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Gefährliche Siedler aus Asien

Biologie. - Die Asiatische Tigermücke gilt als Überträger des Chikungunya-Fiebers, einer mitunter schwer verlaufenden Viruserkrankung. Inzwischen siedelt die Mücke schon in zwölf europäischen Ländern, jetzt ist das Insekt auch in Deutschland aufgetaucht.

Von Joachim Budde | 06.12.2007

Die Tigermücke ist in Deutschland gelandet. Zumindest von einem Weibchen wissen das die Forscher der Kommunalen Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage, kurz KABS, denn es hat auf einem Autobahnparkplatz bei Rastatt am Oberrhein Eier gelegt. In einem der 100 schwarzen Plastikbecherchen, die der Biologe Björn Pluskota als Eiablage-Fallen zwischen Basel und Bingen aufgehängt hat, fand er im September fünf Eier von Aedes albopictus, der Tigermücke. Im seinem Heidelberger Labor hat der Doktorand versucht, sie zum Schlüpfen zu bringen.

"Das hat sogar erst beim dritten Mal geklappt, das liegt daran, dass es sehr wahrscheinlich schon Diapause-Eier sind. Das sind Eier, die einerseits eine Schlupfhemmung haben, so dass die Larven nicht in die schlechte Jahreszeit, den Winter reinschlüpfen. Zusätzlich haben diese Eier auch eine höhere Kältetoleranz gegenüber Minusgraden bei uns im Winter und können deswegen eigentlich sehr gut überwintern."

Bis zu 70 Eier verteilt ein Tigermücken-Weibchen pro Zyklus auf mehrere Gelege – auf dem Parkplatz dürften also noch mehr davon versteckt sein. Die Tigermücke sucht dunkle Brutplätze, das können Baumhöhlen sein, aber auch Getränkedosen. Oder Autoreifen, die irgendwo aufs Recycling warten. Die werden weltweit gehandelt, mit ihnen ist die Mücke von Südostasien über Japan und die USA rund um den Globus gelangt. 1990 kam sie nach Norditalien – mit unangenehmen Folgen, sagt Kabs-Direktor Norbert Becker.

"Innerhalb weniger Jahre hat sich diese Mücke zum Hauptplageerreger in den Städten Norditaliens bis runter nach Rom ausgebreitet."

Sie fliegt tagsüber, ist ausgesprochen aggressiv und sticht gern Menschen. Inzwischen habe sie sich in Italien in der Kanalisation eingenistet, sagt Becker.

"Das ist das große Problem im Moment, da ist es sehr schwer zu bekämpfen, man hat dort zu lange gewartet mit massiven Bekämpfungsmaßnahmen. Es ist heute zu spät, man wird die Mücke nicht mehr los, und es gilt bei uns darum eben, diese Mücke frühzeitig zu bekämpfen, so dass diese Situation gar nicht erst auftreten kann."

Die Tigermücke kann nämlich gefährliche Krankheitserreger übertragen, sagt Andreas Krüger, Insektenkundler des Bundeswehrfachbereichs für Tropenmedizin am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut.

"Tatsächlich ist es so, dass in der Natur diese Tigermücke bislang nur als Überträger für Chikungunya, was ja jetzt aktuell diskutiert wird, und für Dengue-Fieber in ihrer ursprünglichen Heimat in Ostasien in Frage kommt. Daneben sind Verdachtsmomente zum Beispiel für West-Nil-Virus in Nordamerika, ansonsten hat man eine Liste von etwa 20 verschiedenen Viren, die im Labor, also potenziell von dieser Mücke auch übertragen werden können."

Das Dengue-Fieber kam noch vor 80 Jahren in Griechenland vor, Chikungunya erst in diesem Sommer in Norditalien. Das heißt aber nicht, dass mit der Tigermücke automatisch große Epidemien über Deutschland hereinbrechen.

"Die Mücke kann sich möglicherweise hier etablieren, aber die entsprechenden Viren kommen nicht automatisch nach. Die können höchstens mal in Einzelfällen bei Verknüpfung mehrerer unglücklicher Umstände dann hier zum Ausbruch kommen."

Ohne die Mücke hätten Krankheitserreger aber gar nicht erst die Chance, sich zu verbreiten. Überwintern kann das Insekt zumindest theoretisch in Gegenden, in denen die mittlere Temperatur im Januar über dem Gefrierpunkt bleibt. Sobald im neuen Jahr die Temperaturen steigen, werden Pluskota und Becker dem Insekt auf dem Rastplatz zu Leibe rücken. Gewarnt haben Experten wie Norbert Becker schon lange vor dem Anflug der Tigermücke.

"Wir haben Anträge geschrieben vor fünf, sechs, sieben Jahren, die wurden alle belächelt, die machen Panik oder sonst was, jetzt ist die Mücke da, zumindest mal die Eier sind da, jetzt sind die Viren in Italien, die wir vor sieben Jahren prognostiziert hatten, und da muss man eben sagen, das kann nicht Sache der kommunalen Aktionsgemeinschaft sein, das ist einen staatliche Aufgabe, eine Gesundheitsvorsorge, die gemacht werden muss, und da muss eben dann der Staat Geld investieren. In den nächsten Wochen und Monaten müssen wir darauf drängen, dass diese Arbeiten von Herrn Pluskota unterstützt werden."