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Gefährliche Brüter

Atomstrom ist in Frankreich der wichtigste Pfeiler der Energiepolitik. Immerhin drei Viertel der Energie kommen aus Atommeilern. Da wundert es nicht, dass die weltweit größte so genannte Wiederaufarbeitungsanlage sich ebenfalls in Frankreich befindet und auch das weltweit größte Atomtechnik-Unternehmen hat seinen Sitz in unserem Nachbarland. Allerdings wird auch immer wieder der saloppe Umgang mit dieser Form der Energiegewinnung kritisiert und nicht zum ersten Mal machen Schlagzeilen über Sicherheitsmängel die Runde, so wie jetzt wieder, wo Konstruktionsfehler bei Druckwasserreaktoren bekannt geworden sind.

Thomas Wagner |
    Der staatliche französische Energiekonzern "Electricite de France” selbst räumte jene Sicherheitsmängel ein, die die Pariser Atomaufsichtsbehörde ASN zuvor moniert hatte: demnach handelt es sich bei allen 58 französischen Atomkraftwerken um so genannte "Druckwassr-Reaktoren". Und denen hafte ein grundsätzlicher Nachteil an: wenn nämlich in bestimmten Störfall-Situationen – wie zum Beispiel einem Leitungsbruch im Primärkreislauf - die Filteranlagen verstopfen, kann dies zu einem Versagen des Kühlsystems und damit zu einer Überhitzung des Reaktorkerns führen.

    Obwohl die französische Atomaufsichtsbehörde dieses Szenario als äußerst unwahrscheinlich einstuft, folgten die Reaktionen auf dem Fuße; "Electricite´ de France" versprach eine Überprüfung aller 58 französischen Reaktoren - doch zur Besänftigung trägt das wenig bei. Die französischen Umweltverbände sprechen von "unhaltbaren Zuständen" – ja mehr noch: von der Möglichkeit eines zweiten "Tschernobyl." Sie fordern den Ausstieg aus der Atomenergie – wohl wissend, dass dies, bei 58 französischen Kernkraftwerken, kurzfristig nicht umsetzbar ist.

    Unterstützung bekommen sie aus Süddeutschland: Der BUND Baden-Württemberg machte heute Vormittag darauf aufmerksam, dass es sich beispielsweise bei dem französischen Atomkraftwerk Fessenheim im Elsaß, nicht weit entfernt zur Grenze nach Deutschland, um das älteste französische Atomkraftwerk überhaupt handele, dem man in puncto Sicherheit deshalb besondere Aufmerksamkeit schenken müsse. Schon lange liegt dem BUND Baden-Württemberg die französische Energiepolitik und der massive Ausbau der Kernenergie dort schwer im Magen. Michael Spielmann, Geschäftsführer des BUND-Landesvebandes Baden-Württemberg:

    Der Umgang in Frankreich mit der Atomenergie ist, gelinde gesagt, naiv. Viele der Meiler, die dort stehen, sind grundsätzlich sehr alt. Wir haben viele technische Probleme wie die jetzt wieder bekannt gewordenen Probleme, dass Störfälle nicht beherrschbar sind. Und wir haben die Situation, dass verschiedene Reaktoren wie zum Beispiel Fessenheim, das uns ja direkt betrifft, direkt an der Grenze, in Erdbebenzonen stehen. Und wenn ein solches Erdbeben, was ja auch schon bereits der Fall war, tatsächlich passiert, dann kann es zu Störfällen kommen, die nicht beherrschbar sind und die dann auch natürlich ganze Regionen in Deutschland gefährden.

    Dabei trifft die Kritik, die nun laut geworden ist, nicht nur die französischen Atomkraftwerke. Grundsätzlich hafte allen Druckwasser-Reaktoren konstruktionsbedingt der gleiche Sicherheitsmangel an, heißt es bei der Kölner Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit. Immerhin wollen die französischen Stromversorger die aktuelle Diskussion zum Anlass nehmen, um eine technische Lösung zu finden. Das heißt, bis April soll ein System entwickelt werden, damit selbst bei verstopften Leitungen eine Überhitzung des Reaktorkerns ausgeschlossen ist. Französische Umweltschutzverbände bezeichneten diese Konsequenz als völlig unzureichend. Dieser Meinung ist auch Michael Spielmann vom BUND-Landesverband Baden-Württemberg:

    Der BUND Baden-Württemberg als Nachbarland von Frankreich fordert seit langem, dass auch in Frankreich endlich von dieser nicht beherrschbaren Technologie Abstand genommen wird. Wir wissen, dass wir davon weit entfernt sind. Aber wir sind uns mit unseren französischen Freunden einig, dass eben auch in Frankreich ein Ausstieg aus der Atomenergie dringend notwendig ist.