächst keine Parole für Aktivisten und Herrscher. Wobei zu deren Strategie durchaus Geduld gehören kann. Vermutlich braucht es etwas Geduld, um sich dieser besonderen Haltung anzunähern, deren alter Name auch Langmut war.

Mein ungeduldiges Scheitern in Lugano jedenfalls, das in der Flucht aus der Porzellanabteilung endete, hatte mit Triebverzicht, Belohnungsaufschub oder Produktionssteigerung nichts zu tun. Ich war nicht ungeduldig, weil ich den Teller schneller begehrte. Freilich hätte ich ihn auch bis zur Fahrt zu den Freunden unverpackt eine Weile auf meinen Tisch im Hotel am See stellen können, mit einem Zitronenzweig, etwas Gebäck. Aber ich wollte ihn nicht für mich haben. Ich wollte ihn verschenken. Damit lag in ihm schon eine antizipierte Freude. Im Bewusstsein, etwas Schönes für die Freunde gefunden zu haben, erfuhr ich eine Erfüllung. Ob der Teller nun schneller oder langsamer in Papier eingeschlagen werden würde, berührte mich in dem, was ich an ihm als einem Glücksobjekt ja schon besaß, nicht. Warum ging meine Freude an dem Teller mit den Blüten der Passionsfrucht und den Kolibris so schnell unter? Warum war ich so ungeduldig?

Warum ist man ungeduldig?

Es gibt ein kleines Gedicht von Bertolt Brecht, das meiner Ungeduld an der Verpackungstheke schon sehr viel näher kommt als das Disziplinierungsexperiment mit den Marshmallow-Kindern:

"Der Radwechsel

Ich sitze am Straßenhang.
Der Fahrer wechselt das Rad.
Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre.
Warum sehe ich den Radwechsel
mit Ungeduld?"

Da ist also einer, der arbeitet, und ein anderer, der zuschaut, aber mit Ungeduld. Anders als die Ungeduld der Kinder vor der Süßigkeit, die verständlich war, hatten sie das Objekt ihres Begehrens ja unmittelbar vor Augen, ist die Ungeduld des auf den Reifenwechsel wartenden Ich paradox. Dieses Ich hat nichts, was es locken würde. Es will gar nicht weiter, weil es nicht gern dahin will, wo es hinfahren soll.

Brecht schrieb den kurzen Text im Sommer 1953 in seinem Rückzugsort in der Märkischen Schweiz zwischen Schermützelsee und Buckowsee, unweit von Berlin. Unter dem Eindruck der Volksaufstände vom 17. Juni in Ostberlin und anderen Städten der DDR entstanden in den Monaten Juli und August einige sehr persönliche Gedichte, die später als "Buckower Elegien" veröffentlicht wurden. "Der Radwechsel" eröffnet diese Sammlung. Unabhängig davon, ob Brecht in den Zeilen auf seine Lebenswende zwischen dem amerikanischen Exil und der fremden Ankunft in der DDR Bezug nimmt oder ob er auf die Enttäuschung beim Aufbau des Sozialismus im geplanten Arbeiter- und Bauernstaat anspielt, unübersehbar ist der existenzielle Duktus der Verse.

Mit "Am Straßenhang" ist das alte Motiv des Lebenswegs, der Lebensreise angeschlagen. Das sprechende Ich sitzt fest, es muss verharren. Am Hang übersieht es für einen Moment ruhig die "Rennebahn" seines Lebens, wie es im Barockgedicht "Abend" von Andreas Gryphius heißt. Statisch, fest gefügt wirkt auch der Körper des Gedichts. Die fast identischen Mittelzeilen;

"Ich bin nicht gern, wo ich herkomme.
Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre"

; werden eingefasst in zwei lautnahe Verse: "Der Fahrer wechselt das Rad" und "Warum sehe ich den Radwechsel". Auch erste und letzte Zeile korrespondieren und ergeben, umklammernd, ohne die Mitte des Gedichts einen Sinn:

"Ich sitze am Strassenhang.
Mit Ungeduld?"

So scheint das Gedicht wie gemeißelt, ein Sinnblock, der die Unruhe, von der es spricht, durch die Form ausgeglichen zu haben scheint. Es markiert einen Moment der Besinnung. Die Lebensreise hat kein verbürgtes Ziel mehr. Der moderne Mensch ist aus dem Paradies vertrieben, über ihm wölbt sich kein heilversprechendes Firmament. Und was einst schicksalhaft mit dem Rad der Fortuna verbunden war, erscheint nun als schnöde Reifenpanne.

Und doch ist da diese seltsame Unruhe, gerade so, als läge an dieser Straße noch der Horizont einer Utopie. Als könnte vielleicht etwas kommen, das Hoffnung rechtfertigte. Geduld im Falle des Radwechsels wäre ein Sichfügen in eine Kontinuität von schlechtem Vergangenem und schlechtem Zukünftigen. Geduld hätte hier den Beigeschmack von Resignation, von Sich-Treibenlassen. Doch dieses Ich, das dem Radwechsel zusieht, ist zwar ausgesetzt, aus der Fahrt genommen, aber es will noch etwas. Dabei geht es wohl gar nicht um große Hoffnungen oder Zukunftsversprechen. Vielmehr ist dieses Ich als Mensch grundsätzlich ein futurisches Wesen, das sich in eine offene Zukunft hinein entwirft. Und sich von dem her versteht, was es noch nicht ist. Das ist der Grund seiner paradoxen Ungeduld. Das Gedicht gibt ihr aber Ausdruck in einer denkbar ruhigen Form. Es zeugt von einer sicheren Geduld des Dichters, der der inneren Widersprüchlichkeit auf den Grund geht. Der Moment des Gedichts kann so der Sehnsucht nach Selbstverständigung Raum geben. Einen Ruheraum. Indem es von seiner Desorientierung sprechen kann, findet das Ich Halt. Die Unruhe seiner Seele ist in der Ruhe der Sprache aufgehoben.

Meine kleine Wartezeit in der Porzellanabteilung eines Kaufhauses war weder existenziell noch poetisch. Und doch berührte sie etwas, das mich irritierte, das ich nicht verstand: an einem feigenduftenden Sommertag, bei einem jadegrünen See, kurz vor der Abfahrt zu den Freunden nach Frankreich. Ich war gerne, wo ich herkam, und gerne, wo ich hinfuhr. Warum also sah ich das Einpacken des Tellers mit Ungeduld?

Nichts drängte mich, ich musste nicht vorankommen. Keine sich jagenden Termine waren einzuhalten, keine eilige Auftragsarbeit wie so oft im letzten Moment zu erledigen. Niemand erwartete mich. Ich hatte Zeit. Ich hatte ein Geschenk aussuchen dürfen. Aber dann? Ich stand da und schaute einer Frau zu, die einen Teller langsamer - zugegeben sehr viel langsamer - einpackte, als ich es getan hätte. Und geriet in Panik. Ihre Nicht-Effizienz regte mich auf. War das nicht rätselhaft?

Kann es sein, dass ich zwar sehr gut gelernt hatte, Zeit effektiv zu nutzen, die Zeit und damit mich zu beherrschen, dass es mir aber bei allem eintrainierten Zeitmanagement unmöglich geworden war, mir unvorhergesehen Zeit schenken zu lassen? Zeit anzunehmen. Und zwar eine Zeit, die keinen Nutzen hatte. Einfache Daseinszeit. Zeit wie in Tagen der Kindheit, fraglos?

Ist es tatsächlich möglich, dass es von mir regelrecht Geduld forderte, eine überraschend kleine lange Weile einfach auszuhalten?

Vor etwa 200 Jahren hat Johann Wolfgang Goethe ein Wort erfunden, das ins Zentrum der modernen Zeiterfahrung trifft: "Veloziferisch". Er baute es aus dem lateinischen Wort Velocitas, Eile, Geschwindigkeit, und Luzifer, Teufel. In einem Brief schreibt er:

"Für das größte Unheil unserer Zeit, die nichts reif werden lässt, muss ich halten, dass man im nächsten Augenblick den vorhergehenden verspeist, den Tag im Tage vertut, und so immer aus der Hand in den Mund lebt, ohne irgend etwas vor sich zu bringen. Haben wir doch schon Blätter für sämtliche Tageszeiten, ein guter Kopf könnte wohl noch eins und das andere interpolieren. Dadurch wird alles, was ein jeder tut, treibt, dichtet, ja was er vorhat, ins Öffentliche geschleppt. Niemand darf sich freuen oder leiden, als zum Zeitvertreib der übrigen; und so springt's von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt, von Reich zu Reich und zuletzt von Weltteil zu Weltteil, alles veloziferisch."

Goethes Betrachtung des teuflischen Beschleunigungsgeschehens

Goethe sah: Wir verlieren uns in einem teuflischen Beschleunigungsgeschehen, einer Zeitvertreibung im ursprünglichen Wortsinn. Wir verspeisen unsere Augenblicke, vertun unsere Tage und sind zunehmend unfähig, Gegenwart erfahren zu können. Dabei sprach der Weimaraner noch vom Zeitvertreib, von der Austreibung der Erlebniszeit durch Zeitungen und hatte nicht die geringste Vorstellung, was das digitale Zeitalter mit den in jeder Minute aktualisierten globalen News bringen würde. Weit entfernt war er von der Idee, welche dramatische Dynamisierung das Private erfahren würde, wenn über Facebook, Instagramm oder Twitter die persönlichsten Erlebnisse mit 1.000 besten Freunden geteilt werden können. Er durfte noch glauben:

"Die ungeheuerlichste Kultur, die ein Mensch sich geben kann, ist die Überzeugung, dass die anderen nicht nach einem fragen."

Goethe hat hellsichtig den Wahn einer verhexten, sich immer weiter steigernden Beschleunigung auf allen Gebieten aufgezeigt:

"Reichtum und Schnelligkeit ist, was die Welt bewundert und wonach jeder strebt; Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle möglichen Fazilitäten der Kommunikation sind es, worauf die gebildete Welt ausgeht, sich zu überbieten, zu überbilden und dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren."

Goethes Faust-Drama über die Schmähung der Langmut

Gleichnishaft spielte Goethe das Phänomen der Akzeleration in seinem Faust-Drama durch. Faust glaubt nicht, dass ihn noch etwas wirklich erfreuen kann. Rasend verflucht und zerschlägt er in einer Art wilder Inventur alles, was die Seele des Menschen berühren, bannen könnte: das Ansehen, die schöne Erscheinung, Ruhm und Ehre, selbst Weib und Kind, auch Reichtum. Das Ganze kulminiert in einem Zertrümmern des antiken bacchantischen Lebensentwurfs wie des christlichen Credos und endet konsequent in der Schmähung der Langmut:

"Fluch sei dem Balsamsaft der Trauben!
Fluch jener höchsten Liebeshuld!
Fluch sei der Hoffnung! Fluch dem Glauben,
Und Fluch vor allem der Geduld!"

Mit Mephisto bekommt der Lebensüberdrüssige eine satanische Hochgeschwindigkeitsmaschine an die Seite, die ihn im Nu alle Räume von der Gegenwart bis zur Antike durchqueren lässt. Als Faust vor der Reise nach "Pferde, Knecht und Wagen" fragt, winkt Mephisto ab:

"Wir breiten nur den Mantel aus.
Der soll uns durch die Lüfte tragen.
Du nimmst bei diesem kühnen Schritt
nur keinen großen Bündel mit.
Ein bisschen Feuerluft, die ich bereiten werde,
hebt uns behend von dieser Erde.
Und sind wir leicht, so geht es schnell hinauf;
ich gratuliere dir zum neuen Lebenslauf."

Dieser neue Lebenslauf wird ein rücksichtsloser Galopp der Erlebniswut im ersten Teil des Faust und der Erwerbsgier in Faust 2. Sein Projekt ist klar. "Stürzen wir uns in das Rauschen der Zeit", ruft er Mephisto zu. Denn: "Nur rastlos betätigt sich der Mann." Und Mephisto antwortet in leiser Ironie:

"Euch ist kein Maß und Ziel gesetzt.
Beliebt's Euch überall zu naschen,
im Fliehen etwas zu erhaschen,
bekomm' Euch wohl, was Euch ergetzt."

Denn Mephisto erkennt Faust als Prototyp der Moderne:

"Ihm hat das Schicksal einen Geist gegeben,
Der ungebändigt immer vorwärts dringt.
Und dessen übereiltes Streben
der Erde Freuden überspringt."

Eine Rettung vor der veloziferischen Zeit sah Goethe in der Natur.

"Die Natur ist die große Ruhe gegenüber unserer Beweglichkeit."

Er glaubte an die genaue Betrachtung der Phänomene, an die geduldige Hingabe im Schauen. Die Angst, dass die Vita contemplativa in der Moderne verloren gehen könnte, zugunsten einer entfesselten Betriebsamkeit steht hinter seinen Appellen, die Herrlichkeit der Welt zu genießen, anstatt sie beständig instrumentell umzugestalten. Seine Farbenlehre, in der er anhand von minutiösen Versuchen und Literaturstudien die "Taten und Leiden des Lichts" ergründen wollte, sah er als sein Hauptwerk an.

Die Moderne als Geschichte der Beschleunigung

Die Geschichte der Moderne ist eine Geschichte der Beschleunigung.

"Wenn ein totalitäres Regime sich dadurch auszeichnet, dass seine Untertanen nachts schweißgebadet, mit rasendem Puls und dem Gefühl einer tonnenschweren Last auf der Brust, ja mit existenzieller Angst, aufwachen, dann leben wir in einem totalitären Zeitregime",

schreibt der Soziologe Hartmut Rosa, der mit seinem schon zum Klassiker gewordenen Werk von 2005 "Beschleunigung. Die Veränderungen der Zeitstrukturen in der Moderne" an Goethes faustische Vernichtungsakzeleration anknüpft.

"Vermutlich kennen dieses Gefühl mehr Bürger spätmoderner, kapitalistischer Gesellschaften als Untertanen fast aller politischen Diktaturen. Die spätmoderne Angst gilt nicht dem Geheimdienst oder den Schergen eines Tyrannen. Die Subjekte wachen auf aus Sorge, nicht mehr mitzukommen, nicht mehr auf dem Laufenden zu sein, die Aufgabenlast nicht mehr bewältigen zu können, abgehängt zu werden - oder in der erdrückenden Gewissheit, etwa als Arbeitslose oder Ausbildungsabbrecher, bereits abgehängt zu sein."

So hält uns diese spätmoderne Angst davon ab, uns auszuruhen oder mit etwas zufrieden zu sein. Mit der Beschleunigung steigt die Gefahr, dass wir, wenn wir das Tempo nicht halten können, den Anschluss an das Erfolghabenkönnen verlieren. Und dabei verlieren wir uns. Wie Faust, der am Ende blind dasteht und sich irrt, wenn er meint, er höre die Schaufeln, die an seinem größenwahnsinnigen Kanalisationsprojekt arbeiten. Was er hört, ist das Ausheben seines Grabs.

Steckte damals in Lugano, in den warmen, nach Feigen duftenden Sommertagen am jadegrünen See, diese Angst in mir? Hatte ich sie schon so weit mit mir getragen, auch in den Ferien, dass sie - ohne dass ich sie begriff - als Unruhe, ja Panik von mir Besitz nahm? Denn warum habe ich einige wenige Minuten Leerlauf kaum ertragen? Ich kann sehr geduldig, ausdauernd sein, wenn ich mit dieser Geduld meine Zeit beherrsche. Aber vor der geduldigen Papierfalterin stand ich nur hilflos da. Wenn ich wenigstens hätte staunen können!

In seinem Tagebuch der kleinen Beobachtungen "Das Gewicht der Welt", ein wunderbares leises Journal, das Peter Handke zwischen November 1975 und März 1977 führte, steht der erstaunliche Satz:

"Ungeduldig werden mit jemandem: weil ich ihm nicht zuschaue."

Warum denn das?

Eigentlich würden wir doch gerade anders formulieren:
"Ungeduldig werden mit jemandem: weil ich ihm zuschaue." Ich wurde ungeduldig, als ich sah, wie diese Frau hinter der Theke der Porzellanabteilung eines eleganten Luganer Kaufhauses meinen Teller sehr umständlich in Geschenkpapier einpackte.

Ich habe ihr nicht zugeschaut. Sie hat mich nicht interessiert.

Ich hatte keine Empathie.

Ich sah ihre Hände nicht und nicht ihr Gesicht. Sie hatte schwarze Haare, das weiss ich noch, sie war schmal, denke ich, wenn ich jetzt, zu spät, versuche, mich zu erinnern. Sie war scheu.

Ich habe mich nicht gefragt, warum sie so langsam arbeitet. Hätte ich ihr zugesehen, hätte ich Behutsamkeit von Ungeschicklichkeit unterscheiden können. Ich kann es jetzt im Nachhinein nicht mehr sagen, weil ich nicht achtsam war. Vielleicht war sie Anfängerin - nicht einmal ihr ungefähres Alter könnte ich benennen - vielleicht aber fand sie es schön, diesen schönen Teller eine Weile in den Händen halten zu dürfen. Vielleicht wollte sie deshalb das kostbare Porzellan mit den Blüten der Passionsfrucht und den Kolibris besonders sorgfältig einpacken. Sie wusste ja, dass es ein Geschenk sein sollte. Vermutlich war sie nicht ungeschickt, sondern hatte genau das, was mir fehlte: Empathie und Geduld.

Ich hätte sie loben können für ihre Sorgfalt. Ich hätte sie fragen können, warum sie gerade, nach langem Überlegen, dieses lachsfarbene oder hellblaue oder grüne Band genommen hat und nicht das andere. Ich weiß seine Farbe nicht mehr. Ich habe sie nicht vergessen, ich habe sie nicht gesehen! Wir hätten in ein Gespräch kommen können. Vielleicht hätte ich ihre Geschichte erfahren. Wie sie lebte, mit Familie, Kind, Hühnern im Hinterhof oder einer Begeisterung für Pferde. Ich hätte etwas gehört über die Arbeit in der Porzellanabteilung eines eleganten Kaufhauses am Luganer See. Ein neues Lebensfenster wäre aufgegangen, sie hätte mich teilnehmen lassen an einigen Vorstellungen, Träumen vielleicht.

Wir teilten einige Minuten gemeinsamer Lebenszeit. Aber ich habe sie nicht erfahren. Im Nachhinein weiß ich das. Und ich bedauere es. Ich habe das Hinschauen verpasst, das Erzählen; ich habe das Erleben verpasst. Die Angst, Zeit zu versäumen - in den Ferien: wie irrsinnig - hat den Augenblick ausgelöscht. Ich war nur leer vor Unruhe.

Alle Tage aller Menschen dauern 24 Stunden. Warum sagen wir so oft: Ich habe keine Zeit. Zeit haben oder keine Zeit haben kann doch nur meinen, ich bin einverstanden mit dem, was ich gerade tue, oder ich bilde mir ein, dass ich in diesem Augenblick etwas anderes tun sollte. Wenn ich mich einlasse auf die kurze vage Weile, da eine Frau ein Geschenk einpackt, dann kann sich dieser Augenblick öffnen zu einem kleinen Erlebnis. Das mich vielleicht erfreut, verwundert, beschäftigt, das mein Leben als Erinnerung bereichert.

Wurde uns nicht unser Dasein, unsere Lebenszeit geschenkt, auch, wenn wir sie oft mit Leid und am Ende alle mit dem Tod bezahlen? Wir können uns die Aufmerksamkeit, die Empathie mit uns und den anderen leisten, den wunderbaren, den anarchischen Luxus der Geduld. Denn unser Himmelreich wäre die Erde. Wenn wir uns immer davoneilen, werden wir uns kaum zurechtfinden. Franz Kafka, in dessen Werk sich ein unruhiges Ich beständig den Prozess macht, wusste das genau und warnte:

"Es ist die Ungeduld, die den Menschen aus dem Paradies vertrieb und ihn daraus immer weiter entfernt."

 

Die Schriftstellerin Angelika Overath arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin. Ihr letzter Roman "Sie dreht sich um" erschien 2014 bei Luchterhand.

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